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Liebe ohne Krankenschein
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Liebe ohne Krankenschein
Von Christoph Petersen
Wieso erscheint im Jahr 2015 eine Polit-Satire über die entfernte Möglichkeit einer staatlichen Gesundheitsvorsorge in den USA, wenn diese mit Obamacare doch bereits im Herbst 2013 eingeführt wurde? Ganz einfach: Der mit dem Regie-Pseudonym Stephen Greene versehene „Liebe ohne Krankenschein“ wurde bereits 2008 abgedreht – und zwar unter dem Titel „Nailed“ von niemand Geringerem als dem inzwischen vierfach oscarnominierten Regisseur David O. Russell („Silver Linings“, „American Hustle“). Allerdings brach die dubiose Finanzierung des Projekts damals in sich zusammen, woraufhin verschiedene Gewerkschaften immer wieder für Zwangspausen und schließlich sogar für den Abbruch der Dreharbeiten sorgten. 2010 zog Russell deshalb seine Beteiligung und seinen Namen von dem Projekt zurück. Seitdem hoffen seine Fans, den Film vielleicht doch noch in irgendeiner Form zu Gesicht zu bekommen – und tatsächlich startet die stargespickte Komödie nun mit sieben Jahren Verspätung in den amerikanischen Kinos. Allerdings muss man recht schnell feststellen, dass sich das lange Warten leider kaum gelohnt hat.


David O. Russell hat das Drehbuch über die Kellnerin Alice (Jessica Biel), die nach einem Unfall mit einem Nagel im Gehirn, einem unkontrollierbaren Sexualtrieb und ohne Krankenversicherung dasteht, gemeinsam mit Kristin Gore verfasst, auf deren Roman „Sammy's Hill“ die Story basiert. Aber obwohl die Autorin als Tochter von Ex-Vizepräsident Al Gore eigentlich perfekt über die Abläufe auf dem Capitol Hill in Washington Bescheid wissen müsste, sind die satirischen Seitenhiebe auf den Gesetzgebungsprozess des US-Kongresses dann doch eher lahm: Neben dem Outing des kekseverkaufenden Pfadfinderinnenverbandes als einer der größten politischen Mächte der Nation sowie der von der rücksichtslosen Kongressabgeordneten Pam Hendrickson (Catherine Keener) vorangetrieben Idee, man müsse die USA künftig mit Hilfe einer Militärstation auf dem Mond verteidigen, sind die Pointen gegen das korrupt-verdorbene System dann doch erschreckend zahn- und einfallslos. Da bringt jede Episode von „The West Wing“ mehr Erkenntnis.

Abseits der satirischen Elemente erweist sich „Liebe ohne Krankenschein“ als absurde schwarze Komödie, was Kenner von Russells Filmografie nicht weiter verwundern wird: Schließlich wurde dieser erst ab 2010 mit „The Fighter“ zum Regisseur von typischer Oscar-Kost und war vorher vor allem für seinen grenzenauslotenden Humor in Filmen wie „Three Kings“ oder „I Heart Huckabees“ berüchtigt. So gibt es in „Liebe ohne Krankenschein“ einen Pastor mit Dauererektion (Kurt Fuller), einen Aktivisten mit geplatztem Arschloch (Tracy Morgan) und einen opportunistischen Kongressabgeordneten (Jake Gyllenhaal), der sich bei hanebüchenen nächtlichen Männlichkeitsritualen im Wald nackt den nötigen Mut antanzt. Ob es nun schon am Skript oder erst am Ausstieg von Russell liegt (der Schnitt des Films ist gelinde gesagt „holprig“), lässt sich im Nachhinein natürlich nicht mehr sicher sagen, aber statt hemmungslos-provokant wie sein politisch völlig unkorrektes Debüt „Spanking the Monkey“ wirkt „Liebe ohne Krankenschein“ ziemlich trashig und allzu episodenhaft, also eher wie eine Aneinanderreihung schwacher „Saturday Night Live“-Sketche als wie ein echter Russell!

Film: Es ist stark zu vermuten, dass aus „Liebe ohne Krankenschein“ ein besserer Film geworden wäre, wenn Regisseur David O. Russell ihn ohne Unterbrechungen hätte zu Ende führen dürfen. Aber so kommt die Satire nicht nur inhaltlich einige Jahre zu spät, ihr mangelt es auch an Witz und Biss.
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