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DerPjoern
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4,5
Veröffentlicht am 31. März 2013
Habe gestern "Die Jagd" gesehen. Meine Erwartungen waren ehrlicherweise sehr hoch. Als Dogma-Mitbegründer gehört der Regisseur quasi zur Elite des europäischen Kinos. Der Inhalt ist schnell erklärt. In einen kleinen beschaulichen Dorf bezichtigt ein Kindergartenkind zu Unrecht seinen Kindergärtner sie sexuell belästigt zu haben. Der Titel erzählt bereits den Rest. Obwohl der Zuschauer natürlich sehr schnell bei der Geschichte in diese "Ich kann mir schon denken was als nächstes passiert"-Mentalität verfallen könnte, macht es Regisseur Thomas Vinterberg ihm verdammt schwer gedanklich auf Autopilot zu schalten. Dafür ist das Geschehene einfach viel zu aufregend. Und dies ist der Grund warum Vinterbergs Regie grandios ist, weil der Actiongehalt des Films erwartungsgemäß gegen Null geht. Vinterbergs Trumpf sind seine Figuren. Bis in die Nebenrollen sind diese hervorragend geschrieben. Die Figuren sind jederzeit absolut glaubhaft und zutiefst menschlich, aber gleichzeitig auch dramatisch zerrissen. Obwohl es natürlich viel geredet wird sagen Mimik und Gestik der Figuren viel mehr aus oder zwingt den Zuschauer förmlich sich in diese hineinzuversetzen. Vinterberg ist ein perfekter Beobachter und der Zuschauer muss es auch sein. Natürlich funktioniert dies nur, wenn die Darsteller diese Figuren auch so umsetzen. Aber die sind perfekt. Nach dem Film bleiben viele Figuren in Erinnerung und erzwingen förmlich den Austausch zum Thema. Da ist natürlich die Hauptfigur Lucas, der plötzlich mehr Unrecht widerfährt als man aushalten kann. Die kleine Klara, die geprägt von einer "durchsexuallisierten" Umwelt eine impulsive Lüge äußert und die Tragödie mit ansehen muss unter dem Joch der Schuld ohne dass ihre Reue den Prozess zu stoppen scheint, weil ihr die Wahrheit niemand glauben will. Da ist Lucas Sohn Markus, der unbeirrt zu seinem Vater hält und von der Abscheu des Dorfes beinahe erdrückt wird. Und da ist Lucas bester Freund (gleichzeitig Vater von Klara), der hin und hergerissen ebenfalls zu Zerreisen scheint. Das Geschehen bleibt stets im Dorf. Das hilft der Charakterisierung der Dorfwelt ungemein, lässt aber ein paar kleine Fragen offen z.B. wie Lucas mit der Gewalt gegen ihn (polizeilich) umgeht oder wie weit der Fall öffentlich wird. Fazit: Beobachterkino per exellence. Schwere Kost, aber mitreißend bis zum Ende mit Perfektion in Regie, Charakterzeichnung und Darstellerleistung.