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Waltz with Bashir
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Waltz with Bashir
Von Ulf Lepelmeier
Nachdem Marjane Satrapis viel umjubelte Comic-Verfilmung Persepolis den Stein ins Rollen gebracht hat, setzt sich der Trend zu Animationsdramen mit autobiographischen Bezügen für ein erwachsenes Publikum nun fort. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes erntete die israelische Animations-Doku „Waltz With Bashir“ zehnminütige stehende Ovationen und euphorische Kritikerlobpreisungen. Der Film wurde von der deutschen Produktionsfirma Razor Film (Paradise Now) initiiert und erzählt in beeindruckenden Bildern, wie sich Regisseur Ari Folman bedächtig an die verdrängten traumatischen Erlebnisse seines Kriegseinsatzes im Libanon herantastet.

26 furchteinflößende, ausgemergelte Hunde rennen – von treibender Musik untermalt – durch eine Stadt, bis sie vor einem erleuchteten Fenster zum Stehen kommen und ein klagendes Geheul anstimmen. Von diesem immer wiederkehrenden Albtraum erzählt Boaz seinem Freund, dem Regisseur Ari Folman. Boaz ist sich sicher, dass der Traum in direktem Zusammenhang mit ihren gemeinsamen Kriegserlebnissen steht. Beiden Männern wird klar, dass sie sich nur noch schemenhaft an ihren Kriegseinsatz im Libanon im September des Jahres 1982 erinnern können, dass sie ihre Ängste und die schrecklichen Bilder von Tod und Elend längst verdrängt haben. Forman beschließt, sich mit den damaligen Vorkommnissen erneut auseinanderzusetzen und die Fragmente seines Erinnerungspuzzles wieder zusammenzusetzen. Mit jedem Gesprächspartner kommt ein weiteres Stück verdrängter Vergangenheit zurück und immer mehr wird sich Forman seiner Verbindung zum Massaker von Sabra und Shatila bewusst…

„Wieder fielen Bomben auf Beirut, dieselben Straßennamen fielen bei Berichten über die Bombardements und wieder mussten Unschuldige ihr Leben lassen. Rund 24 Jahre nach meinen eigenen Kriegserfahrungen war der Angriff Israels auf den Libanon im Jahre 2006 für mich wie ein Déjà-vu, eine Lektion, die nicht gelernt wurde.“ (Regisseur Ari Folman auf dem Filmfest München)

Ausgehend vom Drang des Regisseurs, seine eigene – in den beruhigenden Nebel der Vergessenheit geratene – Vergangenheit aufzuarbeiten, entstand mit „Waltz With Bashir“ eine animierte, autobiographische Dokumentation, die sich mit dem Phänomen der Verdrängung, dem ersten Libanonkrieg im Allgemeinen und dem Massaker von Sabra und Shatile im Besonderen auseinandersetzt. 1982 marschierten die Israelis in den Libanon ein und unterstützten Bashir Gemayel bei seiner Wahl zum Präsidenten. Wenige Wochen später wurde der christliche Präsident in Beirut erschossen, was Gemayels Anhängerschaft mit Racheakten quittierte. Vom 16. bis 18. September 1982 ereignete sich dann das Massaker von Sabra und Shatila, bei dem schätzungsweise bis zu 3.000 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Beirut von christlichen Falangisten – geduldet von der israelischen Armee - ermordet wurden.

Basierend auf den von Regisseur Ari Folman geführten Gesprächen mit seinen Kriegskameraden breiten sich die Ereignisse im Libanon, an die sich die Interviewpartner erinnern, sowie die Albträume, die sie seit den Tagen des Krieges heimsuchen, vor den Augen des Publikums aus. Die Animationen erinnern dabei stilistisch stark an Richard Linklaters „Waking Life“ und A Scanner Darkly, weisen aber aufgrund ihres markanten, etwas groben Stils auch eine individuelle Note auf. Dank der Untermalung mit typischem 80er-Jahre-Sound, gepaart mit neuen Songs wie „I Bombed Beirut Today“ (nach „I Bombed Korea Today“ von Cake) und einem sphärischen, klassisch anmutenden Hauptthema entwickeln die erinnerten Bilderwelten einen Sog, der zu fesseln und zu schockieren versteht. Äußerst beeindruckend und einprägsam gestaltet sich dabei vor allem jene Traumsequenz, in der Folmans jugendliches Ich zusammen mit anderen Soldaten unbekleidet im Wasser erwacht und daraufhin zu jenem Ufer watet, an dem eine verlassene Stadt liegt, die von Leuchtraketen erhellt wird. Das Entsteigen aus dem Wasser und das anschließende Ankleiden verbildlichen, dass die unbeschwerte Zeit der Jugend vorüber ist und dass die Unschuld des jungen Mannes in den folgenden Kriegstagen zwangsläufig verloren gehen wird.

Der Animationsstil bereichert den von seiner Erzählstruktur her eigentlich konventionellen Film ungemein. Sowieso wäre es bei einem Realfilm wohl auch nur schwer möglich gewesen, Interviews mit Menschen zu ihren visualisierten Traumata und Erinnerungen sowie die Jugendkultur der 80er so kunstvoll und direkt zu verbinden. Die Überforderung der jungen Soldaten, ihre Entmenschlichung und die psychische Belastung werden zwar stimmig herausgearbeitet, doch hätte eine etwas detailliertere Auskunft über die politischen und geschichtlichen Zusammenhänge die Dokumentation noch abrunden können. Dennoch versteht es „Waltz With Bashir“, trotz der Verfremdung durch die animierte Darstellungsweise und der Illustrierung der surreal anmutenden Albtraumbilder, stets einen Realitätsbezug zu bewahren. Ganz zum Schluss sorgt der plötzliche Wechsel hin zu realen Archivaufnahmen noch einmal für besonders tiefgehende Bestürzung: Das Wehklagen der Palästinenserinnen und die Leichenberge in den Straßen des Flüchtlingslagers lassen den Zuschauer mit einem klammen Gefühl im Kinosessel zurück.

Fazit: „Waltz With Bashir“ ist einerseits ein inhaltlich konventioneller Antikriegsfilm, zugleich aber auch der gelungene Versuch, dem Dokumentations-Genre einen jungen, modernen Anstrich zu verpassen, ohne dabei an Realitätsbezug oder Intensität einzubüßen. Die stilsicheren, kantigen Animationen passen sich perfekt in das Gesamtkonzept ein und lassen den Zuschauer gemeinsam mit dem Regisseur in die verdrängten Tage des unwirklichen und grausamen Libanonkrieges zurückreisen.
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