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    TV-Tipp: Ein vergessenes Meisterwerk mit Brad Pitt, das sogar "Sieben" und "Fight Club" Konkurrenz macht
    12.02.2022 um 09:00
    Oliver Kube
    Oliver Kube
    Oliver Kube ist seit den 1990ern als Journalist/Kritiker in Sachen Film, TV, Musik, Literatur & Technik tätig. Für FILMSTARTS schreibt er seit 2018.

    Dieses Drama spielt inhaltlich mit dem Phänomen des Schmetterlingseffekts sowie einem biblischen Gleichnis. Dabei ist es immens packend inszeniert und präsentiert Superstar Brad Pitt in Top-Form: Wisst ihr, welcher 5-Sterne-Film gemeint ist?

    Mars Distribution

    +++ Meinung +++

    „Sieben“, „Fight Club“, „12 Monkeys“ – auch wenn diese Titel alle schon ein paar Jahr(zehnt)e auf dem Buckel haben, erinnert sich jede(r) nur peripher am Kino Interessierte an sie. Dagegen scheint „Babel“, ein weiterer Film mit Brad Pitt in tragender Rolle, offenbar ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Was für mich umso erstaunlicher ist, da es sich um eine herausragende Inszenierung des global gefeierten Regie-Genies Alejandro González Iñárritu („Amores perros“, „The Revenant“) handelt und diese nicht umsonst für sieben Oscars nominiert war. Auch die Medien feierten „Babel“ und auch wenn der Film mit. So vergaben beispielsweise wir – wie bei den eingangs genannten Meisterwerken – in unserer FILMSTARTS-Kritik die Höchstnote:

    Die 5-Sterne-FILMSTARTS-Kritik zu "Babel"

    Okay, auch ich hatte „Babel“, seit ich ihn einst im Kino sah, nicht mehr geschaut und ein wenig verdrängt, bis ich kürzlich wieder über ihn stolperte. Ich hatte nur noch schemenhafte Erinnerungen an die Handlung. Abgesehen von den Namen der wichtigsten Stars wusste ich im ersten Moment noch, dass es ein Episodenfilm ist, der auf drei Kontinenten stattfindet und dessen Segmente lose miteinander verbunden sind.

    Dann fiel mir aber wieder ein, dass mich speziell der in Japan spielende Teil damals emotional tief berührt hatte. Und dass ich nach dem Abspann wie auf Wolken aus dem Saal geschwebt war; geradezu getragen von der visuellen und erzählerischen Kraft dessen, was sich da vor meinen Augen auf der Leinwand getan hatte. Diese Erinnerung war genug für mich, um „Babel“ jüngst ganz spontan zu schauen – etwas, das ich auch euch anlässlich einer weiteren TV-Ausstrahlung hiermit wärmstens empfehlen möchte. Egal, ob ihr den Film vor langer Zeit schon einmal gesehen habt oder ihn vielleicht noch gar nicht kennt.

    „Babel“ läuft am heutigen 12. Februar 2022 um 22.00 Uhr auf ServusTV. Alternativ kann der Film natürlich auch als Blu-ray, DVD oder Video-On-Demand bei Online-Anbietern wie Amazon erworben werden. Das philosophisch angehauchte, aber auch mit spannenden Thriller-Elementen aufwartende Psycho-Drama ist es absolut wert.

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    Leonine
    Rinko Kikuchi spielt die verzweifelte Chieko mit atemberaubender Authentizität
    Die Story (bzw. Storys) von "Babel"

    „Babel“ erzählt diese drei parallele Geschichten, die jedoch alle miteinander verknüpft sind:

    Nach einem Schicksalsschlag versuchen Richard (Brad Pitt) und Susan (Cate Blanchett) im Rahmen eines Marokko-Urlaubs ihre Ehe zu retten. Doch mitten in der Wüste schießen zwei herumalbernde Hirtenjungen (Said Tarchani, Boubker Ait El Caid) auf den Reisebus und Susan wird dabei lebensgefährlich getroffen.

    Zu Hause in Kalifornien versorgt unterdessen Nanny Amelia (Adriana Barraza) den Nachwuchs des Paares (Elle Fanning, Nathan Gamble). Da die ältere Mexikanerin die Hochzeit ihres Sohnes in der Heimat nicht verpassen will, schmuggeln sie und ihr Neffe (Gael Garcia Bernal) die Kids kurzerhand mit über die Grenze.

    Zeitgleich ist die taubstumme Teenagerin Chieko (Rinko Kikuchi) in Tokio damit beschäftigt den Selbstmord ihrer Mutter zu verarbeiten.

    Brad Pitt – so faltig und zerknittert wie nie zuvor

    Heute kennen wir Brad Pitt als vielseitigen und – wenn es in Bezug auf sein Äußeres angebracht ist – durchaus uneitlen Charakterdarsteller. Damals waren viele Fans und auch der eine oder andere Kritiker allerdings schockiert davon, dass der bis dahin meist als makelloser Beau präsentierte Amerikaner sich in „Babel“ offenbar bereitwillig aus allernächster Nähe mit Krähenfüßen und Tränensäcken unter den Augen ablichten ließ.

    Ich dachte 2006, dass der just in seinen 40ern angekommene Frauenschwarm nun wohl bereit war, sein fortschreitendes Alter nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar damit vor der Kamera zu arbeiten. Jedenfalls nutzte er bei „Babel“ geschickt erste kleine Imperfektionen, um sein Spiel zu untermauern und der Figur des Richards mehr Tiefe zu geben. Mit Blick auf das visuelle und mimische Auftreten Pitts in darauffolgenden Titeln wie „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ oder „Inglourious Basterds“ scheine ich mit dieser Interpretation tatsächlich gar nicht so falsch gelegen zu haben.

    Doch nicht nur Pitts Darstellung ist großartig. Neben ihm gefallen mir bis heute besonders die sich mit einer furchtlosen Performance so verletzlich und doch auch willensstark zeigende, damalige Newcomerin Rinko Kikuchi („Pacific Rim“) sowie Koji Yakusho („Die Geisha“), der ihren hilflosen Vater gibt. Gleichermaßen überzeugend verkörpern Said Tarchani und Boubker Ait El Caid die beiden kleinen Ziegenhirten. Leider waren letztere seitdem nie wieder in einem größeren Film dabei.

    Leonine
    Brillante Aufnahmen von Chef-Kameramann Rodrigo Prieto.
    Virtuosität hinter der Kamera

    Was mich beim ersten Anschauen genauso wie jetzt beim Re-Watch schwer beeindruckte, war die Eleganz und scheinbare Leichtigkeit, mit der der Film die sowohl thematisch und tonal, aber auch visuell stark unterschiedlichen Segmente von „Babel“ zu einem komplexen, dabei erstaunlich kohärenten Ganzen zusammenführt und verbindet.

    Alle drei Geschichten sind so vielschichtig, dass sie eigentlich jeweils einen separaten, abendfüllenden Film wert wären. Von Iñárritu virtuos kombiniert und in fantastisch aussehende Bilder gekleidet, ist das Ergebnis hier aber mehr als die Summe seiner Teile. Es ist für mich ganz großes Kino mit Spannung und Anspruch, das einen noch tagelang über Taten und Konsequenzen sinnieren lässt.

    Wer das Werk im Originalton mit Untertiteln genießt, auf den/die prasseln Dialoge in fünf Sprachen (Englisch, Spanisch, Arabisch, Japanisch und Gebärdensprache) ein. Zudem wurde jeder der vier Hauptschauplätze (ein einfaches Wüstendorf in Marokko, ein wohlsituiertes Viertel in San Diego, das ländliche Mexiko sowie die Mega-Metropole Tokio) von Chef-Kameramann Rodrigo Prieto („Brokeback Mountain“, „The Wolf Of Wall Street“) in puncto Farbpalette und Licht mit einer ganz eigenen Optik versehen. Obendrein kommen Verschiebungen beziehungsweise Sprünge in der Zeitebene dazu.

    Trotzdem sorgt Iñárritu mit Hilfe seines Drehbuchautors Guillermo Arriaga („Three Burials“) sowie der beiden brillanten Cutter Douglas Crise („The Ice Road“) und Stephen Mirrione („Traffic“) dafür, dass ich mich anhand der visuellen als auch emotionalen Reizflut nie überwältigt fühlte oder gar den Überblick verlor. Er schafft es, mich gedanklich komplett in all diese Szenarien zu involvieren und die im Vorhinein erst einmal arg üppig erscheinenden zweieinhalb Stunden Laufzeit wie im Fluge vergehen zu lassen.

    Dies ist eine Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.

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