Es gibt wohl kaum ein Bild, das fester zementiert ist als das einer (werdenden) Mutter – fürsorglich, aufopfernd, kümmernd, sich selbst hintanstellend, das und viel mehr soll sie sein. Entsprechend ist die Darstellung von Schwangeren: Verträumt streicheln diese ihr Bäuchlein, trinken ihren Smoothie, spazieren am Wasser.
Umso mehr schlucken muss man bei dem Bild, das Chiara Fleischhackers Diplomfilm „Vena” bietet. Gebrochen wird hier nicht nur mit einem tradierten Bild von Mutterschaft, sondern auch mit dem Tabu, das Schwangerschaft und Sucht umbgibt. Denn Jenny, großartig gespielt von Emma Nova, konsumiert Crystal Meth. Und raucht. Und wird verurteilt.
Heute Abend habt ihr die Gelegenheit, euch den sehr sehenswerten und preisgekrönten Film um 22.45 Uhr im SWR anzusehen. Alternativ könnt ihr ihn auf Amazon Prime Video kaufen oder leihen:
Chiara Fleischhacker, die Dokumentarfilm studierte und sich zunächst mit männlichem Strafvollzug beschäftigte, behandelt in „Vena” die Frage, was mit schwangeren Frauen passiert, die eine Haftstrafe antreten müssen – und eröffnet gleichzeitig eine ungewohnt ehrliche Perspektive auf Sucht, Milieu und eine Figur, wie man sie so nur selten zu sehen bekommt.
Ein Film, der nicht kalt lässt
Denn Jenny, gewachsen aus zahlreichen Begegnungen Fleischhackers mit Müttern in JVAs, in Mutter-Kind-Heimen, etc. während zweijähriger Recherche, ist eine runde Figur, nicht nur ihres Bauches wegen: Sie ist grell. Ein bunter Fleck inmitten der grauen Berliner Platten. Sie ist liebend, irgendwie leicht – naiv womöglich. Und irgendwie da reingerutscht, in diese Abwärtsspirale aus Kristallen und Arbeitslosigkeit, in der sie von ihrem Freund „Bolle” (Paul Wollin) auch nicht so richtig unterstützt wird. Ein Kind bereits bei der Oma lebend, das andere auf dem Weg – Ultraschall und Vorsorge, Hebammensuche, gesunde Ernährung – was für andere im siebten Monat Routine ist, lässt Jenny in kaltem Rauch verpuffen.
Dass Chiara Fleichhackers erster Spielfilm einen nicht einfach kalt lassen kann, liegt vor allem an seiner Authentizität. Deutlich spürbar ist ihr Hintergrund im Dokumentarfilm: Die Kamera ist ihrer Protagonistin nah; Sucht, Konsumverhalten und Vollzug sauber recherchiert und erschreckend echt inszeniert – und die Geburtsszene ist sogar real.
Sorgsam & unmittelbar
Sorgsam montiert Chiara Fleischhacker Emma Novas Gesicht mit echten Sequenzen einer Geburt – der Höhepunkt des Films und einer der vielen Momente, in denen „Vena” einen mit seiner Unmittelbarkeit beinahe erschlägt. „Vena” übrigens in Anlehnung an die Vena umbilicalis – die Nabelschnur. Jene Verbindung zwischen Mutter und Kind, die das Ungeborene nährt, mit Sauerstoff und Leben versorgt, oder eben auch mit Gift.
Während die Verbindung von Mutter zur Tochter gerade erst beginnt zu wachsen, wird sie Jenny schon wieder entrissen – von einem System, das genau dort Lücken lässt, wo eigentlich Halt sein sollte. Lücken, in die man stolpern, in denen man versinken kann – und die „Vena” auszuleuchten vermag, wie nur wenige Filme sonst.
Welcher Film in eine ähnliche Kerbe schlägt, und nicht minder sprachlos zurück lässt, erfahrt ihr hier:
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