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Kinobengel
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3,0
Veröffentlicht am 27. August 2025
GLÜCKSTEE
Der „Gangerl“, heute 80+, einst ein selbständiger Kunstschmied, hat sich 1988 von der deutschen Gesellschaft verabschiedet. Er zieht bis heute allein mit seiner Segelyacht um die Welt. Was ist die Definition von wahrer Freiheit?
Ich habe „Ausgsting.“ im Rahmen einer Preview in München gesehen. Beim anschließenden Q&A standen Wolfgang „Gangerl“ Clemens, die Filmemacher Julian (Buch & Regie) und Thomas Wittman (Buch) zur Verfügung.
Die Vorstellung wurde ohne Untertitel gezeigt. Das wollte man dem Münchner Publikum zumuten, denn der „Gangerl“, 1944 im Alter von 3 Jahren von Breslau nach Bayern geflohen, ist von Roding im Bayerischen Wald in die weite Welt gefahren und hat dort seine dialektunterfütterte rustikale Ausdrucksweise nicht abgelegt. Passt schon. Letztendlich sorgt der markante Umgangston mit den „Filmfritzen“ für beste Unterhaltung. Viele Rückblenden zeigen den Werdegang des Aussteigers.
Ja, der „Gangerl“ ist ‘ne Marke ganz eigener Art. So sehr Eremit ist der Weltumsegler jedoch nicht, ein paar Chartergäste dürfen es auch sein. Zwischendurch kommt er nach Deutschland, hält dort mit festem Boden unter den Füßen Vorträge und begeht derzeit die „Ausgsting.“-Werbekampagne.
Das Filmplakat verrät bereits, dass Julian Wittmann das „neue“ Freiheitsgefühl anders oder weniger schön empfindet als der Protagonist. Das ist dann schon alles zur thematischen Dramaturgie. Die zig Tage dauernde gemeinsame Seereise im Raum Indonesien, begleitet von einigen positiven wie negativen Zwischenfällen, führt zur gespielten Selbstreflexion des Regisseurs, die explizit durch (lt. Einblendung später gedrehte) Telefongespräche mit Bruder Thomas Wittmann zum Ausdruck kommt. Es passiert zwar ständig etwas, dennoch zieht sich die 94 Minuten lange Doku besonders im letzten Drittel, weil die Suche nach der wahren Freiheit in der Sackgasse steckt.
„Ausgsting.“ ist interessant sowie unterhaltsam für alle, die den „Gangerl“ mal kennenlernen möchten. Der Empfindung von Glück oder Unabhängigkeit wird lediglich rudimentär nachgegangen.
Ich war bei der Vorpremiere in Regensburg und bin total begeistert aus dem Fil rausgegangen. Erstmal musste ich über mein eigenes Leben nachdenken, weil der Film auch auf unsere heutige westliche Lebensart eingeht. Die erzählweise des zweiten Protagonisten hat mir gut gefallen und sie war manchmal auch nötig, weil nicht jede Situation selbsterklärend war. Die Geschichte des Protagonidten Gangerl selbst wird in dem Film angeteasert aber nicht auserzählt, was dem Film nicht schadet, sondern mich eher neugierig macht. Habe mir auch direkt in der Nacht noch die Buchreihe „Paradiesjäger“ bestellt. Jedenfalls kann ich nur jedem empfehlen, sich den Film anzuschauen. Er zeigt ein gar nicht mal so schönes Aussteigerleben, das Aussteigen wird ein bisschen entzaubert. Es ist eine schön erzählte Reise mit beeindruckenden Bildern.