„Boots—boots—boots—boots—movin' up and down again!“
23 Jahre nachdem Danny Boyle, gemeinsam mit Drehbuchautor Alex Garland den klassischen Horrorfilm revolutionierte und 2007 bereits mit „28 Weeks Later“ eine Fortsetzung existierte wagte man sich nun erneut an den Stoff heran. Auch wenn ich von den beiden Filmen bisher nur in Teilen überzeugt war und ein großer Fan war, so hat mich der grandiose Trailer zum Film doch sehr neugierig gemacht. Am Ende habe ich einen Film bekommen, der mich über einen großen Teil hin überzeugt hat und vor allem emotional mitgerissen hat, aber doch einige Ungereimtheiten aufweist und mich vor allem dank dem Ende mit vielen Fragezeichen zurückließ.
28 Jahre sind vergangen, seitdem das „Wut-Virus“ ausgebrochen ist. Während Europa das Virus eindämmen konnte wurde Großbritannien unter Quarantäne gestellt und sich selbst überlassen. Auf einer kleinen Insel, vor der Küste, die nur durch einen Steck bei Ebbe erreichbar ist, leben Spike und seine Eltern Isla und Jamie in einer kleinen Gemeinde. Vater Jamie will mit seinem Sohn aufs Festland gehen, damit dieser dort seinen ersten Infizierten tötet. Gleichzeitig scheint Mutter Isla schwer krank zu sein und nur ein ominöser Arzt der auf dem Festland lebt scheint ihr helfen zu können.
Lenkt man den Blick nur auf das Handwerkliche, so muss man Boyle doch an vielen Stellen einiges zu Gute halten, auch wenn nicht alles zu 100 Prozent überzeugt. Gerade die Kameraarbeit ist in vielen Szenen einfach überragend und Anthony Dod Mantle schafft es in einer rohen und brutalen Welt doch immer wieder einzigartige und wunderschöne Bilder zu kreieren. Aufnahmen von Wäldern, Infizierte auf einem Hügel, die nur in ihren Silhouetten zu sehen sind, Nordlichter über dem Damm, Sonnenuntergänge, verwitterte Ruinen oder der ominöse Knochentempel sind spektakulär anzusehen. Gleichzeitig mixt er aber auch verschiedene visuelle Stile, die sich abwechseln zwischen gestochen scharfen Szenen und manchmal verschwommen und körnig wirken, wie die Verfilmung von 2002. Auffällig ist zudem die Inszenierung der Kills. Den das Bild stockt bei jedem Treffer für eine Sekunde, nur um den Kill nochmal aus einem anderen Winkel direkt im Anschluss zu zeigen. Das wirkt im ganzen oft schon sehr abgehackt und hätte nicht zwingend so gemacht werden müssen. Gleichzeitig erleben wir hier sehr häufig Axensprünge, die ich bei vielen Filmen kritisieren würde, aber hier zur Unterstützung des Chaos, aber auch der Desorientierung von Mutter Isla sehr clever finde. Womit ich mich häufig nicht anfreunden konnte war die musikalische Untermalung. Diese war an vielen Stellen doch überraschend unpassend.
Inhaltlich offenbaren sich hier große Stärken und Schwächen. „28 Years Later“ beginnt sehr langsam und ruhig und wirkt auch über weite Teile wie die Vorbereitung der Fortsetzungen. Das Gerüst finde ich aber durchaus spannend, vor allem weil der Kern, rund um das Drama in der Familie sehr mitreißend ist und mich auch abgeholt hat. Mehr noch als in den anderen Teilen. Zudem werden hier vollkommen neue Dinge etabliert, die zu Teilen gut sind, zu Teilen fragen aufwerfen und mich an vielen Stellen noch überlegen lassen, was ich davon halte. Eine gewisse Spiritualität findet Einzug und es entstehen Hoffnungsschimmer, gleichzeitig baut man aber auch neue Formen der Infizierten ein, die stark an „The Last Of Us“ erinnern. Interessant dahingehend, da sich das Spiel damals sehr stark an die 28 Filme angelehnt hat. Zudem passiert etwas in einem Zug, wovon ich noch nicht gänzlich überzeugt bin, außerdem wirkt es für mich nicht ganz greifbar, dass sich die Erde normal weiterentwickelt, aber auf Großbritannien ein solchen Szenario herrscht, ohne dass man eingreift.
Größter Paukenschlag bleibt aber das Ende. Hätte man den Film fünf Minuten früher beendet wäre ich weniger gespalten, aber gerade das Ende wirkte vollkommen konträr zum Rest des Films und bricht tonal in voller Gänze. Das war für mich sehr unbefriedigend und macht mich doch sehr skeptisch wegen der Fortsetzung. Besonders da ich über die vorherigen Fehler noch hinwegsehen kann, sofern man die Punkte in den Fortsetzungen aufgreift.
Herzstück sind hier aber die Figuren und ihre Darsteller. Aaron Taylor-Johnson macht seine Sache gewohnt gut und ich kaufe ihn seine Figur vollkommen ab. Man sympathisiert mit ihm, hat aber auch eine Antipathie. Gleichzeitig ist Jodie Comer wieder eine Wucht. Sie überstrahlt in jedem Film, in dem sie mitwirkt und gibt ihre Figur der Isla in ihren verwirrten Momenten unglaublich stark und versprüht zeitgleich viele Liebe. Ralph Fiennes taucht zwar erst spät im Film auf, zeigt sich aber wieder von seiner besten Seite und vermittelt Hoffnung, Wärme und etwas Gutes in dieser Welt. Edvin Ryding hat als schwedischer Soldat eine kleine Rolle, zeigt uns aber den Blick auf die Welt abseits der Quarantäne und kritisiert gleichzeitig auch wieder die gewünschte Kriegstüchtigkeit, die von alten Männern gefordert wird. Auf die Indoktrinierung reingefallen, erkennt er erst zu spät, dass er lieber Kurier geworden wäre, als hier sein Leben aufs Spiel zu setzen. Das Highlight bleibt aber der 13 Jahre alte Alfie Williams als Spike. Er stiehlt hier die Show ist Hauptfigur und spielt das großartig. Ein junger Lichtblick am Schauspielhimmel, der mit diesem Talent noch viel machen darf. Aus seiner Figur nimmt man so viel heraus.
Fazit: „28 Years Later“ ist ein visueller und atmosphärischer Rausch, der vor allem von dem Drama einer Familie lebt. Dabei sind die Figuren das Herz und ihre Darsteller. Die einzelnen Shots sind fantastisch, während sich aber kleine Fehler einschleichen und vor allem die Logik nicht immer Sinn macht. Das Ende lässt sich aber so sehr mit einem „WTF?“-Moment zurück wie noch nie. Auch wenn ich bei vielen Aspekten gespannt auf die Fortsetzung bin, so hinterlässt dieser Punkt einen negativen Beigeschmack. Dennoch funktioniert der Film für sich und hat mir über den größten Teil gut gefallen.