„Germany’s Next Topmodel“ feiert schon das 20. Jubiläum, doch erst seit 2024 dürfen auch Männer über Heidi Klums Laufsteg wandeln. Als Fan der ersten Stunde hoffte ich, dass diese Neuerung zu Veränderungen bei der Castingshow führen würde, doch leider folgte statt der gewünschten Modernisierung ein unerwarteter Nebeneffekt: Heidi Klum behandelt ihre männlichen Model wie Sexobjekte, die nur dazu da sind, möglichst heiß in Szene gesetzt zu werden. Warum Klum als Mann für dieses Verhalten längst (zurecht) gecancelt worden wäre, gibt es hier.
Unangenehm: Heidi Klum inszeniert sich bei GNTM als lüsterne Wildkatze
Jahrzehntelang war GNTM eine Sendung, in der junge Frauen bis ins kleinste Detail seziert wurden. Gnadenloses Bodyshaming und harsche Kritik am Selbstbild der Kandidatinnen gehörten jede Folge mit dazu. Heute will GNTM eigentlich ganz anders sein: Der Cast ist deutlich diverser; verschiedene Körpertypen und Altersgruppen sollen ein Gefühl von Inklusivität suggerieren. Bei so viel „Safe Space“ sollte man also meinen, dass Heidi Klum gelernt hat, den Models gegenüber auf einer sachlichen, unpersönlicheren Ebene zu begegnen.
Doch kaum wurden die Männermodels Teil der Show, wurde spürbar, dass Heidi noch immer blinde Flecken beim Umgang mit ihren Nachwuchstalenten hat. Klum sexualisiert die männlichen Kandidaten auf eine Weise, die sie sich bei den Frauen – zum Glück – nie getraut hat. Als beispielsweise Yanneck (24) in Folge 5 mit einer extrem freizügigen Tanga-Hose über den Laufsteg geschickt wird, verhielt sich Klum wie am Rande einer Stripshow. Statt die Leistung des Models zu bewerten, quietschte die Chefjurorin „Hot, hot, hottie!“ und fächelte sich kokett Luft zu.
ProSieben
Wagen wir das Gedankenexperiment: Stellt euch vor, ein 52-jähriger Modelagent lässt eine Gruppe junger Frauen vor sich laufen, starrt gierig auf ihre Rundungen und kommentiert bei allen, die ihm gefallen, wie sehr ihn der Anblick gerade „erhitzt“. Zurecht würde so eine Szene für Entsetzen im TV sorgen; außerdem wäre allen sofort klar, dass so ein Urteil keinesfalls objektiv gefällt wird. Warum also kommt Heidi damit durch?
Heidi Klum fühlt sich als Frau sicher vor dem Creep-Image
Machen wir uns nichts vor: Wäre Heidi Klum ein Mann, stünde sie im Jahr 2026 vermutlich vor den Trümmern ihrer Karriere – zurecht. Denn Heidi Klum bekleidet bei GNTM nicht nur irgendeine Rolle; sie IST GNTM. Als Alleinherrscherin der Castingshow hat sie die Zügel in der Hand und kann maßgeblich mitentscheiden, was wir am Ende zu sehen bekommen. Wenn Chefin Klum ein Model also „hot“ findet, kann die betroffene Person nicht einfach „Lass das bitte!“ sagen, ohne direkt den Platz in der Show zu riskieren. Dieses Machtgefälle sichert Heidi Klum, denn was soll ihr schon passieren, wenn sie Grenzen überschreitet?
Während wir am Fall von Thomas Gottschalk endlich begriffen haben, dass Anzüglichkeiten in einem professionellen Umfeld nichts zu suchen haben, hat Heidi Klum immer noch freie Fahrt, die Kandidaten mit übergriffigen und deplatzierten Kommentaren zu verunsichern. Aber warum lassen wir ihr das immer noch durchgehen? Die Antwort ist simpel: Heidi ist kein ekliger, „alter weißer Mann“, sondern eine Ikone, die wir seit Jahrzehnten für ihre Schönheit verehren. Und wer schön ist, kann schließlich nicht gefährlich sein, nicht wahr? Wenn Heidi Klum einen lüsternen Spruch äußert, dann neigen wir dazu, es als „Kompliment“ oder Ausdruck ihrer Begeisterung abzutun – auch wenn inhaltlich längst jede Grenze der Professionalität überschritten ist.
Heidi Klum ist wie Thomas Gottschalk, nur besser angezogen
Heidi Klum schafft mit ihren ständigen Sexualisierungen einen sexistischen Unterton in der Show, der die Kandidaten jeglicher Chance beraubt, als ernstzunehmende Models wahrgenommen zu werden. Denn die meisten Jungs bei GNTM werden nicht als Talente inszeniert, sondern als attraktive Gigolos, die sich zur Befriedigung des Publikums gerne so oft wie möglich nackig machen sollen. So viele eingeölte Männer-Sixpacks, wie ich in den letzten drei Staffeln GNTM sehen musste, gibt es sonst nicht einmal in Erwachsenenfilmchen zu sehen. Klar, die Show versucht wohl, eine junge, weibliche Zielgruppe zu bedienen, von der man glaubt, sie wolle diese „Fleischbeschau“ tatsächlich sehen. Doch in Wahrheit schießen Klum und ProSieben total an der Jugend vorbei, die Sexyness selbstbestimmt, authentisch und frei erleben möchte, nicht durch die angestaubte Linse einer 52-jährigen Fernsehikone.
Besonders entlarvend finde ich Heidi Klums Inkonsequenz: Bei den Frauen oder bei Männern, die sie persönlich nicht „hot“ findet, gelingt es Klum ohne Probleme, sachliche Model-Kritik zu äußern. Da geht es um die Haltung der Hände, um den Rhythmus auf dem Laufsteg oder fehlende Mimik im Gesicht. Doch sobald in der Show Heidis Favorit Ibo um die Ecke kommt, wird bei Klum der Thomas-Gottschalk-Schalter umgelegt, woraufhin wir uns einen ekligen Kommentar nach dem anderen anhören müssen. Dass Heidi Klum bei so viel nackter Haut überwältigt und verzückt ist, ist ja nicht einmal das Problem. Aber dass sie nicht darauf achtet, dass die Models sich durch diese Äußerungen extrem unwohl fühlen könnten, ist nicht zu entschuldigen. Liebe Heidi, wenn du möchtest, dass du nicht bald als der weibliche Thomas Gottschalk in die TV-Geschichte eingehst, dann zügel dich. Wir, und zukünftige Models werden es dir danken.
Wenn ihr wissen wollt, wer für uns GNTM bereits gewonnen hat, könnt ihr hier nachlesen: