"Es ist mein Lieblingsfilm": Dieser bahnbrechende Klassiker einer Hollywood-Ikone wird viel zu oft übersehen
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Ob Showtunes im Broadway-Stil, zuckersüße Teenie-Pop-Revue oder bluttriefende Rock-Party: Sidney hat eine Schwäche für Musicals, die ihn bereits durch allerlei cineastische Höhen und Tiefen geführt hat.

Weder sein Oscar-Triumph noch sein oft kopierter Gute-Laune-Meilenstein: Der legendäre Schauspieler, Regisseur, Tänzer und Choreograf Gene Kelly hatte einen anderen Liebling innerhalb seiner fabelhaften Vita auserkoren.

Im Hollywood-Pantheon gibt es wenige Stars, die strahlen wie Gene Kelly. Schließlich ist der Charmebolzen der Dreh- und Angelpunkt des schwelgerischen Oscar-Abräumers „Ein Amerikaner in Paris“ sowie des von ihm mitinszenierten Meisterwerks „Singin' In The Rain“. Des Weiteren erhielt er eine Oscar-Nominierung für das mit ausgefeilten Tricks auftrumpfende Musical „Urlaub in Hollywood“, zudem verantwortete er das dialogfreie Experiment „Einladung zum Tanz“.

Doch als das 1996 verstorbene Ausnahmetalent auf seine Karriere zurückblickte, kürte es keinen dieser Filme zu seinem persönlichen Liebling. Diese Ehre wurde „Heut' gehn wir bummeln - Das ist New York“ zuteil, einem bahnbrechenden, trotzdem oft übersehenen Klassiker mit Frank Sinatra und „Mulholland Drive“-Nebendarstellerin Ann Miller!

Neugierig? Das mittlerweile auch hierzulande eher unter seinem Originaltitel „On The Town“ bekannte Musical ist via Amazon Prime Video als VoD verfügbar:

"On The Town": Ein lebhafter New-York-Ausflug

Die Matrosen Gabey (Gene Kelly), Chip (Frank Sinatra) und Ozzie (Jules Munshin) haben Landurlaub in New York City. Im Eiltempo erkunden sie die Sehenswürdigkeiten der Metropole – und lernen die liebenswert-forsche Taxifahrerin Brunhilde (Betty Garrett) sowie die kesse Anthropologin Claire (Ann Miller) kennen. Gabey verguckt sich indes in das Model Ivy (Vera-Ellen), das er prompt aus den Augen verliert und fortan im Getümmel des Big Apple sucht...

„On The Town“ war 1949 das Regiedebüt von Kelly und seinem einstigen Broadway-Assistenten Stanley Donen. Es entstand unter recht hohem Zeitdruck und mit schmalem Budget: Dem Duo standen 1,5 Millionen Dollar und 46 Drehtage zur Verfügung – für Technicolor-Musicals des Studios MGM war dies Ende der 1940er-Jahre ein Witz!

Womöglich lässt sich dies darauf zurückführen, dass Produzent Arthur Freed Studioboss Louis B. Mayer bekniete, die Adaptionsrechte am gleichnamigen Bühnenstück zu erwerben, als es noch in Entwicklung war. Als das auf einem Ballett basierende Musical vollendet war, fiel Mayer laut dem American Film Institute aus allen Wolken: Es war dem Hollywoodmogul zu divers besetzt, zudem kreierte Komponist Leonard Bernstein ein – Mayers Ansicht nach – hochnäsiges Stück mit verkopfter Musik.

Daher wurde beschlossen, mehrere Lieder daraus zu streichen und durch neue Nummern des Duos Betty Comden & Adolph Green sowie des Komponisten Roger Edens zu ersetzen. Donen und Kelly stellten ebenfalls Forderungen: Sie verlangten, den Film mitten in New York City zu drehen – und sei es bloß teilweise. Mayer war erbost, schließlich gäbe es auf seinem Studiogelände eine „perfekte“ Nachbildung Manhattans. Kelly und Donen ließen aber nicht locker, ebenso wie Ann Miller, die laut PBS nie zuvor in New York war und den Dreh als Chance sah, dies zu ändern. Sie erhielten schlussendlich eine Genehmigung für neun Drehtage vor Ort – eine kleine Sensation!

Die viel besungene Stadt New York in Warner Bros.
Die viel besungene Stadt New York in "On The Town"

Derart umfangreiche Dreharbeiten abseits des Studiogeländes waren zu jener Zeit unerhört, insbesondere für Musicals. Zudem musste sich die Crew der Herausforderung stellen, dass Sinatra Neugierige magnetisch anzog, was den Dreh behinderte. Wie Filmhistoriker Ben Mankiewicz für den Klassikerkanal TCM festhielt, versteckte das Team daher die Filmkamera in einem PKW, um heimlich drehen zu können. Letztlich entstanden auf den Straßen New Yorks sieben Minuten, die im fertigen Film zu sehen sind.

Mehrfacher Triumph für Kelly

Laut der Doku „Gene Kelly, der mit dem Regen tanzt“ waren die bahnbrechenden Dreharbeiten in New York nicht der einzige Triumph Kellys: Er setzte durch, den Schlussakt mit einer dialog- und gesangsfreien Tanzpassage zu versehen, die zu einem Medley aus Bernsteins „On The Town“-Melodien stattfindet. Somit brachte er mehr Bernstein unter als zuvor vorgesehen – und schuf eine Blaupause für traumtänzerische, impressionistische Ballette, wie er sie in weitere Filme flechten sollte.

Dieses „A Day In New York“ betitelte Instrumentalkapitel enthält Kellys erstaunlichste Leistung des gesamten Films – obwohl sie in einem Wimpernschlag vorbeizieht: Er springt auf seine Knie und rutscht, perfekt auf die Musik abgestimmt, zu einem Plakat. Um die richtige Distanz zu rutschen, noch dazu im zur Musik passenden Tempo, musste Kelly intensiv proben.

„Ich dachte, das wird eine Angelegenheit, die wir in einem Take abdrehen“, erklärte er Dekaden später in einem BBC-Interview, das auch in „Gene Kelly, der mit dem Regen tanzt“ zu sehen ist. Doch vor dem Dreh verpasste ein übereifriges Crewmitglied dem Boden eine ordentliche Schicht Bohnerwachs, sodass Kelly weit übers Ziel hinausschlitterte.

Daraufhin wurde der Boden geschmirgelt, was dazu führte, dass er grässlich aussah und uneben wurde. Beim nächsten Take zerschlissen daher Kellys Hosen und er schürfte sich die Knie auf. Deshalb musste er für weitere Takes Knieschoner tragen, was Auswirkungen darauf hatte, mit welchem Schwung er über den Boden glitt, der erneut gewachst wurde, um die entstandenen Unebenheiten auszugleichen. „Wir brauchten 26 Takes, nur für diese Einstellung“, so Kelly.

Auf diesen Einsatz war er stolz – wie auf den gesamten Film. „Es ist mein Lieblingsfilm“, sagte Kelly der BBC im Zuge seines Karriererückblicks. „Es ist nicht der erfolgreichste, es ist nicht der beliebteste. Da sind Dinge drin, die schlecht gealtert sind. Aber wir haben es geschafft, das Musical zu nehmen und die Klischees rauszuklopfen.“ Weiter sagte er: „Die Leute, die ,On The Town' zum Leben erweckt haben, haben noch bessere Filme zustande gebracht“, er und Donen hätten sich dagegen „an der Spitze unseres Talents“ befunden.

Einige Jahre später war Sinatra wiederum in der Vorauswahl für eine ikonische Thriller-Rolle. Mehr dazu erfahrt ihr im folgenden Artikel:

Clint Eastwood wurde nur deshalb zu "Dirty Harry", weil eine andere Western-Ikone die Rolle abgelehnt hat

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