LOUDNESS
Ein Rave-Event in Marokko wird durch das Militär wegen politischer Spannungen beendet. Eine Gruppe von Fans möchte nicht zwangsweise zur Landesgrenze geführt werden und flieht. Luis, der mit Sohn Esteban seine vor Monaten verschwundene Tochter sucht, schließt sich an.
Ich habe „Sirât“ auf dem Münchner Filmfest 2025 gesehen.
Dieses Road-Movie, der 4. Langfilm von Oliver Laxe, hat 2025 den Preis der Jury in Cannes verliehen bekommen (neben „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski). Als einer der Produzenten erklingt der verheißungsvolle Name Pedro Almodóvar, es agieren der sehr erfahrene Sergi López in der Rolle des Luis, der Kinderdarsteller Bruno Núñez als Esteban sowie zahlreiche Laiendarsteller.
Wer Rave-Musik nicht mag, muss sich auf eine Dolby-Atmos-Ohrenfoltertour begeben. Die Darstellung des wummernden Partytreibens kommt besonders in der Anfangsphase des Films reichlich ausufernd rüber und kann in dieser Länge dem Publikum die Liebe zu dem Musik-Genre sehr wahrscheinlich nicht eröffnen, näherbringen oder erweitern. Im Kino wippen einige mit (ich auch), so richtig raven geht jedoch nur eingeschränkt, wenn der größte Teil der Tanzfläche durch Sessel blockiert wird. Also abwarten. Alles, was danach auf der Leinwand erscheint, ist einfach ein starker Film.
Und dieser starke Film kann vor allem laut, nicht nur wegen der Musik, von der es auf der Fahrt ins Ungewisse dennoch genug gibt. Das Getöse wird selbstverständlich vom Kinobetreiber beeinflusst, der nur an den Volume-Reglern in Richtung Minus drehen muss, doch die Ausstrahlung des Films ist eben eine andere.
Zum Überleben in der Wüste ist eine professionelle, sand- und hitzetaugliche Logistik unerlässlich, doch bei den Raveros herrscht überwiegend Improvisation, einiges gelingt, anderes weniger, schonungslos mit allem Dreck in beeindruckenden Bildern von Kameramann Mauro Herce gezeigt, gedreht auf 16 mm analog, fast ausschließlich durch Außenaufnahmen. Die Figuren brauchen keine Verfolger wie bei „Mad Max: Fury Road“ (2015 von George Miller), denn unser Lebensspender, der stechende Stern, macht alle wirr, einige seltsame Handlungen sind nur deswegen nachvollziehbar. In Fahrpausen werden die Boxen aufgestellt. Laxe arbeitet das Selbstlose innerhalb der Gruppe hervorragend aus. Er gestaltet sie ohne die typischen, nach Masterplot gestrickten Gut-Böse-Antagonisten. Funktioniert das? Na klar, die anfängliche Skepsis der Friedliebenden weicht dabei schnell dem erforderlichen Zusammenhalt.
„Sirât“ ist auch Thriller: Irgendwann rückt die Suche nach Luis‘ Tochter zwingend in den Hintergrund. Das letzte Viertel des Films enthält wegen der Wirkung rücksichtloser Kräfte eine Phase, in der viele Hände im Saal zur Vorbeugung von Schäden auf diverse Sinnesorgane gelegt werden. Zur Vorwarnung: Wer so etwas erwartet wie „Der Flug des Phönix“ (1965 von Robert Aldrich), liegt hier völlig falsch.
„Sirât“ ist der aufwühlende Trip durch eine unwirtliche Welt.