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Unser Paradies
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Unser Paradies
Von Sascha Westphal
Natürlich war früher nicht alles besser. Wer das behauptet, blickt mit von Nostalgie getrübten Augen auf das Vergangene und macht sich letztlich selbst etwas vor. Aber trotzdem gilt eben auch, dass nicht jede Veränderung, nicht jeder Wandel auch gleich eine Verbesserung bedeutet. Das Queer Cinema, das nicht-heterosexuelle Kino, hat in den vergangenen 30 Jahren zweifellos an Bedeutung gewonnen. Zumindest in den westlichen Gesellschaften ist es mittlerweile zu einem selbstverständlichen Teil der Film- und Kinokultur geworden und im Mainstream angekommen. Aber es hat sich dabei auch angepasst, nicht nur in Amerika, wo sich große Teile des Independent-Kinos sowieso den Verlockungen des Geldes und des Erfolgs hingegeben haben, sondern auch in Frankreich. Die Zeit, in der das französische Queer Cinema mit den rauen, aufregenden Arbeiten von Patrice Chéreau und André Téchiné, von Cyril Collard und schließlich François Ozon allseits Beachtung fand, ist vorüber. Natürlich drehen Chéreau, Téchiné und Ozon immer noch Filme und sind sich dabei bemerkenswert treu geblieben. Nur gehen von ihnen nicht mehr die Impulse aus wie in den 80er und 90er Jahren. Mit dem düsteren Stricher-Märchen und -Melodrama „Unser Paradies" verbeugt sich nun Gaël Morel vor eben jener Ära und erinnert so daran, was das Kino, und längst nicht nur das Queer Cinema, durch seine Hinwendung zu unverbindlichen Arthouse-Produktionen in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren verloren hat.

Vassili (Stéphane Rideau) hat nie den Absprung geschafft. Seit seiner weit mehr als nur ein Jahrzehnt zurückliegenden Ankunft in Paris geht er anschaffen. Damals war das kein Problem. Ein gutaussehender junger Mann aus der Provinz konnte in der Welt des schnellen, käuflichen Sex über Nacht ein Star werden und sich so in ihr verlieren. Mittlerweile findet Vassili seine Freier nur noch im Internet oder über Kleinanzeigen und muss sich dann anhören, dass sie eigentlich einen viel Jüngeren erwartet haben. Gelegentlich zieht es ihn aber doch noch in sein altes Revier, den Bois de Boulogne. Eines Nachts entdeckt er dort im Gras einen jungen bewusstlosen Mann (Dimitri Durdaine), der zusammengeschlagen und vergewaltigt wurde. Vassili nimmt sich des Unbekannten, den er Angelo taufen wird, an und verliebt sich augenblicklich in ihn.

„Unser Paradies" ist ein Film mit zwei Gesichtern. Das eine trägt die Züge eines verwunschenen Märchens. Schon die erste Begegnung zwischen Vassili und Angelo gleicht einem Traum, der plötzlich wahr wird. Nicht ohne Grund fragt der wieder zu sich gekommene Angelo seinen Retter als erstes, ob er tot sei. Beide sehen sie in ihrem Gegenüber so etwas wie einen Engel, ein göttliches Wesen, das ihnen das Schicksal oder die Vorsehung geschickt hat. Die Liebe zueinander ist das einzige, was ihrem bisherigen Leben noch einen Sinn geben kann. Plötzlich scheint Erlösung möglich zu sein. So inszeniert Gaël Morel die Szenen, in denen sie miteinander alleine sind, als Momente überirdischen Glücks. In diesen traumhaften, aber niemals kitschigen Augenblicken fällt alles andere von Stéphane Rideau („Wilde Herzen", „Brüderliebe") und Dimitri Durdaine ab. Sie haben dann tatsächlich etwas Engelsgleiches.

Aber diese märchenhafte Liebesgeschichte ist eben nur die eine Seite dieses in jeder Hinsicht radikalen Porträts zweier Stricher. Die andere führt direkt durch die Hölle. Im Lauf der Jahre hat sich in Vassili eine ungeheure Wut auf nahezu alle Freier aufgestaut, die ihn schließlich zu einem Serienmörder gemacht hat. In den Szenen zwischen Vassili und seinen Kunden schließt Morel direkt an die Filme von Patrice Chéreau („Der verführte Mann"), André Téchiné („Barocco") und Cyril Collard („Wilde Nächte") an. Ganz ungeschminkt zeigt er die Schattenseiten einer Welt, in der mit dem Sex auch die Menschen selbst zur Ware werden, in der Lust von einem Augenblick auf den anderen in pure Gewalt umschlagen kann. Vassili und Angelo gehen im wahrsten Sinne durch die Hölle und verwandeln sich dort in rächende Engel des Todes.

Fazit: Gaël Morel gelingt mit seiner Hommage an das Queer Cinema vergangener Jahre eine ebenso faszinierende wie verstörende Gratwanderung. Sie ist zu gleichen Teilen Liebesgeschichte und Serienkiller-Ballade. Morel spielt dabei nie die eine gegen die andere Seite aus, sie gehören als Spiegel der Extreme des menschlichen Seins vielmehr zusammen. Damit erübrigt sich auch jedes moralische Urteil seitens des Filmemachers. Wie seine beiden (Anti-)Helden bewegt auch er sich in einem Reich jenseits klassischer Moralvorstellungen und fordert so den Betrachter dazu heraus, eigene Positionen zu überdenken.
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