DESCENT – Mit diesem Film legt Regisseurin Talia Lugacy 2007 ihren ersten Langfilm vor. Mit einer Handvoll vorwiegend unbekannter Schauspieler wagt sie sich mit diesem Titel an ein Thema, das nicht neu und nie alt ist – die Vergewaltigung einer jungen Frau.
Maya zieht nach New York, um ihr Studium zu beginnen und ihrem Vergewaltiger Jared (Chad Faust) zu begegnen. Und schon hier wird ein erstes Problem erkennbar – unsere Protagonistin, von Rosario Dawson (28) gespielt, wirkt nicht mehr ganz so jung, wie es bei einer Studienanfängerin zu erwarten wäre (s.a. RULES OF ATTRACTION). Vielmehr ist es aber die distanzierte und wenig arglose Attitude Mayas die sie als Opfer zunächst unpassend erscheinen lässt. Dennoch funktioniert die Rolle, denn die Schöne prüde ziert sich und spielt ihre „Guts“ gegenüber Jared glaubhaft aus. Die beiden begegnen sich auf einer College-Party und so recht passt Maya nicht zwischen all die sweatshirttragenden Footballspieler, die ihre Getränke aus Plastikbechern zu sich nehmen. Zu erhaben wirkt Maya und ihre verschlossene Art bewirkt, dass sie keinen rechten Kontakt herstellen kann. Jared scheint der einzige zu sein, der Interesse an ihr zeigt und sich durch seine offene Art und dem stets freundlichen Lächeln unumgänglich präsentiert. Dennoch deutet sich schon früh sein herausfordernder Charakter an, als er Maya nach der ersten Abfuhr den Weg direkt körperlich versperrt. Die sich nun ergebenen Gespräche versetzen den Zuschauer mehr und mehr in die ganz eigene Dimension des Films – das Spiel und die Zusammenstellung der Schauspieler bzw. deren Konstellation ist es nämlich, was ihn ausmacht. Andererseits birgt dies auch eine große Gefahr, denn wer die fein gezeichneten Spannungen der ersten Begegnung zweier so unterschiedlicher Charaktere nicht lesen kann, der wird dem folgenden Programm nicht viel abgewinnen können.
Dennoch kann das hervorragende Casting leider nicht vollends über die eher schwache Gesamtdramaturgie hinwegtäuschen, denn das die Begegnung von Jared für Maya Folgen haben wird, spürt der Zuschauer recht schnell. Anders als bis zum ersten Plotpoint, wird Maya im Weiteren nun charakterlich schwächer, fühlt sich Jareds offener Art gegenüber unterlegen. Dieser ist zwar primitv, aber immer auch charmant provokant. Das seine brutale Natur dann doch überhand nehmen soll, kommt in einer ausgedehnten Vergewaltigungsszene zum Vorschein. Hierbei bleibt die Kamera konstant auf beiden Gesichtern und zeigt so besonders eindringlich die Verletzlichkeit einer Person in der Situation absoluter Hilflosigkeit. Das nächste Kapitel springt in die nähere Zukunft und zeichnet das Bild einer gebrochenen und innerlich zerstörten Frau. Mayas Einsamkeit in New York führt sie zu einem exzessiven Lebensstil in den nächtlichen Clubs, der eigentlich nur in gestylten Bildkonstruktionen tanzender Ekstanten gezeigt wird und zudem eine weitere Schlüsselfigur vorstellt – den DJ und „Helfer der Hilflosen“ Adrian (Marcus Patrick). Dieser wird Maya auffangen und seinem Namen gerecht werden – das verstörende Finale zeigt fast ausschließlich seinen kräfigen Rücken (soviel sei als Andeutung verraten). Und auch diese Wendung wirkt bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar.
Was sich aber auch hier im Hauptakt, der Konfrontation Mayas mit dem normalen Alltags- und dem dazu kontrastierten Nachtleben als wichtigste Essenz herausstellt, ist erneut die feine Abstimmung von Bild und Interaktion der Charaktere. Auf der Tagseite trifft Maya so auf oberflächliche Boutiquebesitzerinnen und auf das Unverständnis der männlichen Kollegschaft, die sie als Lesbe abstempeln. Auf der Nachtseite findet sie die ethnisch getrennte Körperlichkeit des Nachtclubs, ihrer neuen Familie, die sich um das Oberhaupt Adrian scharrt. Dieser zeigt sich hart und herzlich zugleich, lässt sich von einem schwulen Verehrer oral befriedigen und küsst gleichzeitig zwei Blondinen. Adrian hat seinen Familiencodex und bezeichnet Sex als „just sports“, was uns zu Jareds zweitem Auftritt und der eigentlichen Wendung führt. Dieser taucht aus dem Nichts wieder in Mayas Leben auf, als er einen Kurs an ihrer Uni belegt. Nun kann der Racheplan der zu neuer Stärke gelangten Maya beginnen.
Dennoch handelt es sich bei DESCENT keinesfalls bloß um ein „Rape & Revenge Movie“, denn die befriedigende Befreiung durch die ausgelebte Rache, die den Täter zum Opfer werden lässt, bleibt nicht nur bei Maya, sondern auch beim Betrachter aus. Die Auseinandersetzung mit dem tiefsten Innersten und dem äußeren Umgang mit Vergewaltigungsopfern durch die Gesellschaft ist also das eigentliche Thema Lugacys. Vermutlich ist dabei gerade die oft lakonisch gezeichnete Charakterentwicklung die schwierigste Hürde für das größere Publikum, denn Sensibilität und Aufmerksamkeit sind gefordert und diese Initiative kann wohl nicht von jedem Betrachter verlangt oder erbracht werden.