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    Endstation der Sehnsüchte
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Endstation der Sehnsüchte
    Von Christian Horn
    Mit ihrem Debütfilm Full Metal Village, einer Doku über das Heavy-Metal-Festival in Wacken, machte die koreanisch-stämmige Regisseurin Sung-Hyung Cho nachhaltig auf sich aufmerksam. Ihr zweiter Dokumentarfilm „Endstation der Sehnsüchte“, feierte im Rahmen der Berlinale Premiere und stellt erneut die älteren Bewohner eines deutschen Dorfes in den Mittelpunkt. Mit dem kleinen Unterschied, dass das Dorf dieses Mal nicht in Norddeutschland, sondern in Südkorea liegt. Inszenatorisch wirkt Chos neuer Film reifer als „Full Metal Village“ und kommt zudem noch viel komischer als sein Vorgänger daher.

    Allein der Anblick ist mehr als skurril: Direkt am Meer, am südlichen Ende Südkoreas auf der Insel Namhae, liegt das „Deutsche Dorf“, in dem es typisch deutsche Häuser und Bockwürste gibt. Initiiert wurde die als Altersruhesitz gedachte Siedlung von einem koreanischen Lokalpolitiker, der sich damit bei den vielen Frauen bedanken wollte, die in den Sechzigern und Siebzigern als Gastarbeiterinnen nach Deutschland gegangen sind. Drei dieser Koreanerinnen haben sich mit ihren deutschen Ehemännern nun dort angesiedelt, nachdem sie ihr halbes Leben in Deutschland verbracht haben. Und das im betagten Alter von siebzig Jahren!

    „Ich bin in Korea geboren, aber meine Denkweise ist deutsch.“ - Young-Sook Theis

    Im Kern handelt „Endstation der Sehnsüchte“ von Heimat, vom Verlust derselben und von der Frage, ob man sie nach mehreren Jahrzehnten Abwesenheit überhaupt noch wiederfinden kann. Eine der Koreanerinnen erzählt etwa, dass sie immer mehr an Deutschland denken muss, je länger sie in Südkorea lebt: „Seltsam, jetzt kommt mir Deutschland wie meine Heimat vor.“ Die deutschen Ehemänner, die im Rentenalter den Schritt ans andere Ende der Welt wagten, haben mit Sprachbarrieren und Mentalitätsunterschieden (Leberwurst ist in Südkorea der Gag) zu kämpfen. Willi Engelfried, der von seinen koreanischen Bekannten Herr Willi genannt wird, drückt es so aus: „Heimat ist es in diesem Sinne nicht, aber mir macht das nichts aus. Ich fühle mich hier wohl. Ich habe jeden Tag Urlaub.“

    Was „Endstation der Sehnsüchte“ so bezwingend und charmant macht, ist der lakonische und liebevolle Humor, mit dem Sung-Hyung Cho ihre ambitionierte Thematik transportiert. Wie in „Full Metal Village“ speist sich dieser aus kulturellen Differenzen und Eigenheiten: Trafen in Chos Erstling wilde Heavy-Metal-Fans auf verschlafene Dorfbewohner, die mit „dieser Metallmusik“ nichts anfangen konnten, bringt sie nun ur-deutsche Opas mit Südkoreanern zusammen, ob nun im Ehebett oder auf der Straße. Während in Wacken die Ortsschilder in Sicherheit gebracht werden mussten, sind es im „Deutschen Dorf“ die Gartenzwerge, die Touristen gerne mitgehen lassen.

    Die daraus entstehende Komik trägt immens zur eigentlichen Thematik bei und macht „Endstation der Sehnsüchte“ ungemein unterhaltsam. Wenn etwa einer der Opas durch die (für einen Alterssitz ungewöhnlich steilen) Straßen flaniert und erklärt, dass dieser Briefkasten da schon seit fünf Jahren schief hänge („Das ist mir aufgefallen“), um dann trocken festzustellen, dass hier aber sonst alles in Ordnung wäre, dann ist das nicht nur komisch, sondern der Thematik zuträglich. „Endstation der Sehnsüchte“ spart aber auch tragische Momente nicht aus, um vom Verlust der alten und der Aneignung der neuen Heimat zu erzählen. Eine der Ehefrauen schlägt ihrem Mann vor, dass er doch mal seinen Sohn in Deutschland besuchen könne. „Vielleicht“, entgegnet dieser und blickt in die Ferne. Die Kamera verharrt auf seinem nachdenklichen Gesicht, während seine Ehefrau im Hintergrund mit einer Freundin koreanisch spricht: Der alte Mann im fremden Land - an einem Eichentisch zwar, aber doch fern der Heimat.

    Sung-Hyung Cho hat ihren zweiten wunderbaren Dokumentarfilm überaus elegant in Szene gesetzt. Die vielsagenden Bilder kommen gänzlich ohne Kommentar aus, die Porträts der drei Ehepaare sind sehr feinfühlig und in Interviewsituationen präsentiert die Regisseurin, die den Film auch montiert hat, lediglich die Antworten, wodurch die Informationen flüssiger vermittelt werden. So lässt sich abschließend festhalten, dass Sung-Hyung Cho noch einmal einen großen Schritt nach vorne gemacht hat – und dass es auch in Südkorea Kühe gibt, die lustige Sachen anstellen.
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