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Submarine
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Submarine
Von Daniel Jacobs
Toronto, London, Sundance, Berlin: Richard Ayoades fantastisches Debüt „Submarine" verzauberte die Zuschauer auf den internationalen Filmfestivals und wurde vom berühmt-berüchtigten Film-Mogul Harvey Weinstein für ein Nordamerika-Release auserkoren. Ein nennenswerter kommerzieller Erfolg ist dabei jedoch kaum vorstellbar: Die Coming-of-Age-Geschichte nach einem Roman von Joe Dunthorne ist zu britisch, zu direkt, zu speziell und doch unglaublich charmant. Ayoades herrlich verschrobene Komödie kommt wie ein Cocktail aus Wes Andersons „Rushmore" und Edgar Wrights „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" daher und könnte einer der Indie-Lieblinge des Jahres werden.

Der 15-jährige Oliver Tate (Craig Roberts) hält sich für besonders intelligent und beliebt. So stellt er sich vor, die Bevölkerung von Wales würde nach seinem Tod in tiefes Tal der Trauer stürzen. Doch irgendetwas fehlt noch. Vieles hat er bereits probiert: Pfeife rauchen, Münzen werfen, nicht einmal das Tragen eines Cowboyhutes konnte ihn aufmuntern - wohl aber Jordana (Yasmin Page), das Mädchen seiner Träume. Die unnahbare Klassenkameradin mit der ungewöhnlichen Bob-Frisur scheint allerdings kaum an Oliver interessiert zu sein. Als er endlich ihre Aufmerksamkeit gewinnt und die beiden sogar ein Paar werden, fehlt zum großen Glück bloß noch das erste Mal. Derweil bröckelt der Ehefrieden zwischen Jill (Sally Hawkins) und Lloyd Tate (Noah Taylor) – und der verführerische Nachbar Graham (Paddy Considine), ein verrückter „Mystiker", entpuppt sich als große Gefahr. Nun muss Oliver nicht nur Jordana bei Laune halten, sondern auch das Ende der elterlichen Ehe verhindern...

Als Harvey Weinstein den US-Verleih von „Submarine" übernahm, kam es seinem Ruf entsprechend schnell zu Spekulationen über eine für den US-Markt angepasste Schnittfassung des Films – gerade hatte Weinstein noch „The King's Speech - Die Rede des Königs" seiner handlungsrelevanten Schimpfwort-Szenen beraubt. Und nun „Submarine" - der Akzent und dieser „spezielle Humor" seien fern der britischen Inseln kaum verständlich. Doch davon scheint man nun Abstand zu nehmen. Oder, wie es Richard Ayoade in einem Interview ausdrückte: „Der Film ist fertig. George Lucas wird ihn sich nicht noch einmal anschauen." Eine gute Entscheidung, entstand doch unter der Regie des „The IT-Crowd"-Darstellers - Ayoade inszenierte zuvor Musikvideos u.a. für Vampire Weekend und eine Arctic Monkeys-Konzert-DVD – eine der aufregendsten und charmantesten britischen Komödien der vergangenen Jahre.

Die Gedankengänge von Oliver werden mit einer derart sympathischen Leichtigkeit präsentiert, dass auch redundante Szenen zu keinem Zeitpunkt nerven. Eine witzige Anekdote folgt auf die nächste, meist mit der todernsten Erzählstimme des Hauptdarstellers unterlegt. So erfahren wir aus erster Hand, dass der Kuss Jordanas nach „Milch, Minz-Dragees und Dunhill International" schmeckt. Mit inneren Monologen dieser Art beweist Richard Ayoade ein tolles Gespür für urkomische Situationen und findet zudem einen narrativen Anschluss an Joe Dunthornes Romanvorlage. Auch visuell trifft Ayoade den richtigen Ton – mit Panoramen der schroffen walisischen Landschaft oder bei einer abgedrehten Coaching-Veranstaltung des verrückten Nachbars. Ayoade pflegt einen originell-nostalgischen Stil, den manch einer sicher für etwas „zu cool, zu Indie" halten wird.

Doch besonders in den tragikomischen Momenten ist er seinen Figuren ganz nah und vermittelt die Olivers eigensinnige Weltwahrnehmung auf einfühlsame Weise. Für die Sonderlinge Oliver und Jordana wurden mit Craig Roberts und Yasmin Pape zwei aufregende Talente gecastet, die mit beeindruckender Authentizität spielen. Als Olivers Vater wurde Noah Taylor gewonnen, der als lethargisch-langweiliger Meeresbiologe Llyod einer der Sympathieträger des Films ist. Sally Hawkins, deren schauspielerische Qualitäten weithin bekannt sind, gibt dessen unzufriedene Ehefrau. Sie sucht nach neuen Abenteuern, vor allem in der unmittelbaren Nachbarschaft.

An Kuriosität kaum zu übertreffen ist Paddy Considines Graham, der als Guru und Life-Coach Motivationstipps gibt - eine unfassbare Figur, die durch Considines exzentrisches Spiel für große Heiterkeit sorgt. Ein besonderes Lob geht zudem an den Soundtrack von Arctic-Monkeys-Frontmann Alex Turner, dessen wundervolle Songs die Gefühlswelt Olivers untertiteln und Stimmungswechsel einleiten. „Submarine" ist einer dieser potentiellen Kultfilme, die man unbedingt rechtzeitig entdecken möchte. Von denen man seinen Freunden und anderen Kino-Begeisterten erzählt. Von denen man hofft, dass sie die Anerkennung bekommen, die sie verdient haben. Richard Ayoade ist eine der interessantesten und charmantesten Indie-Komödien der jüngsten Zeit gelungen.
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