((ACHTUNG! Der gesamte Text kann SPOILER enthalten))
„Der freie Wille“ ist ein extrem unbequemer Film, der zwar auf seine Art durchaus sehenswert ist, aber sicher auch alles andere, als ein Wohlfühlfilm. Man muss schon in der richtigen Stimmung sein, um das alles, was hier gezeigt wird, aushalten zu können, allein schon wegen der enormen Länge von fast 3 Stunden. Mathias Glasner lässt uns einen verstörenden Blick auf zwei kaputte und kranke Seelen werfen, die sich auf eine perverse Art gegenseitig brauchen und ergänzen. Dabei geht es ihm ganz zentral um Theo, alle Figuren um ihn herum (auch Nettie, die freilich die meiste Screentime nach ihm hat) bekommen nur gerade soviel Backstory und Subtext, wie es zum Verständnis von Theos Dynamik notwendig ist.
Gasner will kein Beziehungsdrama zeigen, sondern ein nüchternes, ja fast dokumentarisches Psychogramm eines Triebtäters und seines (nicht vorhandenen) freien Willens. Dazu passt auch der sehr unterkühlte Inszenierungsstil, er nutzt ganz bewusst nahezu keine Möglichkeiten der Filmtechnik, es gibt keine raffinierten Perspektiven, keine Kamerafahrten oder Montagen und auch keinerlei Musik. „Das Wichtigste war, Intimität herzustellen, zwischen den Zuschauern und den Schauspielern“ sagt er in einem Interview. Und so erzählt er eben aus der Perspektive des Täters seinen Versuch, nach der Entlassung aus dem Maßregelvollzug wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Aber dieser Versuch ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, Theo ist ein gebrochener, isolierter, unberechenbarer und selbstzerstörerischer Mensch, der sich nach einem normalen Leben sehnt, aber sein zwanghafter Trieb ihm dies verunmöglicht. Der freie Wille ist letztlich für ihn nur eine Illusion.
Nettie fühlt sich instinktiv zu Theo hingezogen, weil sie gewissermaßen subliminal spürt, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt. Sie kommt selbst aus einer toxischen, abhängigen Beziehung zu ihrem Vater und sucht jemanden, der sie braucht, um sich selbst wertvoll zu fühlen. Theos ablehnendes Verhalten zu Beginn und seine Unmöglichkeit von intimer Nähe wirkt auf sie vertraut, da sie Gewalt und emotionale Kälte von zu Hause, von ihrem Vater kennt. Es wird nie explizit ausbuchstabiert, aber durch verschiedene kleine Szenen zeigt uns Mathias Glasner ihren Vater als einen herrischen und emotional missbräuchlichen Mann, psychisch unterdrückt. Wahrscheinlich hat sie hat nie gelernt, Grenzen zu setzen oder Autonomie zu entwickeln, was sie also zur perfekten „Ergänzung“ für Theo macht. Während Theo ein Triebproblem hat, hat Nettie ein Bindungsproblem.
Vielleicht ist das auch ein Punkt, der den Film so schwer zugänglich macht. Es wird hier nichts erklärt, es gibt keine erklärenden Rückblenden oder ähnliches, der Regisseur arbeitet lediglich mit sehr subtilen Hinweisen und sehr viel Subtext (Blicke, Mimik, Gestik, Einstellungen, Perspektiven, Verhalten). Zusammen mit der Schwere der Thematik und der enormen Laufzeit, macht das den Film in vielerlei Hinsicht sehr schwer verdaulich. Und so ist eben konsequenterweise auch die letzte Szene gewissermaßen die ultimative Kapitulation. Theo schneidet sich die Pulsadern auf, Nettie sitzt daneben – unfähig (oder bewusst?) einzugreifen. Sie akzeptiert wissentlich seinen Tod als einzige Möglichkeit der Erlösung – für ihn und aber auch für sie. Gleichzeitig zeigt das aber auch, dass sie schon moralisch so sehr entfremdet von der „normalen“ Welt ist, dass sie selbst nichts tun kann, außer zu schreien. Und in gewisser Weise nimmt sie seine Entscheidung zum Suizid auch als letztes, ultimatives Zugeständnis an seinen freien Willen an.
Also wie gesagt: Kein Film für jeden und kein Film für jede Gelegenheit. Nur wer sich explizit dazu bereit erklärt, in die Abgründe der menschlichen Seele hinabzusteigen und nur wer sich bewusst dazu entscheidet, dies über einen Zeitraum von fast 3 Stunden zu tun, der wird dann aber schon zur Zielgruppe gehören, die dem Film auch etwas abgewinnen kann. Psychologisch herausfordernd, aber allemal sehenswert allein schon wegen Jürgen Vogel, der ist hier einfach unfassbar gut. Ein starkes Stück deutsches Kino, holla! Die Waldfee!