Die oberen Zehntausend
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Sebastian Schlicht7
Sebastian Schlicht7

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1,5
Veröffentlicht am 30. April 2025
Wenn die Kunst nach unten tritt, statt nach oben...

Es ist schon faszinierend, was in den 50ern Jahren als komisch und lustig galt. Da gibt es natürlich wirklich tolle Exemplare der Komödie, wie etwa „Manche mögen´s heiß“ von 1959, ein Film, der sich auch heute noch gut gehalten hat, trotz seiner teils absurden Handlung. Doch ein Großteil der amerikanischen Filme der 40er, 50er und 60er war nicht zuletzt durch den Hays Code (eine extrem konservative Richtlinie für große Filmproduktionen) vollkommen eintönig und mutlos. Vor allem aber sind einige dieser Werke aus heutiger Sicht kaum noch zu ertragen, wenn man mal Glanz und Gloria weg lässt und sich nur noch auf die Handlung konzentriert. Und damit wären wir bei einem Paradebeispiel von Film: „Die oberen Zehntausend“ von 1956. Eine Musicaladaption der Komödie von 1940, welche auf einem Stück von Philip Barry basiert. Der Name sagt schon viel über das, was wir als Zuschauer hier sehen werden, denn es geht um das Liebesleben der Reichen…

Tracy Lord will nochmal heiraten, denn mit ihrem Ex-Mann Dexter hat es nicht geklappt. Nun will sie den anständigen und etwas steifen George ehelichen. Doch der Ex macht Tracy immer noch schöne Augen und als wäre das nicht genug, macht sich auch noch ein einfacher Reporter einer Klatschpresse an sie ran…

Die Formel dieser Filme ist bekannt. Es gibt zwar wenig Slapstick und kaum unnötige Verwechslungen, dafür aber moralisch sehr fragwürdige „Vorbilder“. Der Antagonist, George, der den forciert, steifen Spielverderber und zukünftigen Ehemann abgeben soll, ist dabei ironischerweise der vernünftigste Charakter im ganzen Film. Er kommt aus der Mittelschicht und hat offenbar noch etwas Sinn für wahren Anstand übrig. Er achtet auf seine Verlobte, wenn sie zu viel getrunken hat und möchte sie vor weiterem Trubel bewahren. Er echauffiert sich darüber, dass sie in der Nacht vor der Hochzeit wahllos mit anderen flirtet und offenbar erst am Tag der Hochzeit zugibt, dass sie doch jemand ganz anderen will.

Sie hingegen wird mit mit ihrem Ex und dem Herzensbrecher von der Klatschpresse als die wilden, wahren Romantiker dargestellt. Dabei spielen Narzissmus, Seitensprünge und Manipulation keine Rolle. Im Gegenteil, sie werden sogar romantisiert. Und über all dem unsinnigen Liebesdrama schwebt der bittere Beigeschmack einer reichen, verwöhnten Gesellschaft, die über arme Menschen lacht. Die Figuren besingen es sogar ganz offen, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen, als reich zu sein. Trinken, rauchen und mit jedermann und jeder Frau rum flirten, wo es nur geht. Auch wenn von der sonst so konservativen, braven Seite eigentlich ein anderer Umgang propagiert wird. Aber wen stört es schon, wenn man reich ist? Wie so viele andere Filme dieser Zeit, zelebriert „Die oberen Zehntausend“ die unmögliche Wunschvorstellung einmal so reich zu sein, wie die Leutchen auf dem Bildschirm. Der feuchte Traum eines CDU- oder FDP-Wählers…

Ja, mir ist bewusst, dass dieser Film fast 70 Jahre alt ist. Filme aus dieser Zeit wirken wie aus einer anderen Welt, was ja auch irgendwie stimmt. Doch großartige Werke der Filmwelt gab es schon 20 Jahre vor diesem glatt polierten Blödsinn. Sieht man sich einen Film wie „Moderne Zeiten“ (1936) von Charlie Chaplin an, dann weiß man, wie kreativ und sozialkritisch gut das Medium sein konnte. Allerdings war die Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg ganz anders eingestellt und das sieht man eben auch in den verkitschten Werken der 50er.

Und das ist schade, denn wir haben hier gute Songs von Cole Porter und mehrere große Gesangslegenden: Bing Crosby, Frank Sinatra und Louis Armstrong. Auch wenn keiner der drei sonderlich gut schauspielern konnte (gerade Crosby und Sinatra spielen konstant nur die coolen Draufgänger, während Armstrong in einer Statistenrolle verkommt), so singen sie doch wunderbar. Schauspielerisch überzeugt hingegen Grace Kelly, nur leider ist ihre Figur furchtbar anstrengend!

Ansonsten bietet der Film schicke Villen, fantastische Kleider und alles, was das reiche Herz begehrt. Ja, die Drehorte sind schön anzusehen, wie auch die Leute an sich, doch was bringt das alles, wenn hinter dem Ganzen eine sehr toxische und auch subtil menschenfeindliche Message steckt?

Fazit: Wer große klassische Musicals mit Kitsch und Glamour liebt, der wird hier auf seine Kosten kommen. Doch ich finde, dass es selbst in dem Musicalgenre deutlich bessere Werke gibt, wie etwa „My Fair Lady“. Und wenn man schon ein kitschiges Musical macht, dann kann man gleich in die Vollen gehen und das Ganze herrlich auskosten, wie in „Hello Dolly“. Diese Filme unterhalten auch ohne sich über ärmere Menschen lustig zu machen.
Mir egal, ob dieser Film hier als Klassiker gilt: Reiche Menschen, die in Saus und Braus leben, ohne dabei irgendwas Sinnvolles zu leisten, sollten nicht so verherrlicht werden, wie hier. Gerade die Kunst ist dazu da, um eben nach oben zu treten, nicht nach unten. Deswegen ist „Die oberen Zehntausend“ für mich auch kein Film der Kunst, sondern ein Film des Geldes (im wahrsten Sinne). Ein berechnendes Produkt von reichen Menschen für reiche Menschen!
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