Die hilfreichsten KritikenNeueste KritikenUser mit den meisten KritikenUser mit den meisten Followern
Filtern nach:
Alle
FILMGENUSS
1.001 Follower
983 Kritiken
User folgen
3,5
Veröffentlicht am 8. April 2022
OH HAUPT VOLL BLUT UND WUNDEN von Michael GrĂŒnwald / filmgenuss.com
Lass den Kopf nicht hĂ€ngen! â ein Imperativ, den man gestandenen MonsterjĂ€gern mit auf den Weg geben sollte. Doch jeder macht es, wie er möchte. Manche nehmen sich nur den stattliche Eckzahn aus der Kauleiste ihrer erlegten Kreatur, manche legen gleich den ganzen Kadaver vor die FĂŒĂe ihres gerade regierenden Königs. Dieser Berserker hier hĂ€ngt sich die SchĂ€del all seiner Auftragsopfer fein sĂ€uberlich an die Wand seiner HĂŒtte mitten im Wald, jeweils aufgespieĂt auf einen Pflock. Dann legt er seine formschöne RĂŒstung ab und heilt seine Wunden mit einer magischen Mixtur aus Erde, Wurzeln und sonstigem Gemansche. Und wartet. Auf das nĂ€chste tönende Halali, wenn es wieder heiĂt, in den Wald zu gehen und wĂŒtenden Besten zu zeigen, wo der Kriegshammer hĂ€ngt. Nur eine Kreatur ist da nicht darunter: jene, die seine Tochter auf dem Gewissen hat. Also schwört der namenlose Eremit auf ewig Rache. Die er auch bekommt. Dumm nur, dass der Kopf dieses Wesens mit des Wikingers heilender Tinktur in BerĂŒhrung kommt â und wieder zum Leben erwacht.
Was fĂŒr eine krude Story. Aber zugegeben: nach dem letzten Met am Ende eines Ritterfests in irgendeiner pittoresken Burg, begleitet von den KlĂ€ngen der Laute, entstehen angedudelte Ideen, die man nĂŒchtern vielleicht gar nicht in den Kopf bekommt. Aber bitte, ich will hier niemanden der Schnapsidee verdĂ€chtigen, wenngleich sich Viking Vengeance so anfĂŒhlt. Und das wiederum ist gut so. Es gibt viel zu wenig verrĂŒckte Ideen im Kosmos des phantastischen Films, und da freut man sich tatsĂ€chlich, einem Kopf-an-Kopf-Rennen wie diesem in einer Mischung aus Neugier und selbst auferlegter Kriegsstimmung, wie sie LARPer allzu gerne aus dem Filzhut zaubern, beizuwohnen. Und wenn sich der namenlose RĂ€cher seinen bis ins kleinste Detail liebevoll in Form gebrachten Lederhelm ĂŒberstĂŒlpt, dann ist ganz offensichtlich, dass die Macher dieses Dark Fantasy-Slashers zumindest beim KostĂŒm keine Kosten gescheut haben. Was bleibt vom Budget dann noch ĂŒbrig? Womöglich nicht viel. Den Wald, die Burg aus der Ferne, die gibtâs womöglich kostenlos. Wie aber den ĂŒbrigen Plot visualisieren, ohne sich selbst in die Trash-Ecke zu drĂ€ngen? Denn genau das ist Viking Vengeance auf den ersten und auch auf den zweiten Blick nĂ€mlich nicht: Trash. Das war auch Robert Rodriguezâ El Mariachi nicht, der mit wenigen tausend Dollar inszeniert wurde und der den Mexikaner zur BerĂŒhmtheit machte. Das war auch Blair Witch Project nicht â ebenfalls wohlfeil umgesetzt, ohne Darlehen abbezahlen zu mĂŒssen. Der KĂŒnstler muss nur wissen, wie. Und improvisieren. Eine Challenge, die Jordan Downey auf professionelle Weise besteht.
Viking Vengeance setzt auf Stimmung und Details â und natĂŒrlich auf das Outfit des KopfjĂ€gers. Er setzt auf die bizarre Geschichte aus Horror und mittelalterlicher Phantastik. Er lĂ€sst sich von Andrzej Sapkowskis The Witcher genauso inspirieren wie von Prinzessin Fanthagiro â einem trickreichen Mehrteiler aus Italien. Nur hier ist Christopher Rygh allein auf weiter Flur unterwegs, ohne sonstigem höfischem Zinnober. Gut, man giert unweigerlich danach, dem Meister bei der Arbeit zuzusehen, doch auĂer GebrĂŒll und dem angestrengten GeĂ€chze von irgendwo auĂerhalb des Bildes bleibt die Action verborgen, und das mit Sicherheit aus GrĂŒnden mangelnder Ressourcen. Andererseits aber schafft der Film dadurch eine lakonische Mystery, die im Kopf passiert, und buttert seine Ideen geschickt in den groĂen Showdown, auf welchen das grimmige SolostĂŒck hinarbeitet. Downey macht das Beste draus â und befördert die erdige Groteske spĂ€testens beim verblĂŒffenden Schlusstwist weg von den ausgetretenen Pfaden herkömmlicher Heldenquests rein in den finsteren Forst garstiger Ironie. _________________________________________ Mehr Reviews und Analysen gibt's auf filmgenuss.com!