Psychologisches Experiment: TV-Sender lässt Jungen und Mädchen ohne Erwachsene allein in einem Dorf
Teile diesen Artikel

Diese schockierende Realityshow trieb Kinder absichtlich an ihre Belastungsgrenze – und ging als eins der schlimmsten TV-Experimente in die Geschichte ein.

KI-generiert mit Adobe Firefly

Machen wir uns nichts vor: Reality-TV tarnt sich gerne mal als Sozialexperiment, während es in Wahrheit einfach nur um eins geht: den größten Schockfaktor für die Quote. Besonders in den 2000ern kannten die Sender weltweit kaum noch Grenzen und überboten sich regelmäßig in Sachen Geschmacklosigkeit. 2009 bekamen wir eine britische Realityshow zu sehen, die das Fass zum Überlaufen brachte – mit Kindern in der Hauptrolle.

Diese Realityshow klingt wie ein schlechter Scherz

Diese Realityshow klingt wie ein absoluter Fiebertraum, lief 2009 aber tatsächlich im britischen Fernsehen: „Boys and Girls Alone“. Das Konzept ist ebenso simpel wie schockierend: Man nehme 20 Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren, teile sie in zehn Jungen und zehn Mädchen auf und stecke sie für zwei Wochen in zwei getrennte Häuser. Dabei waren die Kids komplett auf sich alleingestellt. Und natürlich hielten die Kameras hautnah drauf, während die Minderjährigen an täglichen Aufgaben wie Putzen, Kochen und Budgetverwaltung scheiterten.

Verkauft wurde das Ganze als faszinierende Studie über Gruppendynamiken und kindliche Eigenständigkeit. Aber wir wissen alle, worum es wirklich ging: Man wollte der vulnerabelsten Gruppe der Gesellschaft dabei zusehen, wie sie ohne Aufsicht ins Chaos gestürzt wird. Voyeurismus in Reinform, ausgetragen auf dem Rücken von Minderjährigen, die rechtlich nicht einmal in der Lage waren, einer solchen Situation zuzustimmen. Was soll hier bloß schiefgehen?

In den Häusern eskalierte die Lage

Es wurde schnell deutlich, wie maßlos überfordert die jungen Teilnehmenden mit der plötzlichen Verantwortung waren. Im Haus der Jungs offenbarte sich, dass ihnen selbst grundlegendste häusliche Fähigkeiten fehlten. Hygiene wurde schleifen gelassen, stattdessen herrschten Anarchie und Chaos. Dinge gingen zu Bruch, das Haus versank in Unordnung und der Speiseplan bestand bald nur noch aus Müsli, Zucker und gefrorenen Fertigmahlzeiten. Ein Junge brach sogar weinend zusammen, weil er nicht wusste, wie er sich eine warme Mahlzeit zubereiten sollte.

Bei den Mädchen lief es organisatorisch deutlich runder. Es zeigte sich, dass sie wohl bereits deutlich früher häusliche Pflichten übernehmen mussten. So teilten sie sich Rollen zu, organisierten sich und schafften es auch, warme Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen. Doch von Friede, Freude, Eierkuchen kann keine Rede sein. Denn im Haus kam es zu üblem Mobbing, bei dem ein Mädchen systematisch zur Außenseiterin gemacht wurde und immer wieder fies schikaniert wurde. Der traurige Höhepunkt: Um den anderen Angst einzujagen, malten einige Mädchen gruselige Todesbotschaften an die Wände und behaupteten, ein Geist würde das Haus heimsuchen. Eins der jüngeren Mädchen war so verstört, dass sie unter Angst in Tränen ausbrach.

Der Medienskandal ließ nicht lange auf sich warten

Wenig überraschend sorgte die Ausstrahlung für einen massiven medialen Aufschrei. Die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom wurde mit hunderten Beschwerden überschwemmt. Mehrere Psycholog*innen schlossen sich zusammen und verfassten einen offenen Brief, der das „Herr der Fliegen“-artige Format aufs Schärfste verurteilte. Für viele Zuschauende grenzte es ein Wunder, dass so ein „Big Brother“-Konzept mit Minderjährigen überhaupt legal sein konnte. Kinder in eine psychische Ausnahmesituation zu versetzen und sie billigem Unterhaltungscontent zu verwursten, empörte die Öffentlichkeit zutiefst.

Der Sender konnte sich allerdings juristisch aus der Affäre ziehen und wurde vom Vorwurf der Kindeswohlgefährdung freigesprochen – mit der Begründung, dass Eltern, Betreuer und Psychologen theoretisch „auf Abruf“ im Hintergrund bereitgestanden hätten. Doch der bittere Nachgeschmack blieb: „Boys and Girls Alone“ schrieb mit seinem skandalösen Konzept TV-Geschichte, denn die Ängste und Überforderungen von Kindern auszuschlachten, galt als ein neuer Tiefpunkt im Reality-TV.

Nach miserablen Quoten geht es dieser Serie an den Kragen: RTL nimmt Sky-Serie direkt wieder aus dem Programm!

Maximilian Günther
Maximilian Günther
-Redakteur, TV-STARTS
Als Kind der 2000er zum passionierten TV-Junkie erzogen. Trash-TV-Connaisseur mit Herz für Underdogs. Guilty Pleasures: GNTM & Temptation Island.
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren