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Pontypool - Radio Zombie
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Pontypool - Radio Zombie
Von Björn Helbig
In Deutschland blieb Bruce McDonald (The Tracey Fragments) der Durchbruch bisher verwehrt – dabei ist der kanadische Regisseur bereits seit Anfang der 1980er Jahre im Filmgeschäft tätig. Viele interessante Stoffe hat er seither verwirklicht und wurde dafür auch schon mit allerlei Auszeichnungen bedacht. Sein etwas anderer Zombiefilm „Pontypool“ zählte auf dem Toronto International Film Festival 2009 zu den besten Filmen des Programms. Und auch auf dem Fantasy Filmfest, wo „Pontypool“ seine Deutschlandpremiere beging, begeisterte der bereits länger als Geheimtipp gehandelte, clevere Horrorfilm mit seiner originellen Machart das Publikum.

Es ist noch dunkel in der kanadischen Kleinstadt Pontypool, da hat der Radio-Moderator Grant Mazzy (Stephen McHattie) auf seinem Weg zur Arbeit eine unheimliche Begegnung. Aus einem Schneesturm taucht plötzlich eine merkwürdige Frau auf. Im Lokalsender angekommen, beginnt Mazzy wie üblich seine Morgenshow. Doch nach und nach häufen sich die Anzeichen, das etwas in dem kleinen Nest ganz und gar nicht stimmt. Zu den Nachrichten von verschwundenen Katzen und Verkehrsmeldungen mischen sich verstärkt Informationen über seltsame Vorgänge außerhalb der Radiostation. Mazzys live zugeschalteter Außenreporter berichtet von einem gewalttätigen Mob, der in der Innenstadt sein Unwesen treibt. Mazzy und seine Crew, die Redakteurin Sydney Briar (Lisa Houle) und die junge Assistentin Laurel Ann (Georgina Reilly), sind gezwungen, sich in der Radiostation zu verbarrikadieren. Nur über Funk halten sie noch Kontakt zur Außenwelt…

„Pontypool“ zählt zu jenen Filmen, bei denen jedes Wort eigentlich schon eines zu viel ist - nicht umsonst lautet die Tagline des Films: „Shut up or die!“. In einem Text über den Film lässt es sich deshalb trotz aller Vorsicht kaum vermeiden, zu viel zu verraten. Auch wenn in diesem Text explizite Spoiler vermieden werden, sei daher allen, die „Pontypool“ in seiner ganzen Pracht genießen wollen, empfohlen, die vollständige Kritik erst nach dem Ansehen zu lesen. Nur soviel sei vorab verraten: Der Film ist ein Muss für jeden experimentierfreudigen Horrorfan.

Zuschauer, die aufgrund des Trailers oder des dämlichen deutschen Untertitels „Radio Zombie“ klassische Genrekost erwarten, sind falsch gewickelt. Bei George A. Romero waren es durch Umweltgifte wahnsinnig gewordene Crazies oder eben Zombies wie in Die Nacht der lebenden Toten. In Robert Rodriguez' Planet Terror hießen die blutrünstigen Gestalten Sickos. McDonald nennt die Aggressoren spaßhaft Konversationalisten, was bereits auf eine nicht alltägliche Intention seines Films hinweist. Doch auch wenn sich zu Romeros Zombies durchaus filmische Bezugspunkte finden lassen, sind die intellektuellen Wurzeln von McDonalds Film und dem zu Grunde liegenden Roman „Pontypool Changes Everything“ von Tony Burgess viel mehr in einer Theorie aus dem Jahre 1976 verankert .

In seinem Buch „Das egoistische Gen“ führte Richard Dawkins erstmalig den Begriff „Mem“ als das Kulturinformationen enthaltende Äquivalent zum Begriff „Gen“ ein. Dazu in aller Kürze: Dawkins behauptet, dass nicht nur das Leben, sondern auch Ideen evolutionären Bedingungen unterworfen sind. Ein Mem – zusammengesetzt aus den Worten „Memory“ und „Gen“ – entwickelt sich zum Beispiel durch Reflexion oder die Kollision mit anderen Memen weiter. Übertragen wird es durch die Sprache. Ein immer wieder genanntes Beispiel hierfür ist die Evolution und Verbreitung eines Gerüchts. Einer der ersten Künstler, der die Theorie der Memetik in sein Schaffen integrierte, war der US-amerikanische Schriftsteller Neal Stephenson, der mit seinem Roman „Snow Crash“ die Idee einer sich selbst reproduzierenden, parasitären Information in eine einfallsreiche Sci-Fi-Geschichte einfließen ließ. Aus diesem Ideenpool bedienen sich auch Bruce McDonald und Burgess, wenn es um die Übertragung der Zombieseuche in „Pontypool“ geht.

„Kill is kiss. Kill is kiss. Kill is kiss.“ - Grant Mazzy

„Pontypool“ ist formal so etwas wie die Antithese zu McDonalds vorherigem Film. Während der Regisseur sich in „The Tracey Fragments“ der Innenwelt seiner Protagonistin durch ein Kaleidoskop von Bildern in zahlreichen Splitscreens annäherte, funktioniert sein neuer Film zu großen Teilen über das gesprochene Wort. Mittels eines mitunter fast kakophonischen Sprach- und Geräuschteppichs nähert sich McDonald den unheimlichen Ereignissen außerhalb der Radiostation ganz über die Sprache an. Von der Gefahr sieht der Zuschauer anfangs kaum etwas. Die die Bedrohung betreffenden Information schleichen sich vielmehr langsam heran. Anfangs ähnlich assoziativ wie der Bildersturm in „The Tracey Fragments“ verdichten sich nach und nach die Hinweise, um welche Art Bedrohung es sich eigentlich handelt – und offenbaren schlussendlich, wie perfekt symbiotisch Form und Inhalt bei „Pontypool“ zusammenwirken.

Dafür, dass dieses kammerspielartige Setting niemals langweilig wird, sorgen mehrere Dinge: Zum einen ist da McDonalds hervorragende Inszenierung. Auf engstem Raum, mit minimalen Kulissen und einer sehr überschaubaren Darstellerriege findet er einen starken filmischen Ansatz, der die Mittel des Kinos und moderner Soundsysteme tatsächlich ausnutzt. Wie in seinen früheren Filmen versteht es der Kanadier auch hier, nicht nur mit großen Bildern umzugehen, sondern auch leise Töne, Andeutungen, Suggestionen und verschiedenen Tempi einzustreuen. Sein ganzen Können auf diesem Gebiet wäre allerdings nur halb so viel wert, wenn McDonald mit Stephen McHattie (A History Of Violence, Shoot 'Em Up) nicht einen derart überzeugenden Hauptdarsteller gefunden hätte, der als Gesicht und Stimme des Films die Handlung vorantreibt. Seine Figur des schrulligen, keine Provokation auslassenden Haudegens ist eine wahre Freude.

Auch in Sachen Stimmung punktet der Film zuverlässig. Vor allem die Darstellung der Infektion, die man nach dem Abspann nicht so schnell vergisst, ist gelungen. Je mehr sich die Situation zuspitzt, desto mehr lässt McDonald auch absurde Elemente in seiner Inszenierung zu, die ihren Höhepunkt in einer nachgeschobenen Szene am Ende des Abspanns finden. Außerdem erhält die Handlung mit dem Auftauchen von Dr. Mendez (Hrant Alianak) beinahe slapstickhafte Züge. Erst in diesen Momenten schleichen sich vermeintliche Dissonanzen in die bis dato atmosphärisch extrem dichte Inszenierung. Aber wer andere Filme des Regisseurs kennt, weiß, dass das zu seinem persönlichen Stil gehört. Und so steht am Ende dieses im positiven Sinne wahnsinnigen Films der Eindruck des Ausschweifenden – doch auch Unfertigen und Provisorischen. Einige dieser offenen Fragen werden aber wohl in der bereits fürs nächste Jahr angekündigten Fortsetzung Pontypool Changes, die ebenfalls auf einem Roman von Burgess beruht, beantwortet.

Fazit: Einmal mehr erweist sich Bruce McDonald als sehr origineller und experimentierfreudiger Regisseur. Auch mit seinem neuen Film hat er selbstbewusst zwischen den Stühlen Platz genommen. „Pontypool“ wird – wie auch andere seiner Werke – das Publikum spalten. Gorehounds oder Freunde klassischer Zombieunterhaltung sollten lieber einen Bogen um den Film machen. Aufgeschlossen Filmfans sei er aber dafür umso mehr ans Herz gelegt.
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