Also, Uwe Boll war mir ehrlich gesagt bis vor kurzem gar kein Begriff. Scheinbar ist er sowas wie der John Carpenter der 2000er Jahre - jedenfalls kann ich aus Tunnel Rats schließen, daß es Boll ebenfalls gelingt, mit wenig Budget und ohne namhafte Schauspieler passable bis gute Filme zu machen, die relativ stark polarisieren.
Vom Look her kann der Film absolut mit dem Gros der Produktionen mithalten. Von der Farbgebung erinntert er lustigerweise an die Computerspiele Crysis bzw. Call Of Duty 4 - etwas ausgewaschener grün-grau Look und befindet sich damit rein ästhetisch durchaus auf der Höhe der Zeit.
Daß der Film keine Story habe stimmt so nicht - schließlich bietet das Setting genug Spannung aus sich heraus: das Lager der amerikanischen Streitkräfte im Jungel, die Tunnel, die überall Ausgänge und Schiessscharten haben könnten, der unsichtbare Gegner, der sich im Terrain lautlos bewegen kann. Gerade dieser Aspekt wurde hier m.E. sogar besser rübergebracht als in Platoon.
Am Anfang des Filmes sehen wir einen Hubschrauber über einen sich durch Urwald schlängelnden Fluss fliegen - dazu epische, an Hans Zimmer feat. Lisa Gerrard erinnernde Musik. Dann harter Schnitt, und wir hören "In The Year 2525" und dann wieder Schnitt und wir sind zurück bei Zimmer. An diesem Punkt dachte ich: Oh Gott, wenn das schon so losgeht.
Aber das war auch der einzige logische bzw. geschmackliche Fehltritt des Films bzw. der Kontinuität. Nach den etwas zähen ersten 30 Minuten kommt der Film dann ganz gut in Fahrt, namentlich mit der ersten Begehung eines Tunnelsystems in der Nähe des Lagers. Erwartungsgemäß kommt es auch gleich zu Feindkontakt, der durchgehend in sehr expliziten Bildern, aber noch jenseits des bloßen Voyeurismus dargestellt wird.
Gerade die Einstellungen in den Tunneln, wo man die stickige, erdige Luft auf der Zunge zu schmecken meint, entfaltet der Film seine volle Wucht und punktet durch klaustrophobische Momente, die sogar die von Descent deutlich übertreffen. Während die Enge der Tunnel sogar für Beklemmungen ausreicht, ist die Tatsache, daß die Soldaten permanent von phantomartigen Vietcong verfolgt werden, ein amtlicher Thrill.
Stichwort: der Feind. Während "Charlie" in vielen Filmen als dämlich, grausam und oder schlichtes Kanonenfutter dargestellt wird, beschränkt sich die Darstellung - wie bei den US Soldaten - auf einige wenige Figuren, die dadurch aber umso intensiver wirken. Auch gelingt es Boll, relativ unprätentiös die Motivation der Vietnamesen darzustellen, die im Kontext daruch durchaus nachvollziehbar wird. Jeder, der sich etwas näher mit der Indochina Thematik befasst hat wird wissen, daß es im Grunde nicht per se gegen die Amerikaner ging, sondern "nur" das Land nach einer fast 100jährigen Fremdbestimmtheit endlich zu befreien. Ob die Wahl der Mittel nach beiderseitigen Verzweifelungsgrad angemessen war, sein einmal dahingestellt.
Wie immer kommt es zum amtlichen Showdon - sowohl auf der Oberfläche als auch im Tunnel - die Props, die Boll hier verheizt sind für eine LowBudget Produktion beachtlich und abgesehen von ein paar unfreiwillig komischen "Rumzappeln nach von Kugel getroffen worden sein" Einlagen durchaus überdurchschnittlich.
Durch das sehr ruhig gewählte Ende schließt Boll den Film auch eigenwillig und fernab vom Heldengedöns ab, daß er auch hier punktet.
Besonders interessant auch sein Ansatz, daß die Schauspieler keine Texte bekommen haben. Sie sollten auf Grundlage des Storyboards und des Treatments ihre Rollen und Charaktere eigenwillig entwerfen. Auch wenn hier teilweise Stereotype wiederzuerkennen waren - dieser Ansatz kam m.E. in den ruhigeren, emotionaleren Szenen sehr gut zur Geltung.
Insgesamt ein solider Film, der sich durch Setting und Approach noch einen 7. Stern dazuverdienthat.