Der einzige Film ohne Jugendfreigabe, der je den wichtigsten Oscar gewann: John Wayne hat das Meisterwerk von ganzem Herzen gehasst
Michael Bendix
Michael Bendix
-Redakteur
Schaut pro Jahr mehrere hundert Filme und bricht niemals einen ab. Liebt das Kino in seiner Gesamtheit: von Action bis Musical, von Horror bis Komödie, vom alten Hollywood bis zum jüngsten "Mission: Impossible"-Blockbuster.

Vor 55 Jahren war der große Oscar-Sieger ein Film, der ein sogenanntes X-Rating verpasst bekam – mit den ansonsten in erster Linie Pornos ausgezeichnet wurden. Warum das nicht nur John Wayne auf die Palme brachte, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Mit dem Begriff „Oscar Bait“ (zu Deutsch etwa: „Oscar-Köder“) sind Filme gemeint, die förmlich darauf hin produziert scheinen, bei der Oscar-Verleihung abzusahnen. Historienepen, Biopics oder rührselige Dramen mit unverfänglicher Botschaft haben traditionell besonders gute Chancen, den Geschmack der Academy zu treffen. Doch verallgemeinern sollte man diese Regel nicht, gab es doch immer wieder Jahrgänge, in denen eben nicht das offensichtlichste Werk mit dem „Bester Film“-Oscar ausgezeichnet wurde.

1970 etwa konkurrierten der Historienfilm „Königin für tausend Tage“, das Barbra-Streisand-Musical „Hello, Dolly!“, das Paul-Newman-und-Robert-Redford-Star-Vehikel „Butch Cassidy und Sundance Kid“ sowie der Politthriller „Z“ um die Gunst der Stimmberechtigten. Gewonnen hat am Ende aber „Asphalt-Cowboy“ – ein Film, der in den USA ein sogenanntes X-Rating verpasst bekam, das sonst Pornos und Exploitation-Kino vorbehalten war. Diese Altersfreigabe (die heute nicht mehr existiert bzw. durch das sogenannte NC-17-Rating ersetzt wurde) bedeutete, dass Jugendliche zu den so eingestuften Filmen keinen Zutritt hatten. Somit ist „Asphalt-Cowboy“ der bis heute einzige Film ohne Jugendfreigabe, der in der Königskategorie der Oscars triumphieren konnte.

Die Gründe, weshalb der Kinobesuch von „Asphalt-Cowboy“ damals Erwachsenen vorbehalten war, lesen sich 56 Jahre später nicht mehr ganz zeitgemäß: Die Motion Picture Association of America (MPAA) wollte den Film zunächst mit einem R-Rating freigeben (bei dem Jugendliche unter 17 Jahren zwar ins Kino dürfen, aber nur in Begleitung einer erwachsenen Person), doch nach der Konsultation eines Psychologen wurde er hochgestuft – wegen des „homosexuellen Bezugsrahmens“ und seines „möglichen Einflusses auf Jugendliche.“ Tatsächlich strich die American Psychiatric Association (APA) Homosexualität erst vier Jahre später von der Liste der psychischen Störungen!

Der von John Schlesinger inszenierte New-Hollywood-Meilenstein dreht sich um den Texaner Joe Buck (Jon Voight), der nach New York kommt, um sich dort als Callboy zu verdingen. Doch sein Traum vom leicht verdienten Geld wird schnell von der harten Straßenrealität eingeholt. Schon bald ist der Cowboyhut tragende Sonnyboy mittellos – ob seine Begegnung mit dem Kleinganoven Rizzo (Dustin Hoffman) die Wende bringt?

John Wayne hielt "Asphalt-Cowboy" für "pervers"

„Midnight Cowboy“ (so der Originaltitel) wurde schnell als Meisterwerk gefeiert und auch in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik gibt es aus guten Gründen 4,5 von 5 Sternen. Doch gerade weil das Drama mit seinen homoerotischen Subtexten, der Dekonstruktion traditioneller Männlichkeitsbilder sowie seiner scharfen Kritik am amerikanischen Erfolgsversprechen für Zukunft und Umbruch stand, rieben sich Konservative an dem Film – und seinem Oscar-Erfolg (auch Regie und Drehbuch wurden prämiert).

Dazu gehörte auch niemand Geringeres als Western-Ikone John Wayne, der 1971 in einem Interview mit dem Playboy folgende Worte zu Protokoll gab: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Amerikaner in zwei oder drei Jahren diese perversen Filme völlig satt haben werden.“ Auf die Nachfrage, welche Filme er genau meine, nannte er „Asphalt-Cowboy“ und „Easy Rider“: „Würden Sie nicht sagen, dass die wunderbare Liebe dieser beiden Männer in ‚Asphalt-Cowboy‘, einer Geschichte über zwei Schwuchteln, dafür in Frage kommt?“

Wayne starb acht Jahre später – und auch wenn seine homophoben Ansichten überlebt haben, wurden die Uhren in Hollywood nicht wie von ihm prophezeit wieder zurückgedreht. Dass seine besten Zeiten hinter ihm liegen, musste er indes bereits 1973 einsehen, wie ihr im folgenden Artikel nachlesen könnt:

Mit diesem Western war John Wayne extrem unzufrieden: "Ein nicht wirklich gut gemachter Film"

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