TV-Premiere ohne Werbung: Preisgekröntes 3-Stunden-Epos – emotional erschütternd und doch wunderschön
Oliver Kube
Oliver Kube
-Freier Autor & Kritiker
Oliver Kube liebt es im Kinosessel an ungewöhnliche, selten auf der Leinwand zu sehende Orte unseres Planeten zu reisen. Zuletzt freute er sich über das auf den Inseln des Åland-Archipels gedrehte Historiendrama "Stormskärs Maja".

Sicher, ein 197-Minüter fordert seinem Publikum schon allein aufgrund seines zeitlichen Umfangs einiges ab. Bei „Auf trockenen Gräsern“ zahlt sich diese Investition allerdings in vollem Umfang aus. Heute Abend läuft das Werk erstmals im Free-TV:

Der Film von „Winterschlaf“-Regisseur Nuri Bilge Ceylan spielt in einer abgelegenen Gegend Anatoliens und zeigt uns mit wunderbaren Bildern alles, was dieser faszinierende Teil unserer Welt zu bieten hat. Dazu gibt es tolle Schauspieler*innen, echtes menschliches Drama und eine Vielfalt an Emotionen. Schaltet ihr ein?

Auf trockenen Gräsern“ feiert am heutigen 19. Mai 2025 um 22.10 Uhr auf arte seine Free-TV-Premiere. Zudem steht der FSK-12-Titel als Gratis-Stream in der Mediathek des Senders zur Verfügung. Alternativ ist er als DVD* sowie als kostenpflichtiges Video-on-Demand zu haben.

Eine Story mit enormer Sogwirkung

Im östlichen Anatolien kann im Sommer wochenlang eine Hitze herrschen, die regelmäßig die 40-Grad-Grenze überschreitet. Im Winter ist es dagegen über Monate eiskalt und eine dichte Schneedecke dominiert die Landschaft. Im Laufe der Jahrtausende versuchten unter anderem Griechen, Ägypter, Assyrer und Römer, die Gegend zu erobern. Zeitweise gelang dies sogar, doch letztlich zogen sie alle wieder ab – jedoch nicht, ohne jeweils bis heute stehende Bauten zu hinterlassen.

Diesen sowohl meteorologisch wie geologisch und historisch interessanten Hintergrund nutzt Nuri Bilge Ceylan, um uns eine berührend menschliche Geschichte zu erzählen. Wie schon bei seinen vorhergehenden Werken (der Autor dieses Artikels empfiehlt an dieser Stelle, „The Wild Pear Tree“ und „Winterschlaf“ zu sichten) nimmt sich der Filmemacher viel Zeit, uns in seine Geschichte und vor allem ihre Charaktere eintauchen zu lassen.

In der hervorragende 4,5 von 5 möglichen Sternen vergebenden FILMSTARTS-Kritik schreibt Michael Meyns: „Auch diesmal wird drei Stunden lang geredet und diskutiert, wenn nicht gerade ein Mann einsam vor weiten Landschaften steht und mit seinem Schicksal hadert. Klingt langweilig und anstrengend, ist aber ungemein dicht und intensiv und aufregend – Autor*innen-Kino im besten Sinne, also eines, auf das man sich schon auch einlassen muss, durch das man dann aber auch umso reichlicher belohnt wird.“

Auf trockenen Gräsern
Auf trockenen Gräsern
Starttermin 16. Mai 2024 | 3 Std. 18 Min.
Von Nuri Bilge Ceylan
Mit Deniz Celiloğlu, Merve Dizdar, Musab Ekici
User-Wertung
3,6
Filmstarts
4,5

Neben der bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichneten Merve Dizdar („Hast du jemals Glühwürmchen gesehen?“) glänzt vor allem der mit ambivalentem Spiel Akzente setzende Deniz Celiloğlu („Siren‘s Call“). Sein Protagonist Samet wirkt im ersten Moment noch sympathisch und vorbildlich engagiert. Mit zunehmender Laufzeit stellt er sich jedoch nach und nach als echter Misanthrop heraus, der seinen Mitmenschen weder etwas Gutes gönnen noch Mitgefühl oder echte Freude empfinden kann oder will.

„Geradeheraus schlecht ist er allerdings auch nicht – vielmehr ganz durchschnittlich, ohne Ambitionen oder das Bedürfnis, sich für eine größere Sache […] einzusetzen“, analysiert unser Autor die Figur. Zutiefst menschlich sei dieser Mann. Wir beobachten ihn und sein Umfeld bei nicht immer gerade bemerkenswerten Dingen, sondern schlicht und einfach beim Leben. Aufgrund Ceylans präzisem und dennoch zutiefst humanistischem Blick sowie dank der brillanten Arbeit des Kamerateams Kürşat Üresin und Cevahir Şahin („Cold Of Kalandar“) entwickelt „Auf trockenen Gräsern“ eine enorme Sogwirkung. Wenn der Abspann kommt, sind wir überrascht, dass es tatsächlich fast 200 Minuten waren, die uns der Film gefesselt hat.

Darum geht es in "Auf trockenen Gräsern"

In einem Dorf mit überwiegend kurdischer Bevölkerung, irgendwo im bergigen Osten der Türkei, unterrichtet Samet (Deniz Celiloğlu) Kunst an einer Provinzschule. Es handelt sich nicht gerade um den Traumjob des jungen Mannes, der hier seinen vierjährigen Pflichtdienst ableistet und eigentlich lieber gestern als heute zurück in Istanbul wäre. Trotzdem scheint er die ihm anvertrauten Jugendlichen mit Respekt und Sympathie zu behandeln – auch weil er weiß, dass gerade Kinder kurdischer Abstammung in seinem Land nur wenige Chancen erhalten, etwas aus sich zu machen.

Für ihn völlig unerwartet klagt dann aber ausgerechnet seine Lieblingsschülerin Sevim (Ece Bağci) ihn und seinen Kollegen und Mitbewohner Kenan (Musab Ekici) an, sich ihr und einem anderen Mädchen gegenüber ungebührlich verhalten zu haben. Eine solche Anschuldigung könnte das Ende seiner Karriere bedeuten – von möglichen rechtlichen Konsequenzen mal ganz abgesehen. Parallel dazu lernt Samet die Lehrerin Nuray (Merve Dizdar) kennen. Sie unterrichtet an der Schule des Nachbarortes und hat bei einem Terroranschlag vor Jahren eines ihrer Beine verloren. Romantisches Interesse an Nuray entwickelt Samet jedoch erst, als sie und Kenan beginnen, sich ineinander zu verlieben …

Apropos Cannes: Bei der diesjährigen Ausgabe des wichtigsten Filmfestivals der Welt hat ein ganz anderer Film seine Weltpremiere gefeiert - und zwar Fatih Akins „Amrum“. Ab dem 9. Oktober 2025 gibt es den Film dann auch im Kino. Den Trailer seht ihr hier:

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