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    Streaming-Tipp auf Amazon Prime Video: Ein "Herr der Ringe"-Star kämpft in der Postapokalypse ums Überleben
    19.09.2021 um 10:00
    Oliver Kube
    Oliver Kube
    Oliver Kube ist seit den 1990ern als Journalist/Kritiker in den Bereichen Film, Musik, Literatur und Technik tätig. Für FILMSTARTS schreibt er seit 2018.

    Eine starbesetzte Dystopie, die wie ein Road-Movie abläuft und mit düsterer Thriller-Atmosphäre, beeindruckend trostloser Kulisse sowie brillant gebremstem Tempo das Publikum fesselt – diese Story wirkt noch lange nach.

    Metropolitan FilmExport / Amazon Prime Video

    +++ Meinung +++

    Die gigantische Popularität der „Herr der Ringe“-Trilogie machte aus einigen bis dato oft allenfalls mittelmäßig erfolgreichen Schauspielern Weltstars und bescherte ihnen in den Folgejahren jede Menge Arbeit. Zu den klar besten Filmen eines der Cast-Mitglieder der Fantasysaga zählt für mich „The Road – ein sehr authentisch wirkender Mix aus spannendem Endzeit- beziehungsweise Survival-Thriller, abwechslungsreichem Road-Movie und berührendem Vater-Sohn-Drama.

    Vorsicht: Es handelt sich hier um alles andere als leichte Kost. „The Road“ ist kein Horror im klassischen Sinne. Dennoch darf man fast zwei Stunden lang reichlich Angst haben: um die namenlosen Hauptfiguren, die von Viggo Mortensen, dem Aragorn aus „Der Herr der Ringe“, und dem zum Zeitpunkt des Drehs erst elf Jahre alten Kodi Smit-McPhee („Planet der Affen: Revolution“, „Let Me In“) durchgehend glaubhaft dargestellt werden.

    Aktuell ist der Film im Abo von Amazon Prime Video enthalten, kann aber natürlich ebenso als DVD und Blu-ray erworben werden:

    » "The Road" bei Amazon Prime Video*
    » "The Road" als Blu-ray oder DVD bei Amazon*

    Darum geht es in "The Road" auf Amazon Prime Video:

    Jahre nach einer nicht näher benannten, globalen Umweltkatastrophe ziehen ein Mann (Viggo Mortensen) und sein Sohn (Kodi Smit-McPhee) zu Fuß durch das komplett verödete und bitterkalte Nordamerika. Sie wollen in den Süden, wo es angeblich noch grüne Landschaften geben soll. Ihre kümmerlichen Habseligkeiten schieben sie in einem klapprigen Einkaufswagen vor sich her, konstant auf der Suche nach etwas Essbarem oder einem zumindest halbwegs sicheren Unterschlupf für die Nacht.

    Dabei müssen sie ständig auf der Hut sein; vor allem vor den wenigen anderen Menschen, die überlebt haben. Denn die meisten von ihnen haben sich zu mörderischen Gangs zusammengerottet und schrecken nicht einmal vor Kannibalismus zurück. In dieser Umgebung versucht der Vater verzweifelt, sein Kind nicht nur zu beschützen, sondern ihm Menschlichkeit und Moral beizubringen – Werte, die er selbst immer wieder hinter sich lassen muss, um sich und ihn am Leben zu halten, seit die Mutter des Jungen (Charlize Theron) aufgegeben und den Freitod gewählt hatte.

    Metropolitan FilmExport
    Weit entfernt von Gondor: Viggo Mortensen (der Aragorn aus „Der Herr der Ringe“) spielt den verzweifelten Protagonisten von „The Road“.
    "The Road" bleibt sehr nah an seiner Vorlage

    Die erste herzzerreißende Szene kommt gleich nach ein paar Minuten. In ihr erklärt der Protagonist seinem schockierten Spross, wie die Pistole funktioniert, die er immer bei sich trägt und in der sich seine beiden letzten Patronen befinden. Die Waffe ist nicht etwa dazu da, um zu jagen. Denn Tiere sind ebenfalls fast komplett ausgestorben. Vielmehr sind die Geschosse dazu gedacht, sich in aussichtsloser Lage schnell und schmerzlos selbst töten zu können.

    Der auch danach noch diverse ähnlich emotionale plus mächtig spannende Momente liefernde Film basiert auf dem im Deutschen unter dem Titel „Die Straße“ veröffentlichten Roman eines meiner amerikanischen Lieblings-Autoren: Cormac McCarthy („No Country For Old Men“). Wie ich werden sich sicher alle Fans des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buches darüber freuen, wie eng „The Road“ an die Vorlage angelehnt wurde. So sind etwa diverse Dialoge wortwörtlich übernommen worden.

    Sicher kam Regisseur John Hillcoat und seinem Drehbuchschreiber Joe Penhall („Mindhunter“) der Umstand zugute, dass das Buch relativ gradlinig und kurz (256 Seiten) gehalten ist. So musste nicht – wie bei einer Menge anderer Literaturadaptionen – allzu viel an Handlung weggekürzt oder vereinfacht werden. Dem Filmemacher, dessen brillanter Anti-Western „The Proposition“ mich davor schon schwer beeindruckte, gelingt es dabei, eine Atmosphäre zu kreieren, welche die Zuschauer*innen komplett in ihren Bann zieht.

    Die von Chef-Kamermann Javier Aguirresarobe („Thor 3: Tag der Entscheidung“) gelieferten Bilder entsprechen obendrein nahezu exakt dem, wie ich mir die Story damals vor dem innere Auge ausgemalt hatte, als ich den Roman innerhalb von nur zwei Abenden verschlang.

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    „Sind wir immer noch die Guten?“, fragt der Halbwüchsige seinen Dad an einer emotional besonders intensiven Stelle nach einem haarsträubenden Erlebnis. Der antwortet sofort, sogar fast ein wenig zu schnell: „Ja, das sind wir!“ Seinen Augen und der mimischen Reaktion des Sohnes nach zu urteilen sind sich beide indes alles andere als sicher, dass dem wirklich so ist. Gerade diese Ambivalenz und die Frage, welche Handlungen ethisch noch vertretbar beziehungsweise mental überhaupt erträglich sind, um zu überleben, macht für mich den großen Reiz von „The Road“ aus.

    Wer keine Angst davor hat, innerlich angefasst zu werden und selbst Tage später an das Gesehene und dabei beinahe körperlich Miterlebte zu denken, wird diese herzzerreißende Geschichte voller Verzweiflung und Angst, aber auch Liebe, Mut und Würde genießen und nicht wieder vergessen. Es ist eindeutig Mortensens Film. Die meist recht kurzen Auftritte von „Memento“-Star Guy Pearce, Hollywood-Veteran Robert Duvall („Der Pate“, „Apocalypse Now“), Molly Parker aus dem „Lost In Space“-Revival sowie den immer unterhaltsamen Garret Dillahunt („Deadwood“) und Michael K. Williams („The Wire“) plus natürlich Charlize Theron in Flashbacks und Traum-Sequenzen reichern ihn jedoch nochmal gewaltig an.

    Metropolitan FilmExport
    "The Road" sieht deshalb so beängstigend authentisch aus, weil der Film ausschließlich an realen, verlassenen Orten gedreht wurde.
    Ohne "The Road" kein "The Walking Dead"?

    Übrigens: Schaut man sich den 2008 gedrehten und 2010 in hiesige Kinos gekommenen Film an, wird klar, wie sehr sich die Macher der Zombie-Hit-Serie „The Walking Dead“ immer wieder bei „The Road“ bedient haben. Das reicht von der drückend-düsteren Grundstimmung und wiederkehrenden moralischen Dilemmas über ganze Handlungsstränge wie der Vater/Sohn-Dynamik oder Landstriche terrorisierender Gangs. Auch einzelne Motive vom Schlage philosophisch anmutender Graffiti, schauriger Geisterstädte oder verlassener Highways voller Autowracks bis zu visuelle Aspekten wie spezielle Kameraeinstellungen wirken nahezu 1:1 übernommen: Der Einfluss von „The Road“ auf das superpopuläre TV-Franchise ist in meinen Augen nur allzu offensichtlich.

    Fans der Serie sollten das an realen Locations in den US-Bundesstaaten Pennsylvania, Louisiana und Oregon gedrehte Werk also unbedingt sehen. Ebenso Leute, die „Children Of Men“, „The Book Of Eli“, „I Am Legend“ oder den Klassiker „Der Omega-Mann“ mögen. Wobei es in all diesen deutlich dynamischer und/oder reißerischer zur Sache geht als in dem größtenteils clever gebremsten und durchgehend grandios melancholischen Slowburner. „The Road“ schenkt dem Publikum Zeit und Raum zum Mitfühlen und Hineindenken. Gerade weil das hier trotz des apokalyptischen Szenarios immens leicht fällt, ging und geht mir der Film so unter die Haut.

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