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Cesky Sen - Der tschechische Traum
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Cesky Sen - Der tschechische Traum
Von Jürgen Armbruster
Im Jahr 2003 sorgten Vít Klusák und Filip Remunda, zwei Absolventen der Prager Filmakademie, in Tschechien für eine kleine Sensation, die sich sogar zu einem mittelgroßen Skandal ausweitete. Ihr Abschlussfilm „Cesky Sen – Der tschechische Traum“ hätte ungewöhnlicher nicht sein können. Gemeinsam mit einer renommierten Werbeagentur entwickelten sie ein Werbekonzept für einen Hypermarkt (nach Vorbild amerikanischer Malls), der überhaupt nicht existierte – mit verblüffendem und nicht für möglich gehaltenem Erfolg.

Die gesamte Kampagne zu „Cesky Sen“ wurde bis ins kleinsten Detail von Werbe-Profis konzipiert und genügte höchsten Ansprüchen. Es wurden TV- und Radio-Spots entwickelt, 400 Leuchtreklametafeln rund um Prag angemietet und über 200.000 Werbeflyer verteilt. Es gab sogar einen eigenen „Cesky Sen“-Song, der mit einem Chor aus 50 Kindern aufgenommen wurde. Eine eigene Website und Anzeigen in Zeitungen und Magazinen rundeten die Werbeaktivitäten ab. Vít Klusák und Filip Remunda traten als Manager des frei erfundenen Hypermarkts auf. Den eher alternativ gestylten Studenten wurde zunächst bei Hugo Boss ein neues Äußeres verpasst und anschließend wurden sie von einem professionellen Fotografen abgelichtet - die Aufnahmen sollten schließlich möglichst Vertrauens erweckend sein. Das Interesse der Werbeagentur war übrigens nicht ganz uneigennützig, denn wenn es ihnen gelingen würde ein Produkt zu verkaufen, das überhaupt nicht existiert, wäre dies der Rittschlag schlechthin.

Und der Hypermarkt selbst? Der existierte wie bereits gesagt überhaupt nicht. Allerdings wurde etwas außerhalb von Prag gelegen, mitten auf einer Wiese, eine 10 auf 100 Meter große Fassade aufgestellt, die aus einiger Entfernung tatsächlich wie der Eingang zu einem Hypermarkt aussah. Die Macher selbst waren gespannt, wie das Experiment enden würde. Aber was am Tag der Eröffnung geschah, übertraf ihre kühnsten Erwartungen sogar noch. Morgens um 10 Uhr, zur feierlichen „Eröffnung,“ zählte das „Cesky Sen“-Team 4.280 Besucher. Selbst abends um acht Uhr kamen und verließen immer noch sechs Autos pro Minute den Parkplatz. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man sich die Werbekampagne etwas genauer betrachtet. Im Grunde war diese reine Anti-Werbung. „Nicht kommen“, „Nichts einkaufen“, „Nichts ausgeben“ lauteten die Slogans. Selbst der „Cesky Sen“-Song enthielt einen versteckten Hinweis. Nur verstehen wollte diesen eben keiner. Der Prager Bevölkerung wurde im Prinzip über Wochen hinweg die Wahrheit auf dem Silbertablett serviert – und trotzdem strömten sie in Scharen zu dieser ominösen Wiese mitten im Nirgendwo. Dementsprechend gemischt fiel die Resonanz der Opfer aus. Ein Teil der Besucher fühlte sich zwar verschaukelt, lachte aber über sich selbst, ein anderer Teil reagierte mit Wut und Hass.

Mit viel Gefühl und Witz begleiten Vít Klusák und Filip Remunda jeden einzelnen Schritt dieses gigantischen, kaum zu übertreffenden Hoax. Ohne zu pauschalisieren oder ins Plakative abzudriften, stellen sie alle und jeden in Frage: Die Beteiligten aus der Werbebranche, weil sie sich trotz aller moralischen Bedenken im Projekt engagierten, aber auch die Konsumenten, weil sie trotz aller offensichtlichen Hinweise auf die Filmemacher hereingefallen sind. Dabei werden auch Grundsatzfragen aufgeworfen. Verfügen die Medien in unserer heutigen Zeit über eine zu große Macht? Sind die Rezipienten mittlerweile vom medialen Überangebot so abgestumpft, dass sie nicht mehr zwischen wahr und unwahr unterscheiden können? Wie kann es sein, dass eine so gigantische und unverblümte Ente überhaupt funktionieren kann? Es ist schade, dass Vít Klusák und Filip Remunda selbst keine Stellung zu diesen Fragen beziehen. Im Prinzip der einzigen große Schwachpunkte von „Cesky Sen“. Es werden nur Fragen aufgeworfen, aber keine beantwortet.

Die richtig große Bombe ging allerdings erst mit einiger Verspätung hoch. Co-Produzent von „Cesky Sen“ war das staatliche tschechische Fernsehen. Der Film wurde größtenteils mit Steuergeldern finanziert. Dies wurde (vollkommen zu Recht) scharf kritisiert. Aber dadurch wird dem Film zusätzlich noch eine politische Note verliehen. Ungefähr zur gleichen Zeit, als „Cesky Sen“ die tschechische Medienlandschaft erschütterte, startete die Regierung die 70 Millionen Kronen teure Kampagne zum EU-Beitritt im Folgejahr. Dies wurde in der Öffentlichkeit nicht besonders gut aufgenommen und sorgte für extreme Reaktionen. Letztlich musste sogar Premier Vladimir Spidla seine Kampagne für den EU-Beitritt live im Fernsehen verteidigen. Nicht zuletzt wegen „Cesky Sen“ und zwei Studenten aus Prag.

„Ein gewaltiger Hoax, der wider alle Wahrscheinlichkeit tatsächlich funktionierte und für einen mittleren Skandal in Tschechien sorgte,“ schrieb die Neue Welt über „Cesky Sen“. Und genau so ist es. Dies bedeutet allerdings nicht, dass dieser Film für das deutsche Publikum weniger interessant ist. Für alle, die ihre Brötchen in der Medienwelt verdienen, ist „Cesky Sen“ ohnehin ein Pflichttermin. Für alle anderen mag der Einstieg in die Thematik zwar etwas schwerer sein, aber es lohnt sich. „Cesky Sen“ ist ein Film, der es geradezu provoziert, über ihn zu diskutieren. Und damit dürften Vít Klusák und Filip Remunda ihr Ziel erreicht haben, auch wenn sie sich selbst bezüglich ihrer Intention sehr bedeckt halten. Beide Daumen hoch für zwei Studenten, die es wirklich geschafft haben, dass eine ganze Nation das Ding auf ihren Hals einmal wieder wirklich benutzt haben!
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