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Klimt
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Klimt
Von Deike Stagge
Der österreichische Maler Gustav Klimt war mit seiner Kunst schon zu Lebzeiten (1862-1918) sehr umstritten. Vielen Zeitgenossen waren seine Werke unverständlich, ja sogar obszön. Auch über den Film mit dem Titel „Klimt“ wird es sicher heiße Diskussionen geben, denn Regisseur und Drehbuchautor Raoul Ruiz hat mit seiner Verfilmung kein herkömmliches Künsterportrait geschaffen.

Wer bei „Klimt“ ein konventionelles Biopic erwartet, etwa im Stil von Walk The Line oder Avitator, wird mit diesem Film nicht besonders gut klarkommen. Statt des linear erzählten Lebens- oder Leidensweg des Malers oder überhaupt einer nach Drehbuch-Lehrbüchern gestalteten Dramaturgie scheint es fast so, als ob Raoul Ruiz selbst ein bewegtes Klimt-Bild auf der Leinwand malt: ein Kunstwerk ohne stringent erzählten Spannungsbogen oder eine echte Einführung der handelnden Figuren. Stattdessen dreht sich der Film in einer Art bebildertem Gedankenspiel um die Begegnung des Malers Klimt (wie immer großartig: John Malkovich) mit einer mysteriösen Tänzerin (Saffron Burrows) und ihrem Double, der reizvollen Lea de Castro, anlässlich der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900. Nicht nur die Begegnung mit den beiden Damen verwirrt den zu diesem Zeitpunkt bereits berühmt-berüchtigten Maler. Ein Mann (Stephen Dillane) stellt sich ihm als österreichischer Sekretär vor, scheint aber irgendwie mit Lea de Castro und auch mit Klimt selbst verbunden zu sein. Der Maler verliebt sich, weiß aber nicht so recht, in welche der Damen. Er versucht herauszufinden, welche nun die „Echte“ und welche die Doppelgängerin ist. Zeitgleich muss Klimt seine Werke in den österreichischen Kunstkreisen rechtfertigen. Sein Erfolg hängt von der Sympathie des Ministers und einiger einflussreicher Mäzene ab. Zur Seite steht ihm treuherzig Emile Flöge (Veronica Ferres), die nicht nur über ausgezeichnete Kontakte verfügt, sondern auch seine beste Freundin und Vertraute ist.

Das ist dann auch alles, was man als Handlungselemente beim Ansehen ausmachen kann. Der Film springt zwischen den Szenen hin und her, ohne einer festen dramaturgischen Struktur zu folgen. Vom Totenbett des Malers, an dem der junge Egon Schiele (Nikolai Kinski) wacht, als einziger Exposition werden die verschiedenen Rückblenden lose verknüpft. Die einzelnen Szenen wirken wie Gedankenspiele, in denen der Regisseur und Autor nach der künstlerischen Motivation Klimts sucht und seinen geistigen Zustand untersucht - vor allem anhand der Leidenschaft für die Tänzerin und den Gesprächen mit dem Sekretär. Diese beiden Figuren tauchen als Leitmotive immer wieder auf. Allerdings kann sich der Zuschauer fragen, ob für dieses Gedankenspiel die reale Vorlage Gustav Klimt überhaupt nötig gewesen wäre. Denn wenig scheint aus dem Lebenslauf übernommen worden zu sein, Informationen zu Klimt und seinem Werk werden dem Publikum nicht geliefert. Es ist durchaus ratsam, sich vorab etwas über den Maler und dessen Leben zu informieren, um die Figur besser zu verstehen.

Doch nicht nur die Erzählstruktur des Tausendsassas Raoul Ruiz („Dias De Campo“, „Ce Jour-Lá“) ist absolut bemerkenswert. Auch in der Inszenierung versucht er durchweg, unkonventionelle Mittel einzusetzen. Statt des so genannten establishing shots, einer die Szene einleitenden Einstellung, welche dem Zuschauer eine Übersicht über szenischen Raum und Personen ermöglichen soll, lässt Ruiz seine Kamera in vielen Szenen anfangs kreisen oder sich fortlaufend bewähren. Der Zuschauer erfährt so ein Gefühl der Verwirrung, wie sie auch Klimt in der Intrige um die Tänzerin empfindet, und kann sich nur schwer orientieren. Untermalt wird dies von zum Teil nur als anstrengend zu bezeichnender Geigenmusik oder dem rasselnden Atem des sterbenden Klimt, der akustisch dem Zuschauer das Unvermeidliche immer präsent hält. Aber diese Zusammenstellung ist als Film-Experiment durchaus mutig und spannend, gerade weil sie sich um Klimt dreht.

Und wer hätte gedacht, dass Veronica Ferres (Die wilden Huehner, „Rossini“, „Das Superweib“) mal die Chance bekommen würde, mit der Leinwand-Ikone John Malkovich zu spielen? Auch diese Zusammenstellung der Schauspieler ist ungewöhnlich, funktioniert aber durchaus. Wie in seinen Erfolgen Being John Malkovich, „Con Air“ oder zuletzt Per Anhalter durch die Galaxis beherrscht der amerikanische Schauspieler seine Szenen in jedem Augenblick. Auch als unangepasster Freigeist wirkt er glaubhaft und vielschichtig zugleich, verletzlich und auch um seine unehelichen Kinder stellenweise bemüht. Neben ihm verblassen die Co-Darsteller ein wenig. Für die deutschen Zuschauer ist der Auftritt von Nikolai Kinski (Aeon Flux) sicher besonders interessant. Der Sohn der Leinwandlegende Klaus Kinski (Fitzcarraldo, Woyzeck, Cobra Verde) ist eine talentierte Neuentdeckung und spielt den schüchternen Schiele sehr eindringlich. Nicht zuletzt auch wegen der zauberhaften Saffron Burrows (Troja, „Gangster No 1“, „Deep Blue Sea“) ist „Klimt“ als Ensemblestück sehenswert und durch großartige, aufwendige Kostüme auch noch ansprechend gestaltet.

Aber auch einige Fans ausgefallener Filme haben sicher ihre Probleme mit „Klimt“. Durch seine Machart und Erzählweise positioniert sich der Film und fordert dies auch vom Publikum. Das neueste Werk von Raoul Ruiz ist kein gefälliges Hollywood-Biopic, sondern versucht eine Darstellung der inneren Konflikte und Motivation eines umstrittenen Künstlers, die dem Stil Gustav Klimts angemessen erscheint. Gerade durch den fehlenden Spannungsbogen riskiert Ruiz, dass Zuschauer das Interesse an den Figuren verlieren oder sich gar langweilen. Und auch wenn es vermessen klingt: Wahrscheinlich hätte dieser Film genau deswegen Gustav Klimt gut gefallen.
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