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Dallas Buyers Club
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Dallas Buyers Club
Von Andreas Staben

Lange Zeit wurde Matthew McConaughey von vielen Kritikern als schauspielerisches Leichtgewicht abgetan. Für sie fiel er nur dadurch auf, dass er in seichten romantischen Komödien wie „Ein Schatz zum Verlieben“ oder „Zum Ausziehen verführt“ seinen gut trainierten Oberkörper präsentierte. Diese Sicht war einseitig, denn der texanische Sonnyboy hat sein wahres Potential und seine Starqualitäten schon früh in seiner Karriere gezeigt – sowohl in kleineren Parts wie der Kultfigur Wooderson in „Confusion – Sommer der Ausgeflippten“, als auch in Hauptrollen etwa in Steven Spielbergs „Amistad“ oder in „Die Jury“. So sind die ganzen Storys über den „neuen“ McConaughey, die seit seinen Auftritten in „Killer Joe“, „Magic Mike“ und „Mud“ verfasst werden, meist ein bisschen übertrieben, aber wahr ist ohne Zweifel, dass der vermeintliche Schönling nun endlich den Respekt der Filmwelt erhält, den er verdient. Das neueste Zeichen dieser frischen Wertschätzung ist seine Auszeichnung mit dem Golden Globe für seine Leistung als kämpferischer AIDS-Kranker in Jean-Marc Vallées sensibel-sachlich erzähltem Drama „Dallas Buyers Club“. Für diese Rolle hat McConaughey rund 25 Kilo abgenommen, aber noch beeindruckender als die ebenso erstaunliche wie beängstigende äußere Verwandlung ist seine Fähigkeit, das widersprüchliche Innenleben der Figur zum Ausdruck zu bringen. Durch ihn und seine Kollegen Jared Leto und Jennifer Garner wird aus einem beachtlichen Film ein auch emotional nachhaltiges Kino-Erlebnis.  

Dallas 1985. Der Rodeo-Cowboy und Elektriker Ron Woodroof (Matthew McConaughey) liebt das Risiko und die Ausschweifung. Schneller Sex, harte Drogen, Kartenspiel und kleine Betrügereien prägen sein unstetes Leben. Als er nach einem Arbeitsunfall ins Krankenhaus muss, wird bei der Untersuchung festgestellt, dass er HIV-positiv ist: Ron bleiben nur noch 30 Tage zu leben. Der homophobe Redneck will die Diagnose zunächst nicht wahrhaben, er hat AIDS für eine „Schwulenseuche“ gehalten. Ähnlich sehen es auch seine Freunde und Kollegen, die ihn nach Bekanntwerden seiner Krankheit zunehmend ausgrenzen. Nach dem ersten Schock beschließt Ron zu kämpfen. Er besorgt sich auf illegalem Wege das Medikament AZT, das sich noch in der Testphase befindet. Durch die Behandlung geht es ihm allerdings noch schlechter, sodass er sich auf eigene Faust auf die Suche nach Alternativen macht. In Mexiko wird er schließlich fündig, ein Cocktail aus in den USA nicht zugelassenen Medikamenten und Proteinen hilft ihm und er kommt auf die Idee, die Mittel in die USA zu schmuggeln und an andere Kranke zu verkaufen. Gemeinsam mit der Transsexuellen Rayon (Jared Leto), die er zu seiner Kontaktperson in der Schwulenszene macht, gründet er den Dallas Buyers Club: Gegen eine monatliche Gebühr werden die Mitglieder mit Medikamenten versorgt. So sollen die Bestimmungen der US-Kontrollbehörde FDA umgangen werden. Die hat Ron natürlich trotzdem auf dem Kieker…



Das Drehbuch von Craig Borten und Melisa Wallack („Spieglein, Spieglein“) basiert auf der wahren Geschichte von Ron Woodroof, der 1992 an AIDS gestorben ist, sieben Jahre nachdem die Diagnose gestellt und ihm eine Lebenserwartung von 30 Tagen eingeräumt worden war. Der franko-kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée („C.R.A.Z.Y.“, „The Young Victoria“) verwendet für seine Verfilmung Elemente aus Biopics, realistischen Milieustudien und David-gegen-Goliath-Dramen, setzt sie aber allesamt so fein dosiert ein, dass sich die Erzählung mit großer Ungezwungenheit entfalten kann. Hier gibt es keine erbaulichen 180-Grad-Wendungen und keine zu Erzschurken stilisierten Bürokraten oder Pharma-Manager, auch wenn die Rollen klar verteilt sind. Diese Zurückhaltung lässt den Film manchmal fast zu nüchtern wirken, aber sie gewährt uns einen unverstellten Blick auf die Figuren und ihre Zeit. Beginnend mit den verächtlichen Bemerkungen von Ron und seinen Freunden über Rock Hudson, dessen AIDS-Erkrankung gerade publik geworden war, verdeutlicht Vallée in vielen Details die damals herrschende Mischung von Angst, schwulenfeindlichen Vorurteilen und Ratlosigkeit angesichts der verheerenden Krankheit, vom diskriminierenden Fragenkatalog der Ärzte bis zur Vermeidung jeder Berührung ist die Stigmatisierung der Infizierten spürbar.

Kapiteleinblendungen informieren uns darüber, wie viele Tage seit der fatalen Diagnose vergangen sind, der nahende Tod ist Rons ständiger Begleiter. Das wird auch durch den betäubenden Summton unterstrichen, der immer dann zu hören ist, wenn er einen Schwächeanfall hat und zusammenbricht – dieser dramatische Effekt ist in Vallées sachlicher Inszenierung eine absolute Ausnahme. Ansonsten fangen der Regisseur und sein Kameramann Yves Bélanger („Laurence Anyways“) Rons Welt von schäbigen Trailerparks, billigen Motels und Stripclubs auf der einen Seite sowie von unpersönlichen Büros und Krankenhäusern auf der anderen ohne Beigabe von künstlichem Licht in rauem, aber nicht unnötig unruhigen Handkamera-Look ein, die sehr zügige Arbeitsweise (es gab nur 25 Drehtage) trägt zusätzlich zum Eindruck unaufdringlicher Unmittelbarkeit bei. Und sie spiegelt sich auch in Matthew McConaugheys unglaublich spontan wirkendem Spiel wider: Jeder Moment wirkt absolut echt und unwiederholbar. Und so gibt es hier auch keine mustergültige Entwicklung eines vorurteilsbeladenen Machos zum toleranten Menschenfreund und Weltverbesserer, sondern das kantige Porträt eines charmanten, aber reaktionären Mannes, der längst nicht alle Kämpfe gegen seine tiefsitzenden Unsicherheiten gewinnt und der auch seine fragwürdigen Überzeugungen nicht so einfach aufgibt. McConaughey strengt sich nicht an, sympathisch zu erscheinen und wirkt daher umso menschlicher.

Die differenzierte Hauptfigur erweist sich als die wichtigste Qualität von „Dallas Buyers Club“: Ron ist der Underdog, aber er ist auch die meiste Zeit ein Egoist. Er wehrt sich aus eigenem Interesse gegen die schlechte Behandlung im Krankenhaus und als er in Mexiko beim zwangsemigrierten Dr. Vass (Griffin Dunne mit der tollen Charakter-Skizze eines pragmatischen Idealisten) bessere Medikamente findet, denkt er zuerst an die geschäftlichen Möglichkeiten, die diese bieten. Dass Ron sich auch ändert, ist am besten in den subtilen gemeinsamen Szenen mit Jared Letos („Requiem for a Dream“) Transsexueller zu erkennen: Wenn Ron im Supermarkt auf einen Ex-Kumpel losgeht, weil der Rayon als „Schwuchtel“ verhöhnt, dann ist er immer noch genauso ein Macho wie vorher, aber er ist eben auch der Freund eines Menschen geworden, für den er anfangs nur Verachtung übrig hatte. Wie Leto wiederum spielt, wie Rayon das erkennt, ist eine weitere kleine Meisterleistung und einer der bewegendsten Momente des Films. Er wurde ebenfalls mit dem Golden Globe ausgezeichnet und das passt besonders gut, weil seine Figur in ihrer sanften, mitfühlenden (und sehr weiblichen) Menschlichkeit gemeinsam mit Jennifer Garners einfühlsamer und still rebellierender Ärztin Dr. Eve Saks das Beste aus Ron und aus McConaughey hervorbringt.

Fazit: Ein herausragender Hauptdarsteller mit wunderbaren Partnern in einem unaufgeregt erzählten Film von stiller Intensität.  

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Kommentare

  • Admiratio
    Bin sehr gespannt auf den Film und die schauspielerischen Leistungen! Ich hätte mir allerdings eine etwas längere Kritik gewünscht. Solche Filme (wie auch z.B. "American Hustle", "Wolf of Wall Street" u.ä.) verdienen aus meiner Sicht eine tiefgründigere Betrachtung, als ein "Pacific Rim" o.ä..Jared Letos oder Jennifer Garners Rollen nur mit einem Satz bzw. Halbsatz zu erwähnen, finde ich etwas wenig.Und wie so oft kommt mir die Kritik etwas zu kurz. Mir ist klar, dass ein Film nicht automatisch 5 Sterne bekommen muss, nur weil man ihn vornehmlich lobt - aber mich interessiert ja gerade, warum es dann eben nicht zu 5 Sternen gereicht hat bzw. wo der Film eurer Meinung nach Schwächen hat. Ansonsten aber eine Kritik, die ich gern gelesen habe!
  • SonnyC
    Sehe ich ähnlich. Bezgl. McConaughey sollte man aber auch ohne Schönlingsmodus nicht vergessen, d.h. er tatsächlich auch einfach konstant besser geworden ist (trotz immer mal wieder guter Leistungen) und seit Killer Joe bin ich definitiv Fan.
  • _kaphoon_
    Dieser Film ist wie "Und das Leben gehtweiter" ein wichtiger Beitrag zur AIDS-Thematik. Dallas Buyers Club ist nicht ganz so intensiv ausgearbeitet, aber auch dieser zeigt nicht nur, wiedie kranken Menschen und auch die Ärzte mit dieser Pandemie konfrontiertwurden, sondern auch wie sich der verantwortliche Regierungsapparat verhaltenhat. Dies wird in "Und das Leben geht weiter" sehr dramatischdargestellt, wie der Etat der USA für die Rüstung verschwendet wurde mit derKonsequenz, dass die eifrigen Wissenschaftler sich im Vergleich mitsteinzeitlicher Technik an das HI-Virus heranarbeiten mussten. Einabsoluter Skandal der 80er Jahre ! Als homophober Redneck nimmt Woodroof sein Schicksal - unddas anderer Betroffener - selbst in die Hand und schafft es, sein Leben undauch das anderer um Jahre zu verlängern, indem er mithilfe ausländischer ÄrzteArzneimittel zunächst an sich selbst testet, diese dann über diemexikanisch-amerikanische Grenze schmuggelt und verteilt. Wobei der eigeneProfit ganz klar nicht im Vordergrund steht. Es geht um den reinenÜberlebenskampf ! Insgesamt kann man sich im Verlaufe des Filmes sehr gut hineinversetzen; die zwei Hauptdarsteller - allem vorran McConaughey - schaffen es durch ihr Schauspiel, den Film aufrecht zu erhalten. Die Intensität, wie sehr sich die zwei Oscarpreisträger auf den Film vorbereitet haben, spielt natürlich vor allem optisch eine tragende Rolle ( hätte auch ohne Oscar funktioniert ;-) ). Das anfänglich abstossende Verhalten desRednecks gegenüber dem Transsexuellen (gespielt von Jared Leto) sorgt inmanchen Szenen für ein wenig Heiterkeit, was wichtig ist und und daran liegt,dass dieser die Anfeindungen mit entsprechendem Humor zu verteidigen weiss.Insgesamt wird jedoch die Annährung der beiden und die Abwendung desFreundeskreises des Rednecks im Film ein wenig überspielt und wirktoberflächlich; und ein wenig zu gewollt, weil dies einfach Teil der Story ist.Das hätte man ein wenig intensiver ausbauen können, aber darauf will der Filmja garnicht hinaus. Aber erwartet hätte das wohl der ein oder andere. Über 30 Jahre nach dem Ausbruch der Krankheit ist die Reaktion vor allem vondem Umfeld von Woodroof heutzutage ein weing schwer nachzuvollziehen. Dassselbst engste Freunde dieses bullenreitenden und rumvögelndes Haudegens sichvon ihm abwenden und ihn als Schwuchtel titulieren ist fast unvorstellbar, aberso war das wohl damals. Das wiederrum erfährt man im Film "Und das Lebengeht weiter", weil anfangs diese Krankheit nur bei Homosexuellen festgestellt wurde; im Film "Philadelphia" spricht Tom Hanks von "Schwulen-Seuche" oder "Schwulen-Krebs". Auch hiess AIDS ja anfangs auch GRID (Gay related inimundeficiency). So kann man die Reaktionen der Beteiligten wohl ganz gut nachvollziehen. Im Verlauf des Filmes spielen diese Menschen jedoch keine Rolle mehr. Woodroof konzentriert sich nur noch auf seine Rolle als Helfer betroffener Patienten und die Steine, die ihm derweil in den Weg gelegt werden, häufen sich zu einer Mauer aus Gesetzen und Bürokratie, gegen die er anprallt. Insgesamt gesehen ist Dalles Buyers Club ein gut gespielter, kleiner und wichtiger Film zum Thema AIDS. Da ich jetzt nicht wirklich vergleichen kann, ob die Oscars verdient sind oder nicht (denn ich habe die anderen Beiträge nicht gesehen oder weiss es jetzt momentan nicht), hat McConaughey es wirklich verdient, für seine Leistung ausgezeichnet zu werden. Leto fand ich auch klasse! Ich bin ja immer noch der Meinung, der soll sich mehr seiner Schauspielerei als seines Gesanges widmen (ist einfach nicht mein Ding). Aber sein Part als naive Transe, die ihren Part im Leben nicht wirklich finden kann und durch Drogenexesse ihr Schicksal ebnet, ist schon herausragend gespielt. Wie vergebe ich auch "nur!" 8 von 10 Punkte. Toller Film mit einigen dramaturgischen Lücken. Aber in jedem Fall: Ansehen !!!
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