Filme gelten als probates Mittel, um dem Alltag zu entfliehen und sich in fremde, faszinierende Welten entführen zu lassen. Die Leinwand (bzw. der Bildschirm) fungiert dabei quasi als Portal zwischen den Welten. Auf der anderen Seite ist das Kino aber auch ein mächtiges Instrument, das einen in die Realität zurückbringen kann, vor die man die Augen sonst vielleicht verschließen würde.
Ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier – und so wurde der seit mittlerweile drei Jahren tobende Angriffskrieg Russlands in der Ukraine längst zur Normalität. Die Berichterstattung flaut ab, die emotionale Distanz wächst. Doch normal ist an der schrecklichen Situation, die sich nur knapp 1.000 Kilometer westlich von Deutschland abspielt, nichts. Noch während Menschen in der Ukraine tagtäglich um ihr Leben kämpfen, ist es deshalb umso wichtiger, nicht zu vergessen.
„20 Tage in Mariupol“ ist ein durch Mark und Bein gehendes Mahnmal, das den Angriffskrieg in der Ukraine ungeschönt darlegt und dabei eine Wucht entfaltet, die ihresgleichen sucht – und so zu einer der wohl wichtigsten und zugleich schrecklichsten Filmerfahrungen der jüngeren Vergangenheit wird. Im Vorjahr gab es dafür in der Kategorie Bester Dokumentarfilm eine Auszeichnung, ab sofort könnt ihr den Film nun kostenlos bei Netzkino streamen.
Harter Tobak: Das erwartet euch in "20 Tage in Mariupol"
Regisseur Mstyslav Chernov begleitet in seiner preisgekrönten Doku das letzte internationale Presseteam, das nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine noch vor Ort ist, um die Gräueltaten der russischen Truppen im Zuge der Invasion für die Nachwelt festzuhalten.
Dabei setzt „20 Tage in Mariupol“ sein Publikum für 90 Minuten unter Strom. Ansätze einer klassischen Dramaturgie sind zwar immer wieder zu erkennen, richtige Verschnaufpausen lässt einem Mstyslav Chernov in seinem Film allerdings nicht. Zu schrecklich sind die gezeigten Bilder, zu schmerzhaft die Vorstellung daran, dass Menschen ein solches Schreckensszenario tatsächlich durchlaufen.
Angriffe auf Ärzte und Kliniken, sterbende Kinder und Massengräber – all das ist schlichtweg zu viel, um es in Echtzeit zu verarbeiten und beschäftigt auch noch lange nach dem Abspann. Und doch ist es umso wichtiger, dass Chernov nicht beschönigt, nicht zensiert, keine Rücksicht auf sein Publikum nimmt, das auf diese Weise gezwungen ist, sich damit mehr als bloß oberflächlich mit den schrecklichen Ereignissen auseinanderzusetzen.
Ich selbst habe die Gelegenheit genutzt, den Film vor einigen Monaten nachzuholen. Auf dem Weg zu den Dreharbeiten eines kommenden Sci-Fi-Blockbusters (mehr dazu demnächst auf FILMSTARTS.de) tauchte „20 Tage in Mariupol“ auf meinem Flugzeug-Bildschirm auf – und hinterließ mich zwei Stunden mit einer inneren Leere, wie ich sie selten erlebt habe.
Immer wieder musste ich pausieren, war den Tränen nahe, und wurde am Ende sichtlich aufgelöst zurückgelassen, sodass sich schließlich sogar mein Sitznachbar – ein wahnsinnig sympathischer neuseeländischer Herr auf Geschäftsreise – nach meinem Wohlbefinden erkundigte.
Eine schicksalhafte Fügung, für die ich heute dankbar bin. Denn erst so gelang es mir, diesen so eindringlichen, wichtigen Film einzuordnen und zu verarbeiten – und nebenbei eine neue Freundschaft aufzubauen, die ich bis heute pflege. Daher auch mein Tipp: Schaut „20 Tage in Mariupol“ unbedingt – am besten aber in Gesellschaft. Egal, ob ihr im Nachhinein getrennte Wege geht, euch konstruktiv austauscht oder ob ihr euch wütend, verzweifelt und hilflos heulend in den Armen liegt.
Ja, dieser Film wird euch definitiv den Tag versauen – und ist das auf jeden Fall wert. Wenn euch das dann aber doch zu viel ist, findet ihr bei Netzkino seit kurzer Zeit auch ein ungleich kurzweiligeres Highlight mit Quentin Tarantino:
"Sukiyaki Western Django" jetzt bei Netzkino