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Die große Depression
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die große Depression
Von Lars Lachmann
Dokumentarfilme erfreuen sich in jüngster Zeit auch auf der großen Leinwand einer zunehmenden Beliebtheit. Sicherlich mag der ebenso provokante wie polemische Stil, den ein bekannter amerikanischer Filmemacher diesem Genre hinzugefügt hat, einen nicht unwesentlichen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Ein, wenn nicht provokantes, so doch zumindest gewagtes Thema hat sich auch Konstantin Faigle für seine Dokumentation „Die große Depression“ ausgewählt. Da es sich hierbei um ein ernst zu nehmendes Thema handelt, gehört es zu Faigles Ansatz, sich ihm einerseits mit dem nötigen, sensiblen Problembewusstsein, aber eben auch mittels einer kräftigen Prise Humor und Selbstironie zu nähern. Und das, wohlgemerkt, ohne bei seiner Kreuzfahrt durchs schwermütig-wolkenverhangene Deutschland in die Untiefen einer ambivalenten Moore‘schen Polemik abzugleiten.

Deutschland und die Depression. Ein gegenwärtig von Arbeitslosigkeit, Zukunfts- und Existenzängsten gebeuteltes Jammertal. Ein nur vorübergehender Zustand? – Oder liegt der Hang zum Pessimismus und zur Schwarzseherei nicht sehr viel tiefer in der Volksseele verwurzelt; als eine Eigenschaft, die uns Deutsche gegenüber anderen Nationen geradezu als „Weltmeister im Jammern“ auszeichnet? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Faigle in seinem Dokumentarfilm und stellt sie nicht nur sich selbst und internationalen Touristen in der Münchener Altstadt, sondern unter anderem auch einer Reihe von Experten, die sich damit auskennen. Wie zum Beispiel Professor Dr. Florian Holsboer, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, demzufolge es sich bei der klinischen Depression tatsächlich um eine vererbbare Krankheit handelt. Eine Tatsache, welche den Filmemacher zu einem direkten genetischen Vergleich mit einem Einwohner des indischen Staates Kerala veranlasst, wo angeblich die glücklichsten Menschen der Welt leben sollen. Einen möglichen Lösungsansatz für dieses Problem verspreche demnach die Praxis von mehr deutsch-indischen Mischehen.

Eine weitere Koryphäe auf dem Gebiet der Depression als ehemals selbst Betroffener ist der in Tübingen lebende Schriftsteller und Rhetoriker Professor Walter Jens, welcher zur Einschätzung kommt, dass es darauf ankomme, seine Situation zu artikulieren und sich nicht zu verkrümeln und zu sagen, es gehe mir irgendwie nicht gut. Eine Depression, so Jens, an der Millionen in Deutschland heute leiden, sei nicht ehrenrühriger als eine Blinddarmentzündung. Diese Devise scheint sich nicht zuletzt der Macher des Films, Konstantin Faigle, selbst zu Herzen genommen zu haben, sieht er sich doch unter den der Volkskrankheit Melancholie anheim Gefallenen keineswegs als Ausnahme. Durch die Einbindung seiner eigenen „kleinen“ Depression in den Rahmen der „großen“ verleiht er seiner Dokumentation eine ganz persönliche Note. Die Tatsache, dass seine Lebensgefährtin in Kürze ein Kind erwarte, in Verbindung mit Aussagen wie der von Friedrich Merz, dass jedes Kind in Deutschland bereits mit 16 500 Euro Schulden auf die Welt käme, habe ihn dazu veranlasst, dieses Filmprojekt anzugehen und – im Sinne von Walter Jens – nicht nur die Situation der deutschen Bevölkerung, sondern auch seine eigene zu artikulieren, zu hinterfragen und nach möglichen Auswegen zu suchen.

„Ich will dem Zuschauer einfach keine objektiven Weisheiten vorgaukeln“, begründet Faigle seine Entscheidung, auch ganz persönliche Aspekte als Teile seiner „kleinen Depression“ mit einzubringen, um diesen mit der gleichen von Humor und Selbstironie geprägten Sichtweise zu begegnen, wie den Symptomen, an denen große Teile der Bevölkerung leiden. Zu diesen persönlichen Aspekten gehört unter anderem auch die nicht immer nur von Harmonie geprägte Beziehung zu seiner Lebensgefährtin. Wer könnte ihm in dieser Frage besser weiterhelfen als eine Person, die wirklich etwas von Frauen versteht: Alice Schwarzer. Zur Schwermut des deutschen Mannes befragt, lautet ihr Statement: „Ich finde, so ein bisschen Melancholie steht ja Männern ganz gut. Es gibt doch nichts Langweiligeres als solche Kraftmeier, die so gar nicht nachdenken.“

Einen interessanten theoretischen Ansatz zur Erklärung der deutschen Depression liefert die Lerntrainerin und Autorin Vera F. Birkenbihl anhand der Memetik. Ein Mem ist demnach eine elementare Informationseinheit, die sich von Person zu Person weiter verbreiten kann, aber auch – ähnlich wie ein Gen – vererbbar ist. Unter diesen gibt es auch so genannte „miese Meme“, die ähnlich wie ein Virus auf den Organismus einer Person oder einer Bevölkerung einwirken, was schließlich zur Depression führen kann. Um so beeindruckender wirken die Ausführungen der Expertin, wenn sie diese anhand von schematischen, zur Bequemlichkeit des Zuschauers auf Kopf geschriebenen Darstellungen auf einem großen Papierbogen erläutert.

Aufgelockert werden all diese theoretischen Fragestellungen durch praktische Experimente zum Thema Neid, in welchen unter anderem auch Faigles Eltern, die auch schon an dessen vorigem Dokumentarfilm „Out Of Edeka“ beteiligt waren, eine Rolle spielen. Auch der Frage, ob es den Deutschen wieder besser gehen würde, wenn sie wieder einen König wie Barbarossa oder Ludwig II. hätten (wenngleich letzterer ebenfalls unter schwerer Melancholie zu leiden hatte), wird auf ebenso spielerisch-experimenteller Basis nachgegangen. Weiterhin besucht Faigle mit seinem Team ein Kloster, eine KZ-Gedenkstätte, die beiden Städte mit den Umfragen zufolge glücklichsten und unglücklichsten Bewohnern der Republik sowie ein Heim für Asylbewerber im Harz zwischen den Ortschaften Elend und Sorge.

Im Ergebnis bietet „Die große Depression“ ein absolut gelungenes unterhaltsames, bei einem so ernsten Thema dennoch sehr lustiges Roadmovie durch Deutschland, welches ob seiner selbstironischen Sicht- und Darstellungsweise sein Sujet zwar ernst nimmt – aber eben nicht zu ernst. Ein Lösungsansatz, welcher – im Hinblick auf das im Zentrum stehende Problem – mit Sicherheit seine Wirkung entfalten dürfte, zeigt sich nicht zuletzt in der Herangehensweise und Blickrichtung des Films selbst, welcher sich in seiner Gesamtheit als wahrhaftiges Antidepressivum erweist!
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