"You know, I don't remember that part. Let's not nitpick over the passwords."
Paul Thomas Anderson ist seit 30 Jahren im Geschäft und dreht seit 30 Jahren tolle bis großartige Filme („Punch Drunk Love“ oder „There Will Be Blood“). Sein filmischer Stil ist einzigartig und faszinierend, selbst wenn er nicht immer ganz aufgeht, wie etwa in „Inherent Vice“. Und nun, 2025, gibt es endlich einen neuen Film von ihm: „One Battle After Another“. Ein Actionthriller? Ja, neues Territorium für Anderson. Ich erinnre mich noch gut an den ersten Trailer und meine Gefühle und Gedanken: „Das ist sein neuer Film? Reißt mich jetzt nicht vom Hocker!“ Alles sah so gewöhnlich und… langweilig aus. Leonardo DiCaprio läuft mit einer Waffe durch die Gegend und muss irgendwen retten? Aus irgendeinem Grund hat mich dieses Szenario nicht gekriegt. Doch dann kamen die guten Kritiken und am Ende des Tages ist es eben Paul Thomas Anderson und ich würde diesen Film irgendwann eh sehen wollen.
Nun habe ich das endlich getan und bin mehr als glücklich darüber, denn „One Battle After Another“ ist großartig. Zweifelsohne einer der besten Filme des Jahres mit „Memoiren einer Schnecke“ für mich. Dieses Werk ist so viel mehr als der Trailer hergibt: Mitreißend, spannend, actionreich und kunstvoll!
Die Story spielt in einer nicht genau festgelegten Zeit, die jedoch nicht zu weit weg von unserer jetzigen ist: Die French 75 ist eine linksextreme Gruppe von Aktivist*innen, die Flüchtlinge an der Grenze zu Mexiko aus Lagern befreit und das mit aller Gewalt. Eine der Anführerin, Perfidia, ist besonders radikal unterwegs und missbraucht sogar einen der Wärter, Col. Steven Lockjaw, in dieser Anlage sexuell. Doch während Perfidia eine romantische und fast schon eheliche Bindung mit ihrem Partner Bob Ferguson eingeht (beide bekommen sogar eine Tochter), entwickelt Lockjaw eine Besessenheit von der afroamerikanischen Perfidia. Eines Tages wird sie von ihm sogar gefangen genommen und dazu gezwungen ihre Mitstreiter zu verraten. 16 Jahre später leben Bob und seine Tochter Willa zurückgezogen und frei von irgendwelchen radikalen Aktionen. Doch Lockjaw hat plötzlich ein Interesse danach, die junge Willa ausfindig zu machen und geht dabei über Leichen. Eine gnadenlose Verfolgungsjagd beginnt...
Der Film basiert auf dem Buch „Vineland“ von Thomas Pynchon. Dort spielt die Handlung in den 60ern und 70ern. Andersons Version ist aber ganz klar in der heutigen Zeit verankert mit Smartphones und anderem technischen Kram, den man aus dem 21. Jahrhundert kennt.
Doch was viel aktueller und realistischer an der Geschichte ist, sind die politischen Querverweise auf die jetzige Lage in Amerika. „One Battle After Another“ ist nicht nur ein grandios gemachter Actionthriller, sondern auch ein erschreckend realistischer Blick auf die amerikanische Gesellschaft, in der die linke Bewegung fast vollständig ausradiert wird, während eine faschistische und rassistische Regierung heranwächst. Während das Buch sich der Nixo-Ära annimmt, ist Andersons Film eine klare Antwort auf Trumps neofaschistische Regierung. Und das macht das Ansehen des Ganzen umso schmerzvoller, weil die Realität nicht weit weg von dem ist, was wir auf der Leinwand sehen. Dabei beleuchtet der Film auch die Schattenseiten der linksextremen Bewegungen, in denen Gewalt und Machtspiele ebenfalls eine bösartige Form annehmen können, symbolisch verkörpert in Perfidias Figur.
Abseits dessen, ist „One Battle After Another“ jedoch rein filmisch ein unfassbar packender und mitreißender Thriller mit erstaunlich viel Comedy-Elementen. Bob und seine neurotisch, aggressiven Momente sind besonders für viele humorvollen Szenen verantwortlich. Wenn er den Code für die Kommunikation mit seinen Leuten vergisst oder sich nicht traut aus einem fahrenden Auto zu springen, lockert das nicht nur die Atmosphäre etwas auf, sondern gibt dem Ganzen auch einen unterhaltsamen Charakter. Generell ist „One Battle After Another“ ein toller Mix aus Action, Spannung, Drama und Comedy. Ein Mix, den nur Anderson wunderbar hinbekommt. Dabei ist der Film künstlerisch ebenfalls anspruchsvoll gemacht mit grandiosen und atemberaubenden Bildern (Kamera: Michael Bauman) und fantastischer Action. Sowohl die Verfolgungsjagden mit Auto als auch zu Fuß sind alle extrem beeindruckend umgesetzt. Besonders ein Shot hat mich umgehauen, als eine Figur von einem Dach stürzt und danach aufsteht und weiter rennt, ohne dass dazwischen ein Cut stattfindet. Und wir sehen hier keinen Stuntman, sondern einen der großen Darsteller des Films. Wie dieser Shot zusammengebaut wurde, weiß ich nicht, aber es ist atemberaubend!
Ebenfalls grandios ist die Musik von Johnny Greenwood, der bereits für „There Will Be Blood“ und andere Anderson-Projekte den Score komponierte. Für „One Battle After Another“ nutzte er einen ganz subtilen, aber dennoch aufregenden Soundtrack, der vor allem durch ein Klavier dominiert wird. Noch dazu spielt die Musik fast die ganze Zeit im Film, aber wird dabei nie aufdringlich oder nervig. Stattdessen ist der Score immer mal wieder ein genialer Gegensatz zu den Ereignissen, die wir sehen. Während wir Explosionen und Schüsse sehen, hören wir nur hektisches Klaviergeklimper, nicht das, was man sonst so bei diesen Szenen erwartet. Aber Greenwood schafft es, dass die Musik die Bilder dennoch auf eine ganz besondere Art und Weise unterstützt.
Zu guter Letzt kommen wir noch zum Cast: Der ist durchweg klasse! DiCaprio liefert auch hier wieder eine beeindruckende Performance ab, in der er alles gibt. Die junge Chase Infiniti als Willa ist toll und es ist schön Regina Hall in mehr ernsten Projekten wie diesen zu sehen (man kennt sie vor allem aus den „Scary Movie“-Filmen). Und sie ist stark, ebenso wie Benicio Del Toro, welcher hier leider das letzte Mal von seinem großartigen Synchronsprecher Torsten Michaelis gesprochen wurde, bevor dieser plötzlich verstarb… Del Toros Figur ist so klasse, dass ich mir einen Spin-Off-Film übr ihn wünschen würde! Der heimliche Star für mich ist aber Sean Penn als faschistischer Col. Lockjaw, der als Figur so widerlich und doch so armselig zugleich ist. Im Grunde tat er mir irgendwie die ganze Zeit Leid, da man in ihm eine verletzte und einsame Seele sieht, die nur irgendwie dazu gehören und bedeutsam sein will. Ein grandioser Antagonist.
Fazit: „One Battle After Another“ ist für mich einer der besten PTA-Filme überhaupt und das überrascht auch mich. Das Werk ist fesselnd, spannend, unterhaltsam und hat unter all dem eine beängstigende und starke Aussagekraft in Bezug auf unsere heutige politische Lage. Dazu kommen eine fantastische Kameraführung, ein einzigartiger Soundtrack und beeindruckende Darsteller*innen. Ein modernes Meisterwerk!