Ein Maßkrug voller menschlicher Abgründe
Von Pascal ReisSpätestens seit dem durchschlagenden Kinoerfolg von „Nur noch ein einziges Mal“ und der medial aufmerksam verfolgten Schlammschlacht zwischen den Hauptdarstellern Blake Lively und Justin Baldoni ist der Name Colleen Hoover auch jenen ein Begriff, die weder regelmäßig durch die Untiefen von BookTok scrollen noch romantische Schmöker zu ihrer Lektüre zählen. Mit ihrer niederschwelligen, zugänglichen Prosa und ihren konsequent konfliktgetriebenen Gefühlsdramen hat sich Hoover längst als eine Art inoffizielle Nachfolgerin von Nicholas Sparks („Das Leuchten der Stille“) etabliert.
Ihre Bücher sind folgerichtig nicht nur literarische Bestseller, sondern auch Hollywood wittert darin Kassentriumphe. Mit „Verity – Dunkle Geheimnisse“ startet nun die nächste Hoover-Adaption. Zwar wechselt der Stoff diesmal das Genre und präsentiert sich als düsterer Hochglanz-Thriller, doch wie für die Werke der Schriftstellerin typisch, bemüht sich auch die Adaption von „Als du mich sahst“-Regisseur Michael Showalter permanent um die dramatische Zuspitzung emotionaler Ausnahmezustände.
Sony Pictures
Die junge Autorin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) erhält von Jeremy Crawford (Josh Hartnett) ein ungewöhnliches Angebot: Sie soll die erfolgreiche Buchreihe seiner Ehefrau Verity Crawford (Anne Hathaway) zu Ende schreiben. Seit einem mysteriösen Unfall ist die Bestsellerautorin dazu nicht mehr in der Lage. Um sich auf die Arbeit vorzubereiten, zieht Lowen in das abgelegene Anwesen der Familie und beginnt, Veritys Notizen und unveröffentlichte Manuskripte zu durchforsten. Dabei entdeckt sie verstörende Aufzeichnungen, die ein völlig neues Bild der Schriftstellerin vermitteln und zahlreiche Fragen über ihre Vergangenheit aufwerfen.
Je mehr Lowen über Veritys Leben erfährt, desto schwerer fällt es ihr, zwischen Wahrheit und erfundener Geschichte zu unterscheiden. Gleichzeitig fühlt sie sich zunehmend zu Jeremy hingezogen, wodurch die geheimnisvollen Entdeckungen immer stärker Einfluss auf ihr eigenes Leben nehmen. Bald gerät Lowen in einen Strudel aus Abgründen, Misstrauen und widersprüchlichen Wahrheiten, der sie dazu zwingt, ihre bisherigen Vorstellungen über die Familie und deren Situation zu hinterfragen.
Seit der Veröffentlichung von Colleen Hoovers Roman „Verity“ im Jahr 2018 hält sich auf TikTok hartnäckig das Gerücht, die Bestseller-Autorin habe das Buch gar nicht selbst verfasst, sondern einen Ghostwriter engagiert; mitunter ist sogar von dreistem Ideenklau die Rede. Fast könnte man meinen, Hoover habe die Mutmaßungen selbst in die Welt gesetzt, um der ohnehin wendungsreichen Geschichte über die hohe Kunst, die Wahrheit zu verdrehen, noch eine zusätzliche Ebene zu verleihen – eine, auf der die Fiktion in die Wirklichkeit hinübergreift.
Fest steht jedenfalls: In „Verity“ bleibt kaum etwas dem Zufall überlassen, auch wenn längst nicht jeder Haken der Handlung sonderlich schwer zu erahnen ist. Dass Jeremy als regelrechter Rosenkavalier in Lowens Leben tritt, ist keineswegs bloßes Schicksal. Hinter der Begegnung verbirgt sich selbstverständlich ein düsteres Geheimnis. Schon die beinahe provokative Zuvorkommenheit des von Josh Hartnett gewohnt charismatisch verkörperten Mannes lässt erahnen, dass diese Bekanntschaft unter keinem guten Stern steht. Unmissverständlich unterstrichen wird das, als kurz zuvor ein Fahrradkurier mitten in New York von einem Auto erfasst wird und Lowen von Kopf bis Fuß voller Blut spritzt. Dieser Splattermoment wirkt so drastisch wie eigentümlich deplatziert – und setzt zugleich den Ton für den Rest der Geschichte.
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Sobald das riesige Anwesen am See im verschneiten Vermont als zentraler Schauplatz etabliert ist, gibt sich „Verity“ endgültig als düsterer Mystery-Thriller zu erkennen. Lowen muss sich nicht nur durch die ungeordneten Notizen und Karteikarten wühlen, die Verity zurückgelassen hat, sondern dringt zunehmend auch in den Kopf der nach einem Autounfall katatonisch an den Rollstuhl gefesselten Megastar-Autorin vor – und stößt dabei auf einen schockierenden Abgrund nach dem anderen.
Dabei ist „Verity“ durchaus ein stimmungsvoll inszeniertes Kammerspiel in einer unbezahlbaren, holzvertäfelten Designervilla. Ähnlich wie der Thriller-Hit „The Housemaid – Wenn sie wüsste“ mit Sydney Sweeney versteht es der Film, das Interesse an den sich fortwährend verschiebenden Figurendynamiken wachzuhalten. Zugleich bewegt man sich hier in einer Welt, deren Figuren und Schauplätze unübersehbar dem Reich des Leinwandmärchens entstammen. Das ist durchaus legitim: Wo sich die Ereignisse derart mühelos überschlagen, wird man auf die letzte Plausibilität ohnehin nicht bestehen wollen.
Das Problem ist nur, dass sich Regisseur Michael Showalter und sein Drehbuchautor Nick Antosca nur selten wirklich trauen, dem B-Movie-Überschwang freien Lauf zu lassen. Klar, jeder Twist wird mit der gebotenen Salbung zelebriert. Und dann gibt es eine ganz wunderbar absurde Szene, in der Jeremy und Lowen einen Abend in einem bayerischen Restaurant verbringen, um Wiener Schnitzel zu essen. Wenn Josh Hartnett dazu einen kräftigen Zug aus dem Maßkrug nimmt, während im Hintergrund die Kellnerinnen im Dirndl herumwuseln, geht ein schallendes Gelächter durch die Reihen der Berliner Pressevorstellung. Von diesem bizarren Aberwitz hätte es mehr gebraucht.
Dass „Verity“ auch eine sexuelle Komponente bedienen muss, scheint der attraktiven Dreieckskonstellation von vornherein eingeschrieben. Gerade hier beginnt der Film jedoch am deutlichsten zu schwächeln – und berührt ein altes Problem Colleen Hoovers: die Romantisierung toxischer Verhältnisse. Warum Lowen sich plötzlich zu Jeremy hingezogen fühlt, bleibt jedenfalls abseits eines Glases Whisky reichlich aus der Luft gegriffen. Gerade hier hätte „Verity“ die psychosexuelle Dimension stärker ausspielen und die zunehmende Verschmelzung von Lowen und Verity vertiefen können, statt sich damit zu begnügen, beide Frauen beim Orgasmus mit Gebissspuren im Bettrahmen zu verewigen.
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Dass „Verity“ über die etwas zu üppige Laufzeit von 120 Minuten dennoch zumeist bei Laune hält, verdankt sich Hoovers Erfolgsrezept. Die pure Lust an der abstrusen Verdichtung von Emotionen und Konflikten entwickelt in ihrer konsequenten Überkonstruktion eine faszinierende Sogwirkung – irgendwo zwischen auf Hochglanz polierter Seifenoper und B-Movie-Thriller, untermalt von mysteriös vor sich hin klimpernden Pianoklängen.
Fazit: „Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist eine Colleen-Hoover-Adaption durch und durch: In Hochglanzbildern werden menschliche Abgründe aufgereiht, Gefühle salbungsvoll ausgestellt und jede Menge Haken geschlagen. Das macht zwar auch dank des attraktiven und engagierten Star-Trios Spaß, hätte in Sachen theatralischem B-Movie-Enthusiasmus aber ruhig noch die eine oder andere Schippe drauflegen können.