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Schilf - Alles, was denkbar ist, existiert
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Schilf - Alles, was denkbar ist, existiert
Von Robert Cherkowski
In ihrem Roman „Schilf" von 2007 widmete sich Juli Zeh der in Physikerkreisen heiß debattierten Theorie paralleler Universen – und machte sie zum Aufhänger für ein Gedankenspiel irgendwo zwischen Michel Houellebecqs „Elementarteilchen", Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften" und Friedrich Dürrenmatts „Richter und sein Henker". Da sie damit nicht nur unter Wissenschaftlern, sondern auch bei einer breiten Leserschicht großen Erfolg hatte, kommt Claudia Lehmanns Leinwandadaption nun wenig überraschend. Mit spielfreudigen Darstellern und diesem so außergewöhnlichen Thema sollte man von „Schilf - Alles, was denkbar ist, existiert" mit gutem Grund faszinierendes deutsches Kino mit Sci-Fi-Spitzen erwarten dürfen – eine gelungene Literaturverfilmung ist Lehmann dabei aber leider nicht geglückt. Dafür ist ihre Inszenierung zu risikofrei, zu konventionell, kurz: nicht ansatzweise kongenial.

Seit Jahren liegen die Studienfreunde und Physikprofessoren Sebastian (Mark Waschke) und Oskar (Stipe Erceg) im Clinch über ihre Theorien - Sebastian vertritt die „Viele-Welten-Theorie" und geht davon aus, dass es unendlich viele Paralleluniversen gibt, die sich mit jeder getroffenen Entscheidung immer weiter verästeln. In Oskars Welt gibt es nur ein Universum mit nur einem linearen Zeitablauf – dafür arbeitet er mit Hochdruck an einer Zeitreise-Theorie. Plötzlich wird Sebastians Leben gehörig durcheinander gewirbelt: Mit der Entführung seines Sohnes wird er unter Druck gesetzt, den windigen Arzt Ralph Dabbeling (Paul Grasshoff) zu ermorden. Zwar ist Sebastians Sohn bald wieder daheim – die schnüffelnde Polizei und die Schuldgefühle nach dem Auftragsmordmord treiben den Physiker allerdings schnell an den Rand des Wahnsinns. Und dann ist da noch der mysteriöse Greis Schilf, der Oskar zum Verwechseln ähnlich sieht...

Die Idee hinter „Schilf" ist hochspannend und erfordert höchste Konzentration. Links und rechts am Wegesrand werden Hinweise und irreführende Handlungsfäden ausgelegt, so dass die Erzählung erfrischend unvorhersehbar ausfällt. Auch wenn hier reichlich quantenphysischer Jargon erklingt, ist dennoch immer nachvollziehbar, worum es in den Dialogen eigentlich geht und welche wissenschaftlichen Thesen hier gegenüberstehen. Mit Mark Waschke ist ein äußerst charismatischer Hauptdarsteller dabei, dessen Schicksal jederzeit interessant bleibt – und das, obwohl man ihm den Physikprofessor nicht unbedingt abkauft. Auch Stipe Erceg steht nicht gerade für den Typ Naturwissenschaftler, verfügt dafür aber über genau die mysteriöse Ausstrahlung, die es für seine geheimnisumwitterte Rolle braucht. Waschke und Erceg haben eine derart starke Leinwandpräsenz, dass die restliche Besetzung kaum Akzente setzen kann.

Dass „Schilf" trotz interessanter Prämisse und überzeugender Hauptdarsteller dennoch schnell zu einem so unbefriedigenden Filmerlebnis wird, liegt an Claudia Lehmanns Nummer-sicher-Inszenierung und einem zu vorsichtigen Drehbuch-Entwurf. In einem Paralleluniversum hätten sich vielleicht Formvollender wie Benjamin Heisenberg oder Christoph Hochhäusler an den Stoff begeben und kongeniale Kinobilder zur Vorlage produziert. Via Zeitreise in die 70er, die Hochzeit des deutschen Autorenfilms, wäre ebenso eine Adaption durch wüste Kino-Philosophen wie Rainer Werner Fassbinder denkbar – der hat schließlich mit dem Meisterwerk „Welt am Draht" längst bewiesen, wie extravagant deutsche Sci-Fi-Versuchsanordnungen sein können.

Stattdessen wirkt „Schilf" weitestgehend wie ein hastig produziertes Fernsehspiel, mit dem ja keine Sehgewohnheiten attackiert werden sollen und das Julie Zehs Erzählung so einfach nicht gerecht wird. Immer wieder schrecken die Autorinnen Lehmann und Leonie Terfort vor entscheidenden Schritten ins Genre-Reich des wilden Paranoia-Thrillers zurück. Selbst die eigentlich sehr makaber erdachten Mordszenen lassen nie Nervenkitzel aufkommen. Eine Splatte-Orgie hätte hier niemand erwartet, das hätte dem Anspruch der Vorlage auch kaum entsprochen. Wie klinisch sauber und verschämt aber selbst Enthauptungen und Kopfschüsse abgehandelt werden, raubt den entsprechenden Szenen dann jedoch jeglichen Schockwert.

Fazit: Um wirklich alle Wendungen und Details zu durchschauen, verlangt „Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert" geradezu nach einer zweiten Sichtung – zumindest in der Theorie. Bei einer so lauwarmen Adaption rentiert es sich jedoch eher, einfach gleich (noch einmal) zur Romanvorlage zu greifen.
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