Ja, schon abgefahren, wie dieser Film polarisiert. Da fällt es ziemlich schwer, neutral und objektiv zu bleiben und sich nicht vom Hype abholen zu lassen - ein Versuch:
Nolan hat zunächst grundsätzlich eine sehr individuelle Art, Filme zu machen, diese Eigenschaft allein aber kann man meiner Meinung nach nicht gleich als etwas darstellen, dass "besser" oder "schlechter" ist; diese Tatsache bewertet nichts, sie beschreibt einfach nur den Umstand, dass sich das, was aus Nolans Feder kommt, von anderen Filmemachern deutlich erkennbar abhebt. Wir kennen das aus seinen vorherigen Filmen, und schätzen die immer wiederkehrenden Gefühle, die wir beim erleben seiner Filme verspüren.
Diese individuellen Merkmale finden wir auch in Dunkirk, und der Inhalt dieses Films konzentriert all die raffinierten Fähigkeiten dieses Christopher Nolan. Deshalb gibt es für mich keine fundamentale Kritik, sondern mehr eine Kritik gegenüber Inhalten, die entweder nur teilweise in Details oder aber hinsichtlich der Story im Großen und Ganzen gilt.
Erste Szene, der Soldatentrupp im urbanen Dünkrichen, der durch den Flyer-Regen der deutschen Propaganda marschiert. Eine wirklich perfekte Eröffnungsszene, und die Spannung und der Druck, vor allem die Geschwindigkeit des Eintauchens als Zuschauer in dieses Szenario, kommt leider im weiteren Verlauf des Films nicht nochmal in dieser Form wieder. Der Trupp läuft durch die Straße, und dann hämmern plötzlich Schüsse, die zum Donnern werden und fast den ganzen Squad auslöschen - ja Nolan, genau solche Szenen haben sich sicher auch zur Genüge in der Schlacht um Dünkirchen abgespielt, warum hast Du von Szenen dieser Art nicht mehr gezeigt ? Ich war so abgeholt und im Kinositz eingepresst (ich habe ihn im IMAX gesehen und Leute, tut euch IMAX an wenn ihr was in Reichweite habt, es lohnt sich wirklich) und hätte mir wirklich gewünscht, dass das jetzt erstmal ne halbe Stunde so weitergeht. Vollgas-Hetze durch Dünkirchen, urbane Straßenkämpfe, gnadenlose Kälte des Krieges. Die Bedingungen durch die Mach-Art des Films waren perfekt gegeben. Das hätte gefühlt für mich einen unfassbaren Druck erzeugt, welcher für den ganzen Rest des Films eben diesen Druck der Einkesselung und der Hilflosigkeit dieser Einkesselung der Soldaten das entsprechende Gefühl geliefert hätte - es war auch so spürbar, aber da Nolan mit lang andauernden Filmen wie in der Vergangenheit bereits bewiesen kein Problem hat, hätte sich das hier doch perfekt angeboten. Großes Unverständnis bei mir also, warum das so kurz dargestellt wurde.
Was prangere ich hier im Prinzip an ?
Naja, Dünkirchen ist eine große Schlacht gewesen, die aus sehr vielen verschiedenen Abschnitten oder Ebenen bestand. Der Film heisst "Dunkirk" - okay. Das suggeriert für mich, dass das Thema Dünkirchen in einer gewissen Gesamtheit also ein Thema des Films ist. Tatsächlich allerdings stellt der Film zu einem sehr großen Teil "nur" die Evakuierung dar. Es sind sehr viele Schiffsszenen, sehr viele Strandszenen, sehr viele Szenen über einen speziellen Luftkampf dargestellt. Das ist auch völlig in Ordnung, wie gesagt, Nolan-perfektionistisch gemacht und hervorragend anzusehen und mitzufühlen ABER: Dann sollte der Film vielleicht doch eher "Die Evakuierung von Dünkirchen" heißen. Ich finde, diese Differenzierung ist durchaus angemessen im Verhältnis zum Inhalt.
Ein bisschen verpasst wurde meiner Meinung nach auch die Darstellung der im Film besagten 400.000 Mann am Strand von Dünkirchen. Erst gegen Ende gibt es aus Sicht des Piloten der Spitfire schöne Großaufnahmen des Strandes, aber da sieht man eben ein paar geordnete Reihen mit Soldaten, so wirklich ein Gefühl für eine Masse von Soldaten und damit ein Gefühl für ein mögliches wirklich richtig unmenschliches Massaker, das drohen könnte, kam bei mir nicht an. Eine solche Szene hätte für meinen Geschmack sehr gut für den Anfang des Films gepasst, um gleich klar zu machen, um wie viele Seelen es eigentlich geht.
Summa summarum prangere ich hier also Inhalte an, die im Film gar nicht vorkommen, aber die zumindest ich mir in einem Film mit dem mächtigen, geschichtsträchtigen Namen "Dunkirk" gewünscht hätte, und zwar genau in der Mach-Art von Nolan, die im gezeigten Inhalt vorkommt.
Ein Epos, gerne über 3 Stunden Laufzeit; ich meine, es geht ja um 400.000 Mann. Denen hätte man vielleicht doch den längsten, und nicht den kürzesten Nolan widmen können.