“Bauernopfer” ist kein aufregender Schach-Thriller, wie man vielleicht vermuten könnte. Tatsächlich sind die Szenen, die hier am Schachbrett verbracht werden, gar nicht so häufig, dafür aber – vor allem am Ende – durchaus spannend inszeniert. Aber hier geht es nur in der Nebensache um Schach, vielmehr ist der Film ein Zeitdokument, das sehr eindringlich vor Augen führt, wie im Kalten Krieg selbst so etwas Profanes wie das Schachspiel für politische Zwecke missbraucht wurde. Und so wurde eben auch Bobby Fischer, dessen Biopic das hier ist, so genutzt werden, was jedoch nicht wirklich gut gelang, da er sich aufgrund seiner Persönlichkeit absolut nicht zum amerikanischen Helden eignet. Ganz im Gegenteil, Fischer ist arrogant, exzentrisch, egomanisch und – jetzt kommt’s: psychisch krank.
Bei ihm ist niemals eine offizielle Diagnose gestellt worden – nicht zuletzt auch, weil er sich zu Lebzeiten keinem Arzt anvertraut hat. Dennoch deutet vieles auf eine sog. Wahnhafte Störung hin, im Nachhinein sind sich Experten auch einig, dass dies die treffendste Diagnose ist. Möglicherweise gesellt sich noch eine frühkindliche Autismus-Spektrum-Störung hinzu, da ist man sich aber nicht so sicher. Gesichert ist allerdings – und das wird im Film hervorragend herausgearbeitet -, dass er bereits in jungen Jahren hochgradig paranoid war, im Wesentlichen wähnte er eine Verschwörung der Russen, der Juden oder auch der Amerikaner – oder allen zusammen. Diese Wahnideen machten es ihm dann letztlich auch unmöglich, sich dauerhaft im Profi-Schach zu etablieren. Gegen Ende des Films gibt es diese starke Episode, als Fischer es auf der großen Bühne vor allen Zuschauern, Reporten, Fernsehkameras usw. nicht aushält und seinen Kontrahenten Boris Spasski praktisch nötigt, mit ihm (fast) alleine in einem abgeschiedenen Raum mit nur einer Kamera zu spielen.
“Bauernopfer” endet mit seinem letzten Spiel gegen seinen großen Kontrahenten Spasski, also ist der Film auch nicht so sehr als Biopic angelegt (Fischer ist erst 2008 verstorben), sondern zeichnet eher ein feines Psychogramm eines psychisch schwer kranken Genies, eines, so heißt es an einer Stelle im Film, wie es es nur alle 500 Jahre mal gibt. Seit ich das Buch “Molly’s Game” von Molly Bloom gelesen habe, ist Tobey Maguire in meinem Ansehen erheblich gesunken, als Spiderman fand ich ihn sowieso schon immer mies. Aber die Performance, die er hier zeigt, ist großartig. Seine im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnigen Ausraster sind überzeugend und emotional, immerhin schafft er es, den Großteil des Films zu tragen. Genauso stark ist auch Liev Schreiber als sein Kontrahent Boris Spasski, der leider viel zu wenig Screentime hat. Immerhin spricht Schreiber hier konsequent die ganze Zeit russisch – und wohl auch ganz passabel, wie ich gelesen habe.
FAZIT: Kein Biopic im engeren Sinne und auch kein Schach-Thriller. Dafür aber ein intensiv gefilmtes Psychogramm eines getriebenen, psychisch schwer kranken Menschen, der zwar ein begnadetes Schachtalent war, aber auch eben zu krank, um letztlich in der Schachwelt bestehen zu können. Sehenswert! Weniger für Schachfans (obwohl denen der Name natürlich geläufig sein dürfte), als vielmehr für Fans von realitätsnah gezeichneten Psychostudien.