Ich habe mich mehrfach an „Casino“ erinnert gefühlt, obwohl „Boogie Nights“ natürlich um Welten nicht an Martin Scorseses Meisterwerk herankommt. Aber die Art, wie alles gefilmt wird, mit den langen Kamerafahrten über den Rücken der Personen oder auch die Kollagen mit mehreren unterschiedlichen Szenarien, die immer wieder gegengeschnitten sind und von treibenden Disco-Songs unterlegt, das war schon ziemlich ähnlich. Auch die hektische Aneinanderreihung von Einzelepisoden, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken oder die oft aggressiven Dialoge, in denen mehrere Personen gleichzeitig sprechen, erinnern an „Casino“. Vielleicht hatte Paul Thomas Anderson zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht so richtig seinen eigenen Stil gefunden…?
Wie auch immer, „Boogie Nights“ hat nicht wirklich eine Handlung im engeren Sinne, im Zentrum steht Eddie Adams (Mark Wahlberg), den wir von seiner Entdeckung 1977 bis Anfang 1984 begleiten. Dabei wird ein mehr oder weniger realistischer Blick auf die Pornofilmindustrie Ende der 70er geworfen, eine Zeit, die geprägt war von der großen Umstellung vom Kinofilm auf den Videofilm – eine Entwicklung, die auch im Film thematisiert wird. Das ist manchmal interessant, manchmal aufregend, manchmal langweilig und manchmal auch nervig. Dass der Film nicht völlig zerfasert und trotzdem ein rundes Ganzes ergibt, liegt in erster Linie – man muss es mal aussprechen – an der alles überragenden Performance von Burt Reynolds. Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 60-jährige bildet noch viel mehr als Mark Wahlberg das emotionale Zentrum des Films, er ist knallharter Businessman, hält aber auch wie ein Vater seinen ganzen Stab an Mitarbeitern zusammen. Ihn hier beim Schauspielen zuzusehen, ist eine wahre Freude und eine echte Offenbarung!
Und wenngleich der Film mit Hollywood-Stars geradezu inflationär besetzt ist, verblassen doch alle in seinem Schatten. Besonders enttäuschend ist Mark Wahlberg, der hier als Dirk Diggler so gar kein Charisma hat und eher als unterbelichteter Idiot rüberkommt. Am ehesten können Reynolds vielleicht noch William H. Macy und Julianne Moore das Wasser reichen, und natürlich der wie immer grandiose Philip Seymour Hoffman! Auf der Handlungsebene passiert nicht viel Substanzielles, es wird viel geredet, dabei viel über Sex und Pornos, und (vor allem zum Ende hin) wird viel Kokain konsumiert. Interessanterweise kommt der Film aber ohne echte Sexszenen aus, lediglich zu Beginn gibt es eine etwas unbeholfene Szene mit Mark Wahlberg und Julianne Moore, ansonsten ist „Boogie Nights“ als ein Film übers Pornodrehen dann doch ziemlich blutleer. Dass das zentrale Thema am Ende doch so klar ausgespart wurde, verpasst dem Film dann auch „nur“ eine FSK16. Letztlich ist „Boogie Nights“ dann auch keine wirklich realitätsnahe Darstellung der Pornofilmbranche der 70er und frühen 80er Jahre, es geht vielmehr um den Geist und das Ambiente. Dies wiederum fängt der Film ziemlich gut ein.
FAZIT: Beeindruckend eingefangenes late 70ies/early 80ies-Feeling mit cooler Musik und vielen Drogen. Auf der narrativen Ebene kann „Boogie Nights“ jedoch kaum überzeugen, die Handlung verliert sich viel zu oft in belanglosen Sidequests. Dafür gibt es einen grandiosen Burt Reynolds und zahlreiche weitere Millenium-Hollywood-Stars. Als realistische Dokumentation der Pornofilmbranche der Zeit taugt der Film indes wenig. Dennoch wurde ich gut unterhalten, „Boogie Nights“ ist sicherlich kein schlechter Film.