Nach 40 (!) Jahren Wartezeit: Endlich erscheint dieser bildgewaltige Mix aus Sci-Fi und Fantasy in Deutschland!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Ein lange Zeit übersehenes Meisterwerk des „Ghost In The Shell“-Regisseurs feiert seine deutsche Heimkino-Premiere: „Angel's Egg“ ist ein nachdenklich stimmender, atmosphärisch intensiver und visuell eindrucksvoller Sci-Fi-Fantasy-Hybrid.

Mit „Ghost In The Shell“ schuf er eine wichtige Inspirationsquelle für „Matrix“ und einen der prägendsten Sci-Fi-Anime der Geschichte. Zehn Jahre vor seinem internationalen Durchbruch brachte Anime-Regisseur Mamoru Oshii bereits „Angel's Egg“ in die Kinos – eine postapokalyptische, experimentelle Mischung aus beklemmender Science-Fiction und poetischer Fantasy.

1985 ging „Angel's Egg“ brutal unter, woraufhin er drohte, völlig in Vergessenheit zu geraten. Doch eine eingeschworene Fangemeinde verhinderte dies, indem sie die dem visuell eindrucksvollen, ruhig erzählten und nachdenklichen Geniestreich Oshiis den Status eines übersehenen Meisterwerks einbrachte. Am 18. Juni 2026 erscheint „Angel's Egg“ erstmals in Deutschland fürs Heimkino – und zwar als limitierte 4K-Edition, die den Film auch auf Blu-ray enthält.

Darum geht es in "Angel's Egg"

Die einschüchternden, weitläufigen Ruinen einer düsteren, verlassenen Stadt: Ein junges Mädchen bewacht konstant ein großes, geheimnisvolles Ei. Eines Tages begegnet das Mädchen einem Jungen, der ein großes Gewehr mit sich trägt und erzählt, dass ihm im Traum ein Vogel erschienen sei. Die scheue Ei-Beschützerin betrachtet den Jungen eingangs mit Misstrauen, aber nach und nach entsteht eine empfindsame Verbindung zwischen den einsamen Seelen.

Sie streifen gemeinsam durch die freudlose Welt, die nach desaströsen Ereignissen übrig geblieben ist, und tauschen sich über komplexe Themen aus. Dabei entdecken sie Überreste vergangener Zivilisationen, die ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit verschieben. Doch auch die Dynamik zwischen Junge und Mädchen ändert sich...

Eine einsame Welt des Kummers, der Illusion und der zerbrechlichen Hoffnung

Selbst, wenn man „Angel's Egg“ allein an der Oberfläche betrachtet, ist der rund 70 Minuten lange Anime imposant: Oshii und sein Team, zu dem „Final Fantasy“-Designer Yoshitaka Amano gehörte, erschaffen eine ebenso kahle wie eindrucksvolle Welt. In der postapokalyptischen schwarz-grau-dunkelblauen Ödnis von „Angel's Egg“ überschatten filigran gezeichnete, erdrückende Bauten eine jegliches Licht und Leben verschluckende Leere.

Noch dazu hallen durch diese paradoxe Ästhetik der Reizüberflutung und Entschleunigung die ominösen Klänge des Kammermusikers Yoshihiro Kanno, womit diese gemächliche Reise durch eine niederschmetternde Welt eine komplexe Wirkung erzielt: Beklemmend, betörend, abstoßend und voller Sogkraft, sieht „Angel's Egg“ einfach sensationell aus und erzeugt eine geradewegs einzigartige Atmosphäre.

Filmfans, die die Oberfläche von „Angel's Egg“ knacken wollen, kommen zahlreiche Deutungsmöglichkeiten entgegen. So fängt dieser postapokalyptische Trickfilm das desolate Gefühl einer depressiven Phase ein: Alles ist auf einmal zu viel und doch zu wenig, jegliche Hoffnung ist zerbrechlich, Gedanken ans Früher und Morgen nehmen abstruse Fallhöhen an. Wenig überraschend, dass Oshii diese Geschichte einer zerstörten, klammen Welt des Stillstands und Misstrauens während einer mentalen Gesundheitskrise ersonnen hat.

Was er sich dabei genau gedacht hat, weiß er nach eigener Aussage nicht mehr. Doch die verbrannte Welt von „Angel's Egg“ wurde bereits ausführlich als Verarbeitung des japanischen Atombombentraumas, als melancholisches Mahnmal für mehr Umweltdenken und als bittersüße Auseinandersetzung mit Gedanken über schwindende religiöse Überzeugung gedeutet – daher die über den Film verteilte, christliche Symbolik.

Mit seinem Erzähltempo, unbequem-verlockenden Bildern und seinem großen Interpretationsspielraum mutet „Angel's Egg“ zudem an, als hätte Arthouse-Ikone Andrei Tarkovsky sich mal am Animationsmedium versucht. Einen gefeierten Sci-Fi-Realfilm des bedeutenden Regisseurs haben wir euch übrigens im folgenden Artikel ausführlicher vorgestellt:

Heimkino-Highlight: Dieses Sci-Fi-Meisterwerk ist sogar (noch) besser als "Interstellar" – bald feiert es 4K-Premiere!

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