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    Neue Regeln für den besten Film: Werden die Oscars so wirklich diverser?
    Von Björn Becher — 09.09.2020 um 13:26
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    Seit Jahren ist Thema, dass die Oscars zu sehr Alter-Weißer-Männer-Club sind. Seit Jahren versucht die Academy, das zu ändern. Nun gibt es neue Regeln. FILMSTARTS-Redakteur Björn Becher sieht das als richtigen Schritt, ist aber noch nicht überzeugt.

    Academy Of Motion Picture Arts And Sciences

    +++ Meinung +++

    In den vergangenen Jahren hat die für die Oscars verantwortliche Academy Of Motion Picture Arts And Sciences vor allem mit ihrer Einladungspolitik versucht, sich diverser aufzustellen. Es wurden mehr Frauen eingeladen, mehr Menschen aus aller Welt. Trotzdem ist die Dominanz weißer Männer immer noch deutlich. Über 80% der Oscar-Wähler*innen sind weiß, rund zwei Drittel sind männlich.

    Die Ergebnisse sind Jahr für Jahr zu sehen: Es werden statistisch überdurchschnittlich viele weiße Männer für den begehrtesten Filmpreis der Welt nominiert.

    Nun soll eine Regeländerung, die es so ähnlich bereits im vergangenen Jahr beim britischen Filmpreis BAFTA gab, die Oscars diverser machen. Doch bringt sie uns wirklich mehr Sieger wie den südkoreanischen Film „Parasite“ in diesem Jahr? Ich bin eher skeptisch, habe aber vor allem andere Bedenken hinsichtlich der neuen Regularien.

    Die neuen Regeln ab 2024 in Kurzform

    Bevor wir über die Regeln sprechen, müssen wir sie natürlich kurz erläutern. Dazu der Hinweis: Die komplette Regeländerung im englischen Original findet sich am Ende des Textes – hier gibt es nur eine kurze Zusammenfassung!

    Wichtig ist erst einmal: Die neuen Regeln gelten erst ab den Oscars 2024 und nur für die Kategorie „Bester Film“. Erst Filme, die für die 96. Oscars im Jahr 2024 für diese Königskategorie eingereicht werden, müssen die neuen Voraussetzungen also erfüllen.

    Was sind diese neuen Voraussetzungen? Kurz gesagt: Alle Beiträge, die um den besten Film konkurrieren wollen, müssen zwei von vier möglichen Kategorien erfüllen. Die Kategorien kann man kurz zusammenfassen mit:

    •  A: Repräsentation auf der Leinwand
    •  B: Repräsentation im Kreativteam
    •  C: Repräsentation in der Industrie
    •  D: Repräsentation im Marketing

    Für das Erfüllen einer dieser vier Kategorien gibt es noch einmal verschiedenste Möglichkeiten (siehe die Übersicht am Ende dieses Artikels). Die für den normalen Filmfan plastischste Kategorie A kann man zum Beispiel erfüllen, wenn ein Hauptdarsteller oder ein bedeutender Nebendarsteller einer unterrepräsentierten Gruppe angehört, aber auch wenn die Hauptgeschichte des Films Themen rund um eine unterrepräsentierte Gruppe behandelt.

    Wird sich wirklich was ändern?

    Gerade diese Kategorie A wird für Aufschreie sorgen, weil einige nun glauben, dass nur Filme bei den Oscars eine Chance haben, bei denen es um Homosexualität oder die Probleme unterdrückter Minderheiten geht. Das ist aber nicht so. Leute, die das sagen, haben die neuen Regeln nicht komplett gelesen (daher noch mal der Verweis auf das Ende des Artikels) oder verstanden. Ich glaube sogar: Es wird sich fast gar nichts ändern!

    So sehr ich Versuche der Academy begrüße, die Oscars dahingehend zu verbessern, dass sie ein breiteres Spektrum von Filmschaffenden abbilden, glaube ich, dass die neuen Regeln vor allem ein gutes Feigenblatt sind, mit dem man zeigen kann, dass man etwas tut – aber ob es wirklich Effekte bringt, wird die Zukunft zeigen. Denn erst einmal scheint es mir so, als würde sich nicht sehr viel direkt ändern.

    Denn die Kategorien sind insgesamt super einfach zu erfüllen und butterweich. Weil Kategorie A die plastischste ist, werden sich in der öffentlichen Debatte alle darauf konzentrieren, alle Diskussionen darum drehen. Doch diese muss ja gar nicht erfüllt werden, die meisten Produktionen werden sich einfach mit zwei der Kategorien B, C oder D qualifizieren, die in der Praxis die viel größere Rolle spielen. Dazu ein Beispiel:

    Beispiel: "The Irishman"

    Mir ist in den sozialen Netzwerken heute so schon mehrfach die Aussage untergekommen, dass Martin Scorseses gefeiertes Netflix-Mafia-Drama „The Irishman“ damit bei den Oscars nicht mehr als Bester Film hätte ins Rennen gehen können. Schließlich ist es ein Film von und mit alten weißen Männern über die Probleme von alten weißen Männern. Solche Aussagen sind aber wohl größtenteils eher der Versuch, mit Polemik Stimmung gegen die Regeln zu machen.

    Ja, „The Irishman“ erfüllt keine der Voraussetzungen für Kategorie A, aber es gibt ja wie gesagt drei weitere Kategorien. Und die erfüllt der Film spielend.

    Für Kategorie B reicht es unter anderem aus, dass zwei leitende Positionen hinter der Kamera von Frauen und eine leitende Position von einer Person aus einer unterrepräsentierten Minderheit bekleidet wurde. All das gab es bei „The Irishman“: zum Beispiel mit Editorin Thelma Schoonmaker, der fürs Casting verantwortlichen Ellen Lewis oder Set-Dekorateurin Regina Graves, um nur einige Frauen zu nennen, und mit u.a. dem hispanischstämmigen Kameramann Rodrigo Prieto gibt es Vertreter der in den Regeln gelisteten Minderheiten-Gruppen.

    Auch Kategorie D hat „The Irishman“ erfüllt. Dafür reicht es, wenn leitende Mitarbeiter*innen in den Bereichen Marketing, Publicity oder Verleih Frauen sind und auch leitende Mitarbeiter*innen bestimmten unterrepräsentierten Minderheiten angehören. Dies dürfte erfüllt sein, weil Netflix ein sehr diverses Marketing-Team hat (allgemein sind die Marketing-Teams Hollywoods deutlich diverser als die Besetzungen der meisten Filme).

    Ergebnis: „The Irishman“ hätte auch mit den neuen Regeln als Bester Film bei den Oscars nominiert werden dürfen.

    Regeln schärfen vor allem Bewusstsein

    Wie das Beispiel „The Irishman“ zeigt (und ich hätte jeden anderen nominierten Film 2020 nehmen können, dieser Film wurde heute nur in den sozialen Medien so oft als angeblich ausgeschlossen genannt), glaube ich nicht, dass sich viel ändern wird. Vor allem gibt es für die Studios einfache Möglichkeiten, die Voraussetzungen der Kriterien zu meistern: So kann man Kategorie C recht einfach erfüllen, wenn bezahlte Ausbildungs- oder Praktikumsplätze mit Frauen oder bestimmten Minderheiten besetzt sind.

    Aber gerade in dieser Hinsicht haben die Regeln ihre nützliche Seite und sind damit per se erst einmal gar nicht schlecht. Denn sie taugen vielleicht dazu, das Bewusstsein in einer Branche zu schärfen, in der Nicht-Weiße und Nicht-cis-Männer immer noch deutliche Nachteile haben, wie sich nicht nur bei der statistisch teilweise schon absurde Ausmaße annehmenden Bevorteilung weißer Männer bei den Oscars (und auch vielen anderen Filmpreisen) zeigt.

    Mein eigentliches Problem mit den Regeln

    Doch es gibt einen kleinen Punkt, bei dem mir die neuen Regeln dann doch Bauchschmerzen bereiten – und den ich in der ersten Diskussion im Netz noch nicht gelesen habe. So verständlich es ist, dass LGBTQ+ unter den unterrepräsentierten Gruppen ist, so problematisch finde ich eine damit verbundene mögliche Entprivatisierung der Sexualität, die sogar weitere Konsequenzen haben kann.

    Die Oscars wollen ja auch dahingehend diverser werden, dass verstärkt großes Kino aus aller Welt ausgezeichnet wird. In vielen Ländern der Welt werden Menschen immer noch wegen ihrer Sexualität staatlich verfolgt. Darüber hinaus gibt es Diskriminierung im Großen wie im Kleinen nahezu rund um den Globus.

    So sehr zu wünschen wäre, dass dies anders ist und sich outen kann, wer sich outen will, kann dies daher noch mit beträchtlichen Konsequenzen verbunden sein. Und ich habe die Befürchtung, dass diese Regeln den Studios als Signal dienen, auch schon in den Jahren vor 2024 offensiv das Erfüllen der Kriterien und die Diversität ihrer Produktionen herauszustellen. Und ich habe daher Angst vor dem Tag, an dem ein Studio für die Oscar-Chancen einen Menschen aus der Filmcrew outet, der vielleicht aus gutem Grund nicht geoutet werden will.

    Der Fehler läge dann natürlich nicht bei der Academy, sondern bei den Studio-Verantwortlichen, aber es wäre ein unschönes Resultat einer an sich gar nicht so schlechten Idee…

    Mein Fazit

    Die Regeln sind keine Revolution. Die von mir bereits gehörte und gelesene Kritik, dass die Oscars damit Siegchancen für Filme von weißen Männern „abschaffen wollen“, ist blanker Unsinn. Am Ende könnte die Regel eigentlich gut sein, um zumindest das Bewusstsein in der Industrie für Diversität und Inklusion weiter zu schärfen. Doch ich habe ein Problem damit, dass ich eine Gefahr sehe, dass sich Menschen outen müssen oder geoutet werden, die es vielleicht nicht tun wollen. Und das sollte eher die Diskussion sein, als die Voraussetzungen der Kategorie A…

    Die Regeln in voller Länge

    Nachfolgend wie bereits erwähnt nun die kompletten Regeln – im englischen Original:

    STANDARD A: ON-SCREEN REPRESENTATION, THEMES AND NARRATIVES
    To achieve Standard A, the film must meet ONE of the following criteria:

    A1. Lead or significant supporting actors

    At least one of the lead actors or significant supporting actors is from an underrepresented racial or ethnic group.

    • Asian
    • Hispanic/Latinx
    • Black/African American
    • Indigenous/Native American/Alaskan Native
    • Middle Eastern/North African
    • Native Hawaiian or other Pacific Islander
    • Other underrepresented race or ethnicity

    A2. General ensemble cast

    At least 30% of all actors in secondary and more minor roles are from at least two of the following underrepresented groups:

    • Women
    • Racial or ethnic group
    • LGBTQ+
    • People with cognitive or physical disabilities, or who are deaf or hard of hearing

    A3. Main storyline/subject matter

    The main storyline(s), theme or narrative of the film is centered on an underrepresented group(s).

    • Women
    • Racial or ethnic group
    • LGBTQ+
    • People with cognitive or physical disabilities, or who are deaf or hard of hearing

    STANDARD B: CREATIVE LEADERSHIP AND PROJECT TEAM
    To achieve Standard B, the film must meet ONE of the criteria below:

    B1. Creative leadership and department heads

    At least two of the following creative leadership positions and department heads — Casting Director, Cinematographer, Composer, Costume Designer, Director, Editor, Hairstylist, Makeup Artist, Producer, Production Designer, Set Decorator, Sound, VFX Supervisor, Writer — are from the following underrepresented groups:

    • Women
    • Racial or ethnic group
    • LGBTQ+
    • People with cognitive or physical disabilities, or who are deaf or hard of hearing

    At least one of those positions must belong to the following underrepresented racial or ethnic group:

    • Asian
    • Hispanic/Latinx
    • Black/African American
    • Indigenous/Native American/Alaskan Native
    • Middle Eastern/North African
    • Native Hawaiian or other Pacific Islander
    • Other underrepresented race or ethnicity

    B2. Other key roles

    At least six other crew/team and technical positions (excluding Production Assistants) are from an underrepresented racial or ethnic group. These positions include but are not limited to First AD, Gaffer, Script Supervisor, etc.

    B3. Overall crew composition

    At least 30% of the film’s crew is from the following underrepresented groups:

    • Women
    • Racial or ethnic group
    • LGBTQ+
    • People with cognitive or physical disabilities, or who are deaf or hard of hearing

    STANDARD C: INDUSTRY ACCESS AND OPPORTUNITIES
    To achieve Standard C, the film must meet BOTH criteria below:

    C1. Paid apprenticeship and internship opportunities

    The film’s distribution or financing company has paid apprenticeships or internships that are from the following underrepresented groups and satisfy the criteria below:

    • Women
    • Racial or ethnic group
    • LGBTQ+
    • People with cognitive or physical disabilities, or who are deaf or hard of hearing

    The major studios/distributors are required to have substantive, ongoing paid apprenticeships/internships inclusive of underrepresented groups (must also include racial or ethnic groups) in most of the following departments: production/development, physical production, post-production, music, VFX, acquisitions, business affairs, distribution, marketing and publicity.

    The mini-major or independent studios/distributors must have a minimum of two apprentices/interns from the above underrepresented groups (at least one from an underrepresented racial or ethnic group) in at least one of the following departments: production/development, physical production, post-production, music, VFX, acquisitions, business affairs, distribution, marketing and publicity.

    C2. Training opportunities and skills development (crew)

    The film’s production, distribution and/or financing company offers training and/or work opportunities for below-the-line skill development to people from the following underrepresented groups:

    • Women
    • Racial or ethnic group
    • LGBTQ+
    • People with cognitive or physical disabilities, or who are deaf or hard of hearing

    STANDARD D: AUDIENCE DEVELOPMENT
    To achieve Standard D, the film must meet the criterion below:

    D1. Representation in marketing, publicity, and distribution

    The studio and/or film company has multiple in-house senior executives from among the following underrepresented groups (must include individuals from underrepresented racial or ethnic groups) on their marketing, publicity, and/or distribution teams.

    • Women
    • Racial or ethnic group:
    •Asian
    •Hispanic/Latinx
    •Black/African American
    •Indigenous/Native American/Alaskan Native
    •Middle Eastern/North African
    •Native Hawaiian or other Pacific Islander
    •Other underrepresented race or ethnicity
    •LGBTQ+
    • People with cognitive or physical disabilities, or who are deaf or hard of hearing

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