Die Abschaffung einer Kultfigur
Ein Relikt (von lat. relinquere – zurücklassen, verlassen) ist laut Spektrum der Wissenschaft eine „Sippe, die aus einem Gebiet, in dem sie früher weiter verbreitet war, bis auf einen oder wenige Fundorte verschwunden ist.“ Stromberg – Wieder alles wie immer macht aus seiner Hauptfigur genau eine solches Relikt, das in diesem Fall keine Sippe ist, aber ein bis auf wenige Fundorte verschwundenes Phänomen. So zumindest die Unterstellung der Filmemacher (Regie: Arne Feldhusen), die Stromberg und damit den chaotischen Chef (etc.) als aussterbendes Wesen, als Sonderling darstellen, der im Film zunehmend wahnsinnig wird, sich ausgestoßen fühlt und verstörend gewalttätig gegenüber anderen und später auch sich wird. Damit verliert er jede Leichtigkeit und ist ein hochgradig politisch aufgeladenes Kulturkampf-Symbol (auch vor dem fiktiven Talkshow-Studio tobt ebendieser Kampf). Damit bleibt von Stromberg nicht das von den Fans so sehr gewünschte Reliquienhafte, sondern das Relikthafte. Er wird im Laufe von knapp 100 Minuten zunehmend abgeschafft. Dass problematisches Verhalten in und aus Führungsetagen, cholerische Anfälle, Mobbing und Diskriminierung eventuell doch nicht so aus der Zeit gefallen, also Relikt, sind, wie der Film unterstellt, wird nicht thematisiert.
Der Cast ist würdevoll gealtert, allen voran Stromberg selbst, viele Witze über Randgruppen sorgen für teils ausufernde Lacher im Kinopublikum. Dieses Mal aber unter anderem Vorzeichen: Durch das Etablieren einer Meta-Ebene (im Film selbst wird ein Film, in diesem Fall eine Talkshow, produziert, in der wiederum der ‚alte‘ Stromberg-Cast auftreten soll) wird versucht, eine kritische Distanz zu allen möglichen Witzen und seinem Personal aufzubauen. Vermutlich aus Angst, sich angreifbar zu machen wegen eines nicht mehr zeitgemäßen Witzes, kommentiert Stromberg selbst wieder und immer wieder, dass man bestimmte Witze heute nicht mehr machen könne. Das ist mutlos und lässt die Hauptfigur einsam und verloren wirken.
Diese Einsamkeit wird durch die Heimat- und Obdachlosigkeit Strombergs verstärkt. Während Tanja und Ulf in der neuen Capitol arbeiten, Berthold (Ernie) Buchautor und Lebenscoach ist und Jennifer sich als Content-Creator-Assistentin ihres herrlich nervtötenden neuen Freundes Julian versucht, alle Figuren also mehr oder weniger mit dem jetzigen Zeitgeist zurechtkommen, lernen wir Strombergs neue Arbeitswelt (über die ehemalige Capitol meinte er einst „Die Arbeit ist mehr meine Heimat als meine Heimat!“) die nichtssagende Firma Alpha kennen. In der hat aber keine Kolleginnen und Kollegen, nicht einmal Untergebene; vielmehr dient er hier als filmisches – überhaupt werden ständig Filmausschnitte aus alten Strombergfolgen gezeigt – Negativbeispiel einer untergegangenen Arbeitswelt voller Vorurteile, Wutausbrüche und starker Hierarchien, die den Mitarbeitern zu Schulungszwecken gezeigt werden. Wir als Zuschauer sollen wohl erkennen: Heimat ist das nicht. Und mit Heimatlosen sollte man aufpassen. Sinnbildlich begegnet Stromberg zum Schluss des Films einem Obdachlosen, mit dem er echte Berührungspunkte hat, zum Beispiel das Fehlen einer (weniger physischen als, ja, transzendentalen) Heimat. Die aufgebaute melancholische Fallhöhe, die in Teilen die Lacher im Publikum verstummen lassen, spürt Stromberg dann nach der Begegnung mit dem Obdachlosen ganz körperlich.
Ein Grund, warum der zweite Teil des Films so lange hat auf sich warten lassen, sieht Schauspieler Christoph Maria Herbst darin, dass Autor Ralf Husmann so lange gebraucht habe, dieses Drehbuch zu verfassen. Möglicherweise haben die zehn Jahre Bedenkzeit ein wenig mehr von der Leichtigkeit der Vergangenheit der Serie und des ersten Kinofilms genommen als nötig – auch wenn das Ergebnis sehenswert ist und es wieder viel zu lachen gibt über vermeintliche Randgruppen und Minderheiten.