VERDRÄNGUNG
Anker (Nikolaj Lie Kaas) wird nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Einzig sein geistig beeinträchtigter Bruder Manfred (Mads Mikkelsen) kennt das Versteck der Beute aus dem damaligen Raubüberfall, aber die Fahrt dorthin endet im Fiasko. Eine Therapie für Manfred, der mittlerweile glaubt, er sei John Lennon, soll die Situation klären. Die Wurzel des Übels steckt jedoch viel tiefer.
Anders Thomas Jensen schreibt zu seinen skurrilen, schwarzhumorigen Filmen die Drehbücher selbst, versammelt ein bewährtes Team um sich und steckt den ebenfalls in der Jensen-Welt kundigen Cast in seltsame Rollen. Seine schrägen bis durchgeknallten, gut unterscheidbaren Charaktere sind oft bedauernswert, unabhängig davon, ob sie als Kriminelle oder anderweitig gebeutelte Gestalten ihrer ungewissen Wege ziehen, so auch in „Therapie für Wikinger“. Trotz dieser Gleichheiten, schafft es Jensen jedes Mal, völlig neue Situationen und Handlungen zu schaffen. Der Spaß am Kino wird somit auch beim aktuellen Werk nicht geschmälert.
Dass der dänische Filmemacher Krankheitsbilder wahnhafter Identitätsstörung zum Fokus des Vergnügens macht, zeugt allerdings von schlechtem Geschmack. Umso herrlicher ist die Ohnmacht des eigentlichen Verbrechers Anker dargestellt. Er kommt durch Gewalt nicht weiter und muss trotz seinen Aggressionspotenzials auf die angeblich nötige gesundheitliche Besserung seines Bruders warten. Dafür lässt er einiges über sich ergehen. Weil das eine Aufarbeitung der tragischen Familiengeschichte nach sich zieht, verleiht Jensen seinen Film eine gewisse Komplexität. Rücksichtlose Brutalität geht vom „freundlichen Flemming“ aus (Nicolas Bro), der es auf das von Anker geraubte Geld abgesehen hat. Die Filme von Jensen sind auch blutig, entweder subtil („Dänische Delikatessen“, 2003) oder sehr direkt („Helden der Wahrscheinlichkeit – Riders of Justice“, 2020).
„Therapie für Vikinger“ überzeugt als typischer Film von Anders Thomas Jensen. Die bitterböse wie komische Story um die vielen traurigen Gestalten verspricht einen besonderen Kinobesuch.