In Frankreich lockten seine Filme über 19 Millionen Menschen in die Kinos, im englischsprachigen Raum prägte er Filmschaffende wie Wes Anderson und Terry Gilliam, in Deutschland verdient er dringend eine erneute Welle der Wertschätzung: Zwar wurden für Jacques Tatis Regiearbeiten hierzulande rund sechs Millionen Eintrittskarten verkauft, allerdings findet er im gegenwärtigen Filmdiskurs kaum statt.
Vielleicht kann eine kommende Heimkino-Veröffentlichung ihren Beitrag leisten, diesen Meister der melancholisch-fantasievollen Komödie wieder bekannter zu machen. Denn am 26. November 2026 erscheint die „Jacques Tati Complete Collection“, mit der die Filme des Ausnahmetalents ihr deutsches 4K-Debüt feiern!
Das Set enthält alle abendfüllenden Regiearbeiten Tatis auf 4K-Disc sowie eine Blu-ray mit Bonusmaterial, außerdem befinden sich seine Kurzfilme in der Edition. Parallel dazu erscheint eine neue Blu-ray-Komplettedition*.
Jacques Tatis stiller Humor eint Slapstick, Poesie und Gesellschaftskritik
Wenig Dialog, besonnene Regieführung, genauer Blick für die Magie des zwischenmenschlichen Alltags sowie die Absurdität der Hektik, des übermäßigen Konsums und der stoischen Technologisierung: Tati verstand es wie kaum ein Zweiter, Schattenseiten des Fortschritts mit kritischer Distanz durch den Kakao zu ziehen und gleichzeitig mit warmherzigem Humor auf menschliche Missgeschicke und pure Lebensfreude einzugehen.
Das offenbart sich bereits in seinem Langfilmdebüt „Tatis Schützenfest“, in dem sich eine Dorfgemeinde gegen ihren ungeschickten, trödelnden Postboten (gespielt von Tati) verschwört, weil er nicht mit US-amerikanischer Strebsamkeit arbeitet. In „Die Ferien des Monsieur Hulot“ führt Tati dann seine unverkennbare Figur des Herren Hulot ein, einen von ihm verkörperten, freundlich-scheuen Tollpatsch, der mit Geduld und Naivität durch die Welt irrt.
Begleitet von einem gemütlichen Jazz-Score, reiht dieser Film verschiedenste Geschehnisse an einem Küsten-Ferienort aneinander – mit Nostalgie, Freude am Eigenartigen und sich ungewöhnlich ruhig entwickelndem Slapstick. Kein Wunder, dass sich Loriot später von diesem intelligent-charmanten Klassiker inspirieren lassen sollte!
„Mein Onkel“ unterdessen zeigt Hulot als verträumten, eigentümlichen und unordentlichen Onkel eines Neunjährigen (Alain Bécourt), der in einem hochtechnisierten, klinisch-freudlosen Neureichen-Haushalt lebt. Das Neben- und Gegeneinander von pittoresk-bescheidenem Leben einerseits und Plastik, Konsum und Protz auf der anderen Seite, wird zwar in Form sich behutsam entfaltender Szenen erzählt. Wie sich die Figuren aus dem Konzept bringen, ist aber reich an zünftigem Chaos, beschwingter Ironie und punktgenauen, irre komischen Soundeffekten. Die Ästhetik dieses Films und auch sein Humor sollten Wes Anderson beeinflussen.
Arthaus
Den satirischen Höhepunkt in Tatis Vita stellt sein dritter Langfilm dar, „Tatis herrliche Zeiten“, ein Mammutprojekt, das den Perfektionismus des Regisseurs unter Beweis stellt und in seine turbulenteste Slapstick-Trubsel-Sause mündet. Die Produktion nahm drei Jahre in Anspruch, für das Projekt wurde monatelang eine kleine Stadt errichtet, und allein das Finale in einem Genuss- und Vergnügungstempel verschlang sieben Wochen Drehzeit. Für den 17 Millionen Francs teuren Film verschuldete sich Tati bis über beide Ohren.
Und wenngleich „Tatis herrliche Zeiten“ im Kino keine schwarzen Zahlen geschrieben hat, gilt die stilsichere, ebenso entlarvend-intelligente wie selbstbewusst-alberne Komödie nunmehr als Tatis Meisterwerk. Hulot wandelt darin durch ein seelenloses Büroviertel aus Stahl, Glas und Beton, wo er genauso deplatziert ist wie eine das malerische Paris suchende US-Touristin (Barbara Dennek). Doch durch eine Verkettung von Zufällen landen sie in einem Luxus-Etablissement, das seine Eröffnung feiert. Eben diese Gala wird durch Überforderung, Sparmaßnahmen und schlechter Kommunikation arg in Mitleidenschaft gezogen.
In weiten Tableaus gefilmt, ist „Tatis herrliche Zeiten“ ein filmisches Bollwerk der Imagination, das aufzeigt, wie bedrückend eine uniforme, rein am Ertrag orientierte Welt ist. Durch amüsante Momente des Humanen und eine lebhafte, zerstörerisch ausartende Eröffnungsgala unterstreicht es zugleich, wie erstrebenswert eine Grenzen sprengende, den Moment auskostende Gesellschaft ist.
„Tati im Stoßverkehr“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, wenngleich mit kleineren Mitteln und selteneren Ausflügen ins Poetische: Der Abschluss der Hulot-Reihe zeigt den schweigsamen Gentleman als Auto-Designer, der einen neuen Wagen zu einer Expo in Amsterdam bringen muss. Auf dem Weg sorgen Pleiten, Pech und Pannen für Frust bei einer Hulot begleitenden PR-Agentin (Maria Kimberly), während Tati inszenatorisch das Malerische in Blechlawinen sucht und die Nachwehen eines dauermotorisierten Lebens voller Ungeduld und Profitstreben aufs Korn nimmt.
Arthaus
„Parade“ ist letztlich ein künstlerischer Epilog: Tati, der seine Karriere als Vaudevillekomiker begann, hielt für das schwedische Fernsehen eine Reihe an Zirkusperformances fest. Auch Tati selbst tritt vor die Kamera und übt sich ein letztes Mal in einigen seiner früheren Routinen, bevor er den Staffelstab an eine neue Generation übergibt.
Doch ganz gleich, ob Hulot im Fokus steht oder nicht: Geeint werden Tatis Filme durch ein Gefühl der Vergänglichkeit. Sei es die einer einzelnen Person, eines Zeitgeists oder eines gesellschaftlichen Lebensstils. Dem steht ein inspirierender Optimismus entgegen, denn in Tatis Filmen gibt es zwar Menschen, die irren, in die Irre geleitet werden oder Teil eines irren Systems sind. Aber es gibt keine Bösen: Bei Tati ist der Mensch an sich gut, er muss gegebenenfalls nur in das korrekte Umfeld geleitet werden. Dieser Glaube, dass eine warme Zukunft möglich ist, lässt Tatis Filme bei aller Irritation gütig, zeitlos und bezaubernd nachwirken – bald auch in 4K.
Eine aktuelle Komödie bringen wir euch hingegen im folgenden Beitrag näher:
"Diese Rückkehr macht mächtig Laune": Eine der kultigsten Filmreihen der 2000er meldet sich zurück – jetzt neu im Heimkino!*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.