Am 29. November 1864 griff eine Truppe von fast 800 Männern im Dienst der US-Armee ein Dorf im Südosten des Colorado-Territoriums an und zerstörte es vollständig. Dabei wurden mehr als 200 Angehörige der Cheyenne- und Arapaho-Stämme getötet – die meisten davon Frauen und Kinder. Dieses blutige Ereignis, initiiert und angeführt von Colonel John Chivington, ging als Massaker von Sand Creek in die Geschichte ein.
Was in Wahrheit ein Massenmord war, wurde ursprünglich als Schlacht verklärt – doch schon damals, in der Endphase des Amerikanischen Bürgerkriegs, wurde die Tat zum Teil scharf verurteilt. Heute ist der Ort ein National Historic Site, also eine von der US-Bundesregierung anerkannte Gedenkstätte mit besonderer historischer Bedeutung.
Es dauerte bis zum Jahr 1970, bis die genannten Geschehnisse erstmals auf der Leinwand verarbeitet wurden. Das Ergebnis kam in Deutschland unter dem Titel „Das Wiegenlied vom Totschlag“ in die Kinos – ein brutaler Western, der auch dadurch Aufsehen erregte, dass einige Szenen wegen besonders heftiger Publikumsreaktionen gekürzt werden mussten.
Im Mittelpunkt des von Ralph Nelson („Lilien auf dem Felde“) inszenierten Films stehen der junge Soldat Honus Grant (Peter Strauss) und Cresta Maybelle Lee (Candice Bergen), die einst von den Cheyenne entführt wurde und zwei Jahre bei ihnen gelebt hat. Beide sind die einzigen Überlebenden eines Überfalls der Tsitsistas – so die Eigenbezeichnung der Cheyenne – auf einen Goldtransport. Während sie nach Hilfe suchen, ändert Cresta nach und nach die Sichtweise ihres von der Idee der weißen Vorherrschaft überzeugten Begleiters. Schließlich erreichen sie eine Militärbasis – wo sich die Armee gerade auf ihren Rachefeldzug gegen die Cheyenne vorbereitet...
In den 1960er-Jahren begann man in den USA allmählich damit, das Bild der glorreichen Eroberung des Westens zu hinterfragen. „Soldier Blue“ (so der Originaltitel) war einer der ersten Filme, der die Brutalität und den Rassismus der weißen Expansion im Westen Amerikas schonungslos thematisierte. Wir sehen Morde, Vergewaltigungen und Verstümmelungen, wobei die Soldaten zum Teil sogar Körperteile als Trophäen mitnehmen. Ein Armeejurist beschrieb das Massaker später als „feiges, kaltblütiges Schlachtfest, das seine Täter mit unauslöschlicher Schande bedeckt und jedem Amerikaner Scham und Empörung ins Gesicht treiben sollte.“ (via Sensacine.com)
Die betreffende Szene – die den traurigen „Höhepunkt“ des Films darstellt – war dabei so drastisch, dass fast 20 (!) Minuten entfernt werden mussten, um ein X-Rating (also die damals höchstmögliche Altersfreigabe, bei der Jugendliche vom Kinobesuch ausgeschlossen waren) in den USA zu vermeiden. Dennoch wollten sich damals wohl viele nicht mit den Abgründen der eigenen Geschichte konfrontieren – „Das Wiegenlied vom Toschlag“ wurde zum Box-Office-Flop. In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten ist seine Bedeutung aber immer weiter gewachsen. So nannte ihn die BBC beispielsweise „einen der wichtigsten amerikanischen Filme, die je gedreht wurden.“
Wenn ihr übrigens wissen wollt, welches von John Wayne gehasste Meisterwerk als einziger Film ohne Jugendfreigabe den Haupt-Oscar gewann, dann lest auch den nachfolgenden Artikel:
Der einzige Film ohne Jugendfreigabe, der je den wichtigsten Oscar gewann: John Wayne hat das Meisterwerk von ganzem Herzen gehasstEin ähnlicher Artikel ist zuvor bereits auf unserer spanischen Schwesternseite Sensacine.com erschienen.
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