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Alvin und die Chipmunks
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Alvin und die Chipmunks
Von Andreas Staben
Als Ross Bagdasarian sr. 1958 mit einem damals modernen Tonbandgerät experimentierte, machte er nicht nur eine Entdeckung, die das Leben seiner Familie bis heute prägt, sondern legte auch die Keimzelle für ein besonders langlebiges Phänomen der US-amerikanischen Popkultur. Der bis dahin wenig erfolgreiche Musiker hatte seine Stimme mit halber Geschwindigkeit aufgenommen und den beim Abspielen in normalem Tempo entstehenden Effekt der höheren Tonlage ausgenutzt, um einen charakteristischen Klang für seinen neuen Song „Witch Doctor“ zu kreieren. Das etwas unwirkliche Fiepsen erwies sich in Kombination mit einem lustvoll zelebrierten Nonsens-Text als unerwartetes Erfolgsrezept. Die Single wurde zum Millionenhit und bald setzte Bagdasarian noch einen drauf. Er erfand Interpreten zu der Stimme - unter dem Namen „Alvin and the Chipmunks“ wurden drei sprechende und singende Streifenhörnchen zu Superstars. Bis heute verkauften sie über 40 Millionen Schallplatten und CDs, gewannen mehrere Grammys und die Merchandising-Einnahmen haben schwindelerregende Höhen in Milliardennähe erreicht. Hierzulande ist wahrscheinlich die Zeichentrickserie aus den 80er Jahren am bekanntesten, nachdem eine erste Staffel mit Chipmunk-Cartoons 1962 nicht in Deutschland gezeigt wurde. Rechtzeitig zum anstehenden 50. Jubiläum steht nun ein weiterer Neustart für die traditionsreiche Marke an. Die unter der Federführung von Ross Bagdasarian jr. und seiner Frau Janice Karman entstandene, technisch hervorragend gelungene Kombination von Real- und Animationsfilm „Alvin und die Chipmunks“ bietet in der zwar schwungvollen Inszenierung von Tim Hill lediglich zahme, harmlose Unterhaltung für Jung und Alt.

Die drei Streifenhörnchen Alvin, Simon und Theodore verlieren ihr angestammtes Zuhause, als ihr Baum gefällt, mitsamt seiner tierischen Bewohner abtransportiert und als Weihnachtsdekoration in der Empfangshalle einer Plattenfirma aufgestellt wird. Der erfolglose Songwriter Dave (Jason Lee) blitzt unterdessen mit seinem neuen Lied beim leitenden Manager des Labels, seinem gönnerhaften und rücksichtslosen alten Studienkollegen Ian (David Cross), ab und verlässt enttäuscht das Gebäude. In der Schachtel voller Muffins, die Dave aus Trotz bei Jett Records mitgehen lässt, finden die drei Chipmunks unbemerkt Unterschlupf. Nachdem die munteren Tierchen im Haus des Musikers ein Chaos anrichten, werden sie von Dave entdeckt. Als sich herausstellt, dass die Chipmunks nicht nur sprechen, sondern auch singen können, nimmt der Musiker die drei Hörnchen bei sich auf. Eine erste Präsentation bei Ian läuft aber schief und auch als Amors Gehilfen sind Alvin und Konsorten wenig erfolgreich. Es gelingt ihnen auf eigene Faust, eine zweite Chance bei Ian zu nutzen. Sie machen Karriere, werden aber vom skrupellosen Ian schamlos ausgenutzt. Erst als Dave lernt, die drei als seine Familie anzusehen, kommt er ihnen zur Hilfe.

Dass „Alvin und die Chipmunks“ trotz aller Formelhaftigkeit einigen Charme besitzt, ist in erster Linie den drei animierten Hauptdarstellern zu verdanken. Unter Mitwirkung von Charakter-Designer H.B. Lewis (Ratatouille, Madagascar) und weiterer hochkarätiger Animations- und Effektexperten schöpft Regisseur Hill die technischen Möglichkeiten aus, stellt sie aber nicht bloß. Die drei Chipmunks werden durch liebevolle Details lebendig und vorsichtig aktualisiert. Der vorwitzige Alvin bleibt seinem Charakter dabei genauso treu wie der schlaue Simon und der kleinere Theodore mit seinem großen Appetit und seiner Ungeschicklichkeit. Das größte Vergnügen bereiten die Szenen, in denen die drei ihrem kindlichen Tatendrang freien Lauf lassen können. In einer erstaunlichen, punktgenau choreographierten Action-Sequenz nehmen die Chipmunks im Handumdrehen die mit Spielzeug vollgestopfte Villa Ians in Besitz. Auch ihre drolligen Tanz-Darbietungen sind gut gelungen. Die menschlichen Schauspieler meistern die Interaktion mit den virtuellen Partnern zudem souverän. Jason Lee (Chasing Amy, Almost Famous, Vanilla Sky) ist ein routinierter Sympathieträger, und David Cross (Men In Black II, Vergiss mein nicht) ein passender Gegenpart als aalglatter und hinterlistiger Manipulator.

Regisseur Tim Hill hat schon bei Garfield 2 Erfahrungen mit der Kombination von realen und animierten Elementen gesammelt und weiß sich demgegenüber deutlich zu steigern. Mit Augenzwinkern hat er den Film jederzeit unter Kontrolle, als kleiner persönlicher Running Gag ist die Titelmusik von „SpongeBob“ immer wieder zu hören – die Chipmunks haben den Schwammkopf, dessen Geschichten häufig aus Hills Feder stammen, zu ihrem TV-Liebling erkoren. Die dünne Story weist allerdings bei genauerer Betrachtung erhebliche Längen auf und verläuft ausgesprochen schematisch. Trotz des Co-Autors Jon Vitti, einem Veteranen aus Matt Groenings Autorenteam, der zuletzt auch an Die Simpsons – Der Film mitgearbeitet hat, ist ein Einfall wie die Verwandlung des Empfangsbereichs vor Ians Büro in eine Art Vorzimmer zum Paradies – die täuschende Verheißung eines Lebens als umschmeichelter Rockstar - eine Seltenheit.

Bissige Spitzen bleiben in einem Film, der deutlich erkennbar den Mustern einer multimedial angelegten Marketing-Kampagne folgt, Ausnahme. Fans werden gegenüber dem 1987 entstandenen abendfüllenden Zeichentrickfilm „Alvin und die Weltenbummler“ nicht nur die Chipettes, die weiblichen Hörnchen, vermissen, sondern auch die überzeugenden sentimentalen Momente. Nicht zuletzt weist die im Mittelpunkt stehende Musik Schwächen auf, die Arrangements hecheln zu oft dem vermeintlichen Zeitgeist hinterher und werden sicherlich an die ein oder andere Geschmacksgrenze stoßen – mit dem Original-Chipmunksong können es die HipHop-, Rock- und Discovariationen jedenfalls nicht aufnehmen. Der filmische Spagat zwischen Anpassung und Beharren sorgt insgesamt für harmlose Unterhaltung, die sowohl für Chipmunk-Nostalgiker als auch für Alvin-Neulinge annehmbar sein dürfte, aber kaum mehr.
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