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    Sieben Jahre in Tibet
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Sieben Jahre in Tibet
    Von Jan Hamm
    Westliche Politiker können ein Lied davon trällern: Wer es sich mit der längst in den Kreis der Global Player aufgestiegenen Volksrepublik China nicht verscherzen will, ist mit einem weit geschlagenen Bogen um den Dalai Lama gut beraten. Das musste auch Arthouse-Regisseur Jean Jacques-Annaud erfahren, als er unweit der chinesischen Grenze dazu ansetzte, Heinrich Harrers autobiographischen Roman „Sieben Jahre in Tibet“ auf Zelluloid zu bannen. Was sich da hinter den politischen Kulissen abgespielt hat, bleibt ein Mysterium. Zumindest ließ Indien die Drehgenehmigung platzen und zwang die bereits angelaufene Produktion zum Umzug in die argentinischen Anden und Annaud damit zu einem logistischen Stunt sondersgleichen. Dass der fertige Film ein so kraftvolles Kinoerlebnis geworden ist, darf als Triumph gelten. Nach Meisterwerken wie Am Anfang war das Feuer oder Der Name der Rose zeigt der Franzose mit „Sieben Jahre in Tibet“ einmal mehr, wie virtuos er atemberaubende Visualität und taktvolle Erzählung zu kombinieren versteht.

    Deutschland, 1939: Seine schwangere Gemahlin zurücklassend, schließt sich Heinrich Harrer (Brad Pitt, Inglourious Basterds, Der seltsame Fall des Benjamin Button) einer Himalaya-Expedition an. Kaum an den Flanken des Nanga Parbat angekommen, bricht sich der Egozentrismus des Österreichers Bahn und beschwört einen hitzigen Konflikt mit Expeditionsleiter Peter Aufschnaiter (David Thewlis, Harry Potter und der Halbblutprinz, Der Junge im gestreiften Pyjama) herauf. Ehe es zur Katastrophe kommt, treffen die Kontrahenten just zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf britische Militärs, die ihr Recht als Kolonialmacht Indiens geltend machen und die Männer in ein Internierungscamp stecken. Erst 1944 gelingt der Ausbruch. Widerwillig raufen Harrer und Aufschnaiter sich zusammen und flüchten gemeinsam ins nahe Tibet. Dort, auf dem Dach der Welt, schließt Harrer mit Tenzin Gyatso (Jamyang Jamtsho Wangchuk), dem 14. Dalai Lama, eine Freundschaft, die sein Wesen von Grund auf verändern wird...

    Das außergewöhnliche Leben Heinrich Harrers liefert zwar die Vorlage, im Kern ist „Sieben Jahre in Tibet“ aber eine Erzählung des Auteurs Annaud. Denn als eisigen Narzissten hat Harrer sich in seinem Reisebericht selbstverständlich nicht gezeichnet. Auf historischer Basis entwirft Annaud zur Abbildung einer fundamentalen Transformation seine eigene Figur, lässt Aspekte wie Harrers SS-Vergangenheit fallen und dichtet zugunsten einer präzisen Exposition eine Ehekrise hinzu. Während Expedition, Kriegsgefangenschaft und Odyssee durch den Himalaya begleitet werden, zeigt Annaud parallel Episoden aus der Kindheit Tenzin Gyatsos und legt so bereits eine Fährte zur späteren Begegnung. Über die motivstarke Montage wird angedeutet, dass auch der eigentlich idealtypisch maskuline Harrer in seiner unbedingten Geltungssucht und Rücksichtslosigkeit noch zutiefst infantil auftritt.

    Annaud versteht das Werden seines Protagonisten als langsames Erwachen aus unartikulierter Aggression und limitierter Weltwahrnehmung. Das schließt an die tibetanische Schule an, ohne sich darauf zu beschränken. Denn Harrers Reise beginnt in Nazideutschland und nicht in den Tempeln Lhasas, sie wird im Fluss großer und kleiner Erfahrungen statt via buddhistischer Lehre vollführt. „Sieben Jahre in Tibet“ ist von Spiritualität durchzogen, ohne jemals in Ethno-Kitsch-Niederungen abzudriften. Das liegt vor allem daran, dass Annaud es nicht nötig hat, seinen Punkt mit dem Holzhammer vorzutragen. Weder wirft sich Harrer am Ende in Mönchsroben, noch wird er zum karitativen Gutmensch – geschweige denn, dass seine Läuterung die kaputte Ehe kitten könnte.

    Kontemplative Momente ganz eigener Art bietet die majestätische Kulisse von „Sieben Jahre in Tibet“. Alleine mit der perfektionistisch nachgebauten Erhabenheit der verbotenen Stadt Lhasa zahlt sich jeder Cent der 70-Millionen-Dollar-Produktion auf der Leinwand aus. Von der Architektur über die Textilien bis hin zur tibetanischen Küche wurde so detailliert gearbeitet, dass der kulturell damit vertraute Teil der Crew angeblich Probleme hatte, aus den Drehs in die Realität zurück zu finden. Rund 100 buddhistische Mönche, die das Umfeld ihrer Klöster nie verlassen hatten, konnte Annaud dazu motivieren, ihm auf die andere Seite des Planeten zu folgen. Yaks gibt es in den Anden freilich eben so wenig, und so mussten die Tiere mit einem grotesken bürokratischen Salto aus Montana - mit Pässen samt Name, Geburtstag und Nasenabdruck (!) ausgestattet - eingeflogen werden.

    Diese Authentizität schafft einen Raum, in dem die Darsteller sich ganz entfalten können. Bemerkenswert ist dabei, dass Brad Pitt und David Thewlis gleichermaßen an der Ausformulierung der Harrer-Figur beteiligt sind. Erst durch die ständige Spiegelung im Verhältnis mit Thewlis’ grandiosem Peter Aufschnaiter wird die Transformation des Narzissten in ihrer Dimension greifbar. Es ist eine Beziehung immer leiser werdender Töne - bis Harrer mit einem kleinen, aber ganz besonderen Geburtstagsgeschenk für Aufschnaiter um Vergebung für die lange Zerreissprobe bittet. Als Dalai Lama zwischen naiver Kindlichkeit und Weisheit begeistert auch Jamyang Jamtsho Wangchuk auf ganzer Linie, vor allem, wenn er sich mutig der chinesischen Okkupation entgegenstellt. Die betäubend inszenierte Invasion ist hier zwar mehr Episode als Schlussakkord, wirkt aber dennoch so unvermeidlich politisch, dass Chinas Kommunistische Partei Annaud, Pitt und Thewlis flugs ein Einreiseverbot auf Lebenszeit spendierte. Das Kino ist dafür mit „Sieben Jahre in Tibet“ um ein meditatives Widescreen-Epos reicher: ein guter Tausch!
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