Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, woher die guten Bewertungen für "Gefährten" kommen.
Mein erster Kritikpunkt ist das eigentliche Hauptanliegen des Films, nämlich die Beziehung von Mensch und Tier. Die lange Geschichte über das freundschaftliche Band der beiden lässt sich im Grund auf Zurufe Alberts reduzieren. Ich bin zwar kein Pferde-Experte, aber ich bin mir wirklich nicht sicher, ob durch wiederholtes Zureden ein Pferd wirklich versteht was man von ihm will. Einzig das Anlegen des Geschirrs kam mir als plausible Lernkurve vor. Die Reaktionen der Pferdekennerin an meiner Seite scheinen das auch zu bestätigen. Da muss man sich aber Fragen, ob man nicht eine realistischere Darstellung wählen kann, wenn schon ein Tier der Hauptcharakter ist. Denn Jeremy Irvine kann es nicht sein, zu offen bleibt ein Großteil seiner Geschichte, wenn auch natürlich nicht seine Motivation.
Zumindest, wenn man mal von seinem schnellen und unemotionalen Einsehen absieht, als "Grandpa" das Pferd ersteigert und mitnehmen will. Etwas mehr Verzweiflung oder Fassungslosigkeit oder gönnerische Größe sollte man erwarten, wenn man nach alle dem das geliebte Tier doch wieder abgeben soll. Hier wurden in meinen Augen echte Emotionen gegen einen letzten erzählerischen (schwachen) Twist getauscht.
Der "emotionale" Höhepunkt im Krieg gegen Ende des Films hat bei mir im Kino eher für ein Aufstöhnen unter den Zuschauern gesorgt. Ich habe selten eine so verklärte Szene im Rahmen eines Kriegsschauplatzes gesehen. Es mag viel im Krieg passieren, aber was dort gezeigt wurde, halte ich für absurd und auch mit gutem Willen kaum nachvollziehbar.
Auch andere Szenen zeigen wenig logische Handlungsmotive der Charaktere.
Als Joey erstmals ersteigert werden soll, bietet der Verpächter deutlich mehr, als den Wert des Pferdes. Warum? Weil er es kann und sich nicht von seinem Pächter vor dem Dorf lächerlich machen lassen will. Ist das Eintreiben der Schulden ein Rachefeldzug? Warum erscheint es so, als ob er den Kaufpreis für das Pferd eintreibt, auf welches er selbst geboten hat? Wie kann die "Feuerprobe" beim Pflügen gefühlte wenige Tage nach der Auktion schon über alles entscheiden? Als die beiden kleinen Deserteure gefasst werden, wandelt sich das Motiv des Älteren von "Ich tue alles, um dich zu beschützen, ich habe es hoch und heilig versprochen" trotz des angebotenen Auswegs ("War das ein Versehen?") doch schnell in eine märtyrerische, suizidale Haltung, ohne, dass der Zuschauer einen Grund gezeigt bekommt. Das Mädchen mit den Glasknochen zeigt keinerlei Beeinträchtigungen, abgesehen davon, dass die offenbar schlecht schmeckende Medizin nehmen muss. Auch hier wäre es doch angebracht zu zeigen, wie hart das Leben mit einem Mädchen zu dieser Zeit umgegangen ist. Vielmehr zeigt sich uns ein aufgewecktes süßes Mädchen, wie sich wohl die meisten als Tochter wünschen
Beinahe grotesk schnell wechselt das Wetter von sonnig zu sintflutartigem Regen und (gut, nach der Bestellung des gesamten Feldes) zurück zu sonnig. Auch die gesellschaftliche Rollenverteilung erscheint mir für das frühe Jahrtausend sehr modern.
Positiv ist das Handwerk der restlichen Kriegsszenen hervorzuheben, sowie die musikalische Untermalung.
Schlussendlich kann ich auch nur raten, welches Publikum mit "Gefährten" angesprochen werden soll. Frauen, die sich für Pferde interessieren? Zu viel Krieg, Gewalt und Grausamkeiten. Männer werden es schwer haben, sich mit dem Pferd, bzw. der Mensch-Pferd Beziehung identifizieren zu können. Auch eine realistische Darstellung des Krieges bietet sich hier nicht. Es bleibt viel Kitsch, der vielleicht Jugendliche ansprechen könnte (was auch vorurteilsbeladen ist).
Wenn dieser Film den Oscar für "Bester Film" erhält, ist es die letzte Oscar-Verleihung, die ich gucken werde.