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    Big Eyes
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Big Eyes
    Von Carsten Baumgardt
    Ist das Kunst oder kann das weg? 2011 ruinierte eine Putzfrau im Dortmunder Ostwall-Museum unwissentlich eine auf 800.000 Euro geschätzte Installation des renommierten Künstlers Martin Kippenberger, indem sie aus einem Gummitrog eine milchige Kalkschicht wegschrubbte. Ob die resolut-pragmatische Dame die Werke der amerikanischen Malerin Margaret Keane entsprechend als Gerümpel zum Sperrmüll gestellt hätte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, aber fest steht in jedem Fall: Kunst ist eine Frage der Wahrnehmung – und des Geschmacks. Genau darum geht es unter anderem auch in Tim Burtons tragikomischem Biopic-Drama „Big Eyes“. Der Regie-Außenseiter erzählt von einer Randnotiz der Kunstgeschichte, die bisher kaum öffentliche Beachtung fand, verzettelt sich aber trotz schöner Bilder und Dekors sowie einer herausragenden Amy Adams und landet im Niemandsland zwischen Ehe-Drama, süßlicher Feel-Good-Komödie und seicht-satirischer Farce.
     
    1958: Margaret (Amy Adams) flüchtet aus ihrer Ehe und bricht mit ihrer Tochter Jane (Delaney Raye, später: Madeleine Arthur) nach San Francisco auf. Dort lernt die erfolglose Gemälde-Künstlerin den Maler Walter Keane (Christoph Waltz) kennen, findet Gefallen an dem extrovertiert-penetranten Charmeur und heiratet ihn alsbald. Eigentlich ist Walter Immobilienmakler, mit seinen Bildern von Pariser Straßenimpressionen verdient er sich nur ein Taschengeld dazu. Ein wahres künstlerisches Talent ist dagegen Margaret, die obsessiv Porträts von Kindern mit großen, traurigen Augen malt. Als Walter diese Werke in dem angesagten Club „The Hungry I“ an die Wände bringt, beginnt eine sagenhafte Erfolgsstory. Durch einen Zufall gibt sich Walter als Urheber der Bilder aus und tritt von nun an sehr werbewirksam für „seine“ Kunst ein. Die Keanes ziehen ein ganzes Imperium um die Bilder mit den großen Augen hoch, wobei sie in der Kunstszene auf gemischte Reaktionen zwischen fanatischem Hype und blanker Abscheu stoßen. Mit der Zeit nagt es immer mehr an Margaret, dass Walter sich im Rampenlicht sonnt und die Meriten für ihre Bilder für sich einheimst.


    Die Autoren Scott Alexander und Larry Karaszewski sind echte Biopic-Spezialisten: Mit „Ed Wood“ (1994), „Larry Flynt“ (1996) und „Der Mondmann“ (1999) haben die einstigen College-Kumpel schon einige beachtliche Lebensgeschichten für die Leinwand aufgearbeitet und so die Grundlagen für exzellente Filme geliefert. Ursprünglich wollten sie „Big Eyes“ selbst inszenieren, gingen mit ihrem Projekt allerdings sechs Jahre lang vergeblich in Hollywood hausieren. Erst als Tim Burton das Drehbuch an Christoph Waltz weitergab, kam plötzlich Schwung in die Sache. Der Oscar-Preisträger sagte zu, aber nur unter der Bedingung, dass Burton auch die Regie übernimmt. Der zeigte sich nicht abgeneigt, nach Big-Budget-Filmen wie „Alice im Wunderland“ (2010) und „Dark Shadows“ (2012) mal wieder eine bescheidenere Produktion zu realisieren, wenig später war auch Amy Adams mit an Bord und die Dreharbeiten konnten beginnen. Dass „Big Eyes“ qualitativ dann letztlich nur im Hinterfeld von Tim Burtons beeindruckender Filmografie einzuordnen ist, liegt indes nicht an den für Hollywood-Verhältnisse winzigen Kosten von gerade einmal zehn Millionen Dollar.
     
    Das entscheidende Dilemma des Films ist in der allzu gegensätzlichen Herangehensweise der Hauptdarsteller zu finden: Die beiden Topstars Christoph Waltz (Oscars für „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“) und Amy Adams (fünffach oscarnominiert, zuletzt für „American Hustle“ und „The Master“) scheinen in zwei völlig unterschiedlichen Filmen mitzuspielen. Auf der einen Seite steht Adams, die das stille, fein ausbalancierte Porträt einer scheuen Hausfrau und Künstlerin zeichnet, was ihr nicht zu Unrecht den Golden Globe als Beste Hauptdarstellerin in einer Komödie einbrachte. Sie fügt sich wunderbar harmonisch in das elegant-pastellfarbene Setting der 60er Jahre ein und überzeugt als von ihrem Mann emotional gefolterte Künstlerseele. Waltz hingegen reitet mit seiner furios extrovertierten Rampensau-Performance jedoch in die genau entgegengesetzte Richtung. Er treibt seinen unnachahmlichen Stil mit übertriebener Großmannsgestik und selbstverliebt betonter Sprechweise diesmal über die Grenze zur Karikatur hinaus. Und wenn der tosende Waltz hier auf Adams‘ differenzierte Margaret Keane trifft, dann entsteht nicht etwa ein produktiver Kontrast, vielmehr bleibt der Deutsch-Österreicher nur ein Fremdkörper und ein Störfaktor.

    Begünstigt durch die Holzhammer-Charakterisierung von Walter sind die Sympathien sehr eindeutig in Richtung Margaret verteilt, die im Vergleich zu ihrem manischen Scheusal von Ehemann geradezu wie eine überlebensgroße Heilige erscheint, obwohl die Figur später als Zeugin Jehovas mit angedeutetem Alkoholproblem durchaus ebenfalls Angriffsfläche bieten würde. Burton führt den Konflikt zwischen den Protagonisten fast ausschließlich auf die Geschlechterrollen in der Handlungszeit zurück und gewinnt ihm kaum mehr ab als eine wohlfeile Emanzipationsbotschaft. Der weitaus spannendere Aspekt, dass Walter seine Frau künstlerisch bestiehlt und sogar noch behauptet, in ihrem Sinne zu agieren, wird dagegen eher oberflächlich behandelt. Wenn es indes darum geht, ob die Keane-Bilder nun Kunst oder Kitsch sind (und darum, ob oder wie man das überhaupt unterscheiden kann), ist es sinnvoll, dass sich Burton bedeckt hält und die Antwort dem Geschmack des Betrachters überlässt. Unabhängig davon kann es keinen Zweifel an der Popularität von Margaret Keanes Werken geben: Sie porträtierte Prominente wie Joan CrawfordNatalie Wood oder auch Lisa-Marie (für ihren damaligen Freund Tim Burton!) in ihrer speziellen Maltechnik und verdiente Millionen mit ihren eigenwilligen Bildern, die als Nachdrucke oder Poster massenhafte Verbreitung fanden.

    Fazit: Regisseur Tim Burton bekommt die verschiedenen Ansätze zwischen ernstem Künstlerdrama und überspitzter Kunstsatire nicht zufriedenstellend unter einen Hut und die Hauptdarsteller sind sich offensichtlich auch nicht darüber einig, in was für einem Film sie mitwirken.

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