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    Elysium
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Elysium
    Von Carsten Baumgardt

    Die Mittelschicht, das Rückgrat einer jeden Gesellschaft, wird laut Statistik in den vergangenen Jahren stetig kleiner. Diese Tendenz zeigt sich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, auch in Deutschland. Die vielzitierte Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Dennoch sind soziale Unruhen wie bei den Straßenschlachten in den Pariser Banlieues im Herbst 2005 oder bei den jüngsten Massen-Demonstrationen in Rio de Janeiro und anderen brasilianischen Städten in der westlichen Welt eher eine Ausnahme - noch. Der südafrikanische Regie-Shooting-Star Neill Blomkamp („District 9“) denkt die Entwicklung einfach mal 141 Jahre weiter und schafft mit „Elysium“ eine entsprechend düstere Zukunftsvision, die er mit satter Action befeuert. Der Film sieht phantastisch aus und das Design der titelgebenden Raumstation ist atemberaubend, aber Handlung und Figuren fallen weitgehend holzschnittartig aus und so fehlt Blomkamps Vision letztlich die inhaltliche Substanz, um aus einem optisch beeindruckenden ein wahrhaft zukunftsweisendes Science-Fiction-Werk zu machen.

    2154: Die Erdbevölkerung vegetiert in monströsen Megaslums vor sich hin, das soziale Gefüge auf dem verschmutzten Dreckplaneten ist völlig außer Kontrolle geraten. Nur wenige Superreiche sind der irdischen Welt entflohen und haben es sich 400 Kilometer über der Erde in einer gigantischen Raumstation namens Elysium gemütlich gemacht. Dort mangelt es an nichts, Maschinen gewährleisten selbst bei schwersten Krankheiten und Verletzungen die vollständige Regeneration –  sogar ewiges Leben scheint hier schon bald nicht nur theoretisch möglich zu sein. Die Elysium-Welt wird von einem einflussreichen Rat kontrolliert, dessen Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster) die Reichen-Oase mit brutalen Mitteln schützt. Erdenflüchtlinge, die regelmäßig in die Atmosphäre Elysiums eindringen, lässt sie gnadenlos abschießen oder deportieren. Ihre unmenschlichen Methoden stoßen jedoch auf immer mehr Widerstand im Rat, woraufhin sie mit Unterstützung von John Carlyle (William Fichtner), der auf der Erde einen ausbeuterischen Mega-Konzern leitet, einen Putsch plant. Dem steht jedoch der Gangsterboss Spider (Wagner Moura) im Wege, der Carlyle exekutieren lassen will, um an weltverändernde Daten zu kommen. Bei der Umsetzung dieses Plans soll ihm der vorbestrafte Fabrikarbeiter Max De Costa (Matt Damon) helfen, der bei einem Arbeitsunfall lebensgefährlich verstrahlt wurde und nur noch fünf Tage zu leben hat. Als Belohnung für den Einsatz verlangt der Todgeweihte von Spider einen Trip nach Elysium…



    Der Südafrikaner Neill Blomkamp schoss mit dem für vergleichsweise günstige 30 Millionen Dollar produzierten Science-Fiction-Kracher „District 9“ wie aus dem Nichts in die oberen Sphären Hollywoods und qualifizierte sich für größere (sprich: teurere) Aufgaben. Das Budget seines Nachfolgers „Elysium“ ist nun viermal so hoch wie jenes von „District 9“ und erneut findet sich jeder Cent in den spektakulären Schauwerten auf der Leinwand wieder: Das Design und die technische Umsetzung der Elysium-Welt sind atemberaubend – ein wenig wirkt es, als wären die Nobelvororte des heutigen Miami in die Zukunft teleportiert worden. Die Raumstation mit ihrem luxuriös-kalten Look ist die passende Kulisse für das pseudo-elitäre Treiben ihrer heillos privilegierten Bewohner: Man hält sich für kultiviert, ohne es wirklich zu sein. Man spricht viel Französisch, lässt sich von Robotern feinste Häppchen servieren und trägt edle Mode (des 21. Jahrhunderts!). Der Kontrast zum Hauen und Stechen auf der Müllhalde Erde, bei dem es um das nackte Überleben und ein letztes bisschen Würde geht, könnte kaum größer sein und dem trägt Blomkamp auch mit seiner Inszenierung Rechnung, wobei sein dystopisches Porträt der Slums von Los Angeles dem rau-realistischen Johannesburg aus „District 9“ frappierend ähnlich sieht.

    Für seine Sicht auf eine durch soziale Gegensätze verpestete Zukunft greift Neill Blomkamp auf einige klassische Science-Fiction-Motive und –Erzählmuster zurück: Er nimmt bei Fritz Langs „Metropolis“ genauso Anleihen wie bei H.G. Wells‘ „Die Zeitmaschine“ (seine Morlocks begehren bereits im Jahr 2154 gegen das System auf), dazu sind die Einflüsse von Paul Verhoevens Genreklassikern „Total Recall“ und „RoboCop“ unübersehbar. Den Zynismus des Niederländers kehrt der Südafrikaner jedoch in Philanthropie um. „Elysium“ mag in einer fiesen und niederträchtigen Welt angesiedelt sein, die Botschaft des Filmemachers ist dennoch durch und durch humanistisch. Und von Botschaft kann hier durchaus die Rede sein, denn Blomkamp lässt überdeutlich werden, was er für gut und richtig hält. Statt Widersprüche auszuloten oder Nuancen aufzufächern, bleibt er jedoch nur an der Oberfläche und hält an schematischen Gegensätzen fest, dadurch bekommt die Erzählung manchmal einen regelrecht penetranten Tonfall. Das ist alles andere als subtil (so etwa eine rührselige Vorgeschichte aus der Kindheit von Held Max De Costa) und nimmt dem Film einiges von der möglichen Überzeugungskraft.

    Blomkamps Entwurf der (un)schönen neuen Welt fällt einfach zu dünn aus. Das Alltagsleben auf Elysium und auf der Erde ist kaum ausgestaltet, der soziale Sprengstoff, den der Regisseur auslegt, nur von grobem Kaliber. Es gibt nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß – was ebenso für die Figurenzeichnung gilt. Dazu läuft das Ganze auch noch weitgehend überraschungsfrei ab, aber immerhin sind die Actionszenen durchaus abwechslungsreich inszeniert. Zuweilen wirken sie ein wenig altmodisch - der gute alte Faust- und Schwertkampf ist im Jahr 2154 immer noch nicht aus der Mode gekommen -, doch neben diesem charmanten Anachronismus gibt es auch noch einige krachend-peppige Demonstrationen neuester Technik wie etwa einen spektakulären „Vorgarten“-Crash eines Raumschiffs auf Elysium. Hier punktet Blomkamp einmal mehr mit tollen Schauwerten, aber die optische Brillanz kann die erzählerischen Defizite des Films nicht vollständig kaschieren.

    Die Schauspieler holen ihrerseits das Menschenmögliche aus Neill Blomkamps oberflächlichem Drehbuch heraus. So zeigt Matt Damon („Bourne“- Reihe, „Behind The Candelabra“) in der Hauptrolle eine gewohnt souveräne Leistung. Sein Max wirkt mit seinem glattpolierten Kahlschädel wie ein „RoboCop light“ mit einem Schuss nobler Wilder: ein Hitzkopf mit dem Herz auf dem rechten Fleck und ein veritabler Held. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Jodie Foster („Contact“, „Taxi Driver“) hat es da schon schwerer, weil ihre Eiserne Elysium-Lady so eindimensional platt und berechnend gezeichnet ist, dass kein Raum für Zwischentöne bleibt. Mit ihrer strengen Präsenz zeigt Foster aber trotz akuter Unterforderung Klasse. An dem Auftritt von Blomkamps Stammschauspieler Sharlto Copley („District 9“, „Das A-Team“) werden sich unterdessen die Geister scheiden. Der Südafrikaner spielt seine Figur namens Kruger, die für die intrigante Verteidigungsministerin das terrestrische Terrorkommando anführt, so sehr over the top, wie es in dieser Blockbustersaison kein zweites Mal zu sehen war. Mit kaum verständlichem Akzent grunzt er tollwütig seine Dialoge und ist ansonsten einfach nur abgrundtief böse, womit sich Copley ganz hart am Rande der Karikatur bewegt. Bei all diesen Stereotypen erweist sich ausgerechnet der als Erdbösewicht eingeführte Gangsterboss Spider (gespielt von Wagner Moura) als einzige Figur mit etwas Tiefgang und spannungsvollem Innenleben.

    Fazit: Nach seinem Kult-Debüt „District 9“ wurden hohe Erwartungen in Neill Blomkamps neuen Film gesetzt. Denen kann der südafrikanische Regisseur jedoch mit seinem überragend gut aussehenden Science-Fiction-Actioner „Elysium“ nur auf visueller Ebene mehr als gerecht werden. Inhaltlich erreicht er dieses starke Niveau jedoch nicht annähernd und enttäuscht mit Eindimensionalität und Formelhaftigkeit.

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