Mein Konto
    Get On Up
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Get On Up
    Von Christoph Petersen

    Die Biografie ist eine der Königsdisziplinen des Kinos, denn es ist verdammt schwer, im Leben eines Menschen einen roten Faden zu finden, der dem Publikum in zwei Stunden das Gefühl vermittelt, sie hätten den Protagonisten wirklich kennengelernt. Wer es sich als Filmemacher dabei leichter machen will, pickt ein Ereignis aus der Kindheit heraus, auf das anschließend alles Weitere zurückgeführt wird – so haben es schließlich auch schon James Mangold mit dem traumatischen Tod des älteren Bruders von Johnny Cash in „Walk the Line“ und Taylor Hackford mit dem traumatischen Tod des jüngeren Bruders von Ray Charles in „Ray“ erfolgreich vorgemacht. Regisseur Tate Taylor („The Help“) wählt in seinem Musiker-Biopic „Get On Up“ allerdings einen steinigeren Weg und löst die zahlreichen Widersprüche im Leben von James Brown bis zum Ende nicht auf. Dieser Ansatz ist aller Ehren wert und wird dem bewegten Lebens- und Karriereweg des Godfather of Soul ganz sicher eher gerecht als irgendeine küchenpsychologische Pauschaldeutung. Dabei wirkt die Folge der verfilmten Episoden mitunter etwas ziellos, aber Hauptdarsteller Chadwick Boseman hilft mit einer begeisternden Darstellung über diese kleinen Holprigkeiten hinweg.

    Weil er bei dem Versuch, einen Anzug aus einem geparkten Wagen zu stehlen, erwischt wurde, bekommt der 16-jährige James Brown (Chadwick Boseman) sieben Jahre Gefängnis aufgebrummt – und ohne ein festes Zuhause hat er auch keine Chance auf vorzeitige Bewährung. Doch dann absolviert Bobby Byrd (Nelsan Ellis, „Der Butler“) mit seiner Gruppe Gospel Starlighters einen Auftritt im Knast, bei dem er James‘ Talent als Sänger bemerkt, und überredet anschließend seine Familie, den heimatlosen Häftling in ihrem Haus aufzunehmen. Schnell wird James selbst zum führenden Mitglied der Starlighters, benennt die Band in The Famous Flames um und zieht die Aufmerksamkeit von Plattenfirmen auf sich. Allerdings sind die Produzenten um Star-Promoter Ben Bart (Dan Aykroyd, „Ghostbusters – Die Geisterjäger“) nur an Frontmann James und nicht an den übrigen Mitgliedern der Flames interessiert...

    „Get On Up“ entfacht direkt die Neugier des Zuschauers. Denn statt mit einer typischen Biopic-Eröffnungsszene (bei einer Ehrung oder am Sterbebett etwa) beginnt Tate Taylors Film mit einem unrühmlichen Moment im Leben seines Protagonisten: Als er feststellt, dass seine Toilette von jemandem aus dem angrenzenden Geschäft benutzt wird, schnappt sich der in die Jahre gekommene James Brown ein Gewehr, stürmt nach nebenan und hält seinen verängstigt auf dem Boden kauernden Geiseln eine wirre Scheißhaus-Moralpredigt. In den folgenden zwei Stunden lernt der Zuschauer in nicht immer chronologischen Rückblenden eine Menge über den Hardest Working Man in Showbusiness: Er ist Musiker und Geschäftsmann, Kirchengänger und Knastvogel, Perfektionist und Paranoiker, liebevoller Vater und eifersüchtiger Ehemann, Vietnamkriegsbefürworter und Dr.-King-Fan. Nur wie es zu der Episode mit der Geiselnahme kam, das wird immer noch nicht klar. Tate Taylor zeichnet Brown konsequent als den widersprüchlichen, kaum zu durchschauenden Charakter, der er nun einmal war – nur an einer Stelle hält sich der Regisseur unnötig zurück: Während Brown im wahren Leben mehrmals wegen häuslicher Gewalt vor Gericht landete, gibt es im Film nur eine sehr kurze Szene, in der er seine dritte Ehefrau schlägt und das auch noch hinter einer Wand, so dass der Zuschauer es nicht einmal mit ansehen muss.

    Wenn der rote Faden nicht in der Entwicklung der Hauptfigur angelegt ist, dann muss der Spannungsbogen eben irgendwo anders herkommen, aber das Autoren-Duo Jez & John-Henry Butterworth („Edge of Tomorrow“) bekommt die Erzählung dramaturgisch nicht recht in den Griff und so fühlt sich der Film nun mitunter an wie ein etwas beliebiges Best-of . Dennoch wird es trotz der stolzen Laufzeit von 138 Minuten nie langweilig – und das liegt neben den großzügig eingestreuten Konzertszenen vor allem an Chadwick Boseman! Nachdem der Nachwuchsstar im vergangenen Jahr bereits die Baseball-Legende Jackie Robinson in dem hierzulande leider völlig untergegangenen „42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende“ oscarwürdig verkörpert hat, setzt er als James Brown nun sogar noch einen drauf: Nicht nur während der exzentrisch-elektrisierenden Song-Performances (inklusive der für Brown typischen Spagate), sondern in praktisch jeder Szene zieht Boseman die gesamte Aufmerksamkeit wie ein Schwamm auf sich – und kommt so dem realen James Brown unfassbar nahe. Er trifft auch dessen charakteristische kratzig-raue Stimme so genau, dass kaum ein Unterschied zu den bei den meisten Gesangseinlagen verwendeten Liveaufnahmen des Originals zu erkennen ist. Wenn es noch ein bisschen Fairness in Hollywood gibt, dann spielt Boseman bei den Oscars 2015 eine ganz gewichtige Rolle!

    Fazit: Chadwick Boseman ist als James Brown nicht weniger als eine schauspielerische Offenbarung – leider kann das allzu schlaglichtartige Drehbuch mit seinem Star nicht immer mithalten.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top