Vaterland
Durchschnitts-Wertung
3,5
19 Wertungen

6 User-Kritiken

5
0 Kritik
4
1 Kritik
3
3 Kritiken
2
1 Kritik
1
0 Kritik
0
1 Kritik
Sortieren nach:
Die hilfreichsten Kritiken Neueste Kritiken User mit den meisten Kritiken User mit den meisten Followern
FILMGENUSS
FILMGENUSS

1.001 Follower 1.014 Kritiken User folgen

2,5
Veröffentlicht am 17. September 2026
MEPHISTOPHELISCHES NACHGLÜHEN
von Michael Grünwald /

An dir, liebes Deutschland, ist ein Dichter verloren gegangen. Thomas Mann, einer der größten deutschsprachigen Wortakrobaten des 20. Jahrhunderts, dem wir die Buddenbrooks, den Zauberberg oder den Tod in Venedig zu verdanken haben, hatte 1933 diesem in den Untergang treibenden Vaterland den Rücken gekehrt. Wieder einer weniger von all den Intellektuellen, die rechtzeitig erkannt hatten, dass einer wie Hitler nichts Gutes bringen kann.

Zwischen den politischen Stühlen

17 Jahre später, so viel zumindest sagen die historischen Fakten, ist der Vater der Literatur und Vater von Erika und Klaus Mann, der sich in diesem Jahr auch das Leben nehmen wird, zurückgekehrt. Die Absicht, von West und Ost instrumentalisiert zu werden, hegt er nicht. Die beiden politischen Systeme des Landes – der liberale Westen, der es sich gerichtet hat, und natürlich die kommunistische DDR – wollen diesen klugen Kopf aber für sich beanspruchen.

Hier wie dort soll Thomas Mann mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet werden, benannt nach einem weiteren Halbgott der Literatur, der zu Lebzeiten mehrfach durchsickern ließ, nicht allzu viel vom jüdischen Volk zu halten. Doch das scheint eine andere Geschichte zu sein, denn Goethe ist in Paweł Pawlikowskis eng gesetztem Psychogramm das personifizierte Nachglühen einer längst vergangenen Welt.

Woher komme ich, wenn nicht von hier?

Dieses Nicht-Wiedererkennen einer Heimat ist das Kernstück dieser schwarzweißen Beobachtung, Hanns Zischler als Thomas Mann findet keine emotionale Regung für dieses Dilemma und verkriecht sich hinter seinen Satzeskapaden, die er, unverständlich fürs zuhörende Volk, zum Besten gibt. Wie Perlen vor die Säue kommen seine Reden rüber, applaudiert wird, weil man applaudieren muss.

Mit im Buick, der durchs Land fährt, vorbei an ruinenhaften Zeitzeugen des Krieges, sitzt Tochter Erika. Dem nachglühenden, mephistophelischen Faschismus, den das Land wie ein schlummerndes Virus immer noch in sich trägt, stellt sie sich mit verbalem Unmut und einer Ohrfeige, die ganz allein Gustav Gründgens gehört.

In dieser einen Szene, die fast schon als Kernstück von Vaterland anzusehen ist, bündelt Pawlikowski den ganzen Frust derjenigen, die bislang geglaubt haben, Deutschland habe aus seinen Fehlern gelernt. Joachim Meyerhoff liefert hier in dieser Szene das Bild eines Elite-Deutschen, der sich zugunsten des Ruhms gerne auch mit dem Teufel arrangiert hat. Erkannt hat das Klaus Mann schon viel früher, als er Mephisto schrieb und den Charakter Gründgens in sein Werk mit einfließen ließ.

Thomas Mann arrangiert sich auch. Vielleicht aber eher, um einen ganz anderen Frust auszuhalten, nämlich den, der mit einer Verzweiflung einhergeht, das Vaterland vollends verloren zu haben.

Der Blick an der Seele vorbei

Pawlikowski lässt erkennen, welche Gespenster die Familie Mann immer noch heimsuchen – die des vergangenen, des gegenwärtigen und des zukünftigen Deutschland. Das heißt aber nicht, dass er diesen historischen Figuren auch Tiefe gibt. Die fehlt in Vaterland über weite Strecken, sie gehen verloren in der Rekonstruktion überforderter Laudatoren, die dem Rückkehrer zujubeln.

Vaterland hält sich mit einer Agenda auf, die wohl besser dafür genutzt worden wäre, dem Dichter mehr in die Seele zu blicken. Sandra Hüller versucht das Defizit zu kompensieren, und übertüncht wird das dünne Handlungskonstrukt mit einer erlesenen Bildsprache, die beeindruckend authentisch wirkt. Pawlikowski ist wohl mehr ein Meister des visuellen Arrangements als der Dramaturgie, ungeachtet seiner Palme, die ihm dieses Jahr für die beste Regie verliehen wurde.

Geschmackvoll, aber starr

In der reduktiven Sachlichkeit seiner Bilder stecken virtuose Schachzüge. Die Schlüsselszene mit August Diehl zu Beginn des Films ist eine einzige statische Einstellung mit Bedacht aufs Detail. Gesprächspartner bleiben im Off, bevor sie ins Bild gerückt werden oder bleiben, am anderen Ende der Telefonleitung, gesichtslos positioniert. All das ist streng komponiert, völlig durchdacht – und letztlich auch auffallend starr, was die eigentliche Erzählung betrifft.

In diesem Korsett bewegt sie sich kaum, doch vielleicht spiegelt das die Gefühlswelt unfehlbarer Dichter wie Mann oder Goethe wider, die gerne mit ihrem Ego zeitlos erhaben über allem wären. Was sie letztlich nicht sind.


Mehr Reviews und Analysen gibt's auf !
Gringo93
Gringo93

358 Follower 452 Kritiken User folgen

3,5
Veröffentlicht am 26. August 2026
Fazit: Historisches (und partiell-fiktives) Drama über einen spannenden Lebenspart von Thomas Mann. Wie von Pawlikowski gewohnt stark bebildert und großartig gespielt, lässt der Film trotz Interpretationsspielräumen einige Fragen offen und sämtlichen Tiefgang oft vermissen, indem er oft die Oberfläche einiger Themen nur ankratzt.
David Willson
David Willson

1 Follower 146 Kritiken User folgen

3,5
Veröffentlicht am 23. September 2026
Mann bekommt ein warme herzliches Willkommen zurück in Deutschland in 1949, zuerst in Frankfurt und danach im Osten besonders Weimar.
Viele wollten Manns Berühmtheit und akademische Gewicht für ihre eigene Lobbys gewinnen, Mann versuchte aber unabhängig zu bleiben.
In Vaterland wird auf einer Seite diese warmes Empfang gezeigt, aber auch die spannende Verlorenheit oder Resignation bezüglich dem drogenabhängigen Sohn Klaus und sein Selbstmord.
Die Schwarz-Weiß Inszenierung verleiht die ganze Szene eine gewisse Authentizität und Hüller und Zisschler glänzen.
White Tiger
White Tiger

1 Follower 74 Kritiken User folgen

3,5
Veröffentlicht am 10. Oktober 2026
Intensiv gespielt von Sandra Hüller und Hans Zischler. Ich bin ja kein großer Freund von Schwarz--weiß-Filmen, mir ist das heutzutage zu artifiziell, aber hier hat es mich erstaunlich wenig gestört.
Und außerdem nehme ich den Film zum Anlass, mich mich mit der Geschichte der Manns etwas genauer zu befassen.
Philipp Wojak
Philipp Wojak

1 Kritiken User folgen

0,5
Veröffentlicht am 9. September 2026
Echt sau Langweilig und Monoton danach kann man super einschlafen wenn mann nucht schon während des Films einschläft
Alexandra von reiswitz
Alexandra von reiswitz

1 Kritiken User folgen

4,0
Veröffentlicht am 13. September 2026
Ruhiger Film ohne Action, dafür eine tiefgehende Bestandsaufnahme des post-Nazi Deutschlands, das nach seiner neuen Identität sucht. Wo ist Heimat, was ist Heimat, diese Frage stellt sich Thomas Mann, diese Frage stellen sich die Deutschen, deren Jugend faschistisch geprägt ist, und nun, system- und orientierungslos in Ruinen von den Alliierten verwaltet werden.
Langweilig vom Spaßfaktor her, sehr eindrückliche Beobachtung der Menschen in den fragilen Jahren nach der Nazi-Herrschaft.
Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?