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    So weit und groß - Die Natur des Otto Modersohn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    So weit und groß - Die Natur des Otto Modersohn
    Von Jonas Reinartz
    Hugo von Hofmannsthal schrieb einst über den idealen Goethe-Leser folgendes: „Er muss viel von sich, von der Atmosphäre des eigenen Lebens draußen lassen. Er muss die Großstadt vergessen. Er muss zehntausend Fäden seines augenblicklichen Fühlens, Denkens und Wollens durchschneiden." Ohne gleich eine Wesensverwandtschaft beider Künstler konstatieren zu wollen – über die wünschenswerte Rezeptionshaltung eines Betrachters der Arbeiten des Landschaftsmalers Otto Modersohn (1865-1943) ließe sich durchaus Ähnliches mutmaßen. Dessen eindringliche Schilderungen ländlicher Einsamkeit und unsentimentaler Idylle fordern geradezu zu kontemplativer Versenkung auf. Schon früh wandte er sich von den herrschenden Lehrmeinungen seiner Zeitgenossen ab und gründete mit befreundeten Kollegen, darunter Fritz Mackensen und Hans am Ende, die sogenannte „Künstlerkolonie Worpswede". In dem nahe Bremen gelegenen Ort konnte den eigenen Kunstauffassungen ungestört nachgegangen werden, Erfolge im In-und Ausland stellten sich ein. Obgleich der freiheitsliebende Modersohn die Kolonie bald als Korsett empfand und wieder austrat, traf er in Worpswede zugleich auf seine zukünftige Frau Paula Becker (1876-1907), mit der er eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Partnerschaft führte. Nach ihrem Tod sollte ihr Ruhm den des Gatten sogar noch überstrahlen. Die Dokumentation „So weit und groß – Die Natur des Otto Modersohn" wurde zwar vom Urenkel des Künstlers, Carlo Modersohn, im Auftrag seiner Tante Antje, der Leiterin des Modersohn-Museums, inszeniert, doch naive Heiligenverehrung wird glücklicherweise vermieden. Aufgrund der dezenten Präsentation, die sich ausschließlich auf zeitgenössisches Quellenmaterial stützt, entstand ein angemessener, unaufgeregter Rückblick auf eine faszinierende Epoche der deutschen Kunstgeschichte, auch wenn das Ganze filmisch eher wenig ambitioniert erscheint.



    Komplexe geschichtliche oder künstlerische Zusammenhänge im – primär visuellen – Dokumentarfilm einem breiteren Publikum zugängig zu machen, ist kein leichtes Unterfangen. Die denkbar einfachste Methode ist jenes Verfahren, Schlüsselszenen in Hollywoodmanier nachzustellen, weil so das Geschehen aufgrund vertrauter Dramaturgie einfacher zu „konsumieren" ist. Mitunter sorgt dies allerdings für unfreiwillige Komik, gerade wenn vertraute TV-Gesichter mit angeklebten Schnurrbärten polternd Reichskanzler mimen. Daher ist die Zurückhaltung des Regisseurs umso positiver zu bewerten. Von den Ergebnissen einer eineinhalbjährigen Recherchereise ausgehend, stützt er sich lediglich auf historisches Material als Basis. Akustisch zusammengehalten von Erläuterungen eines von Hanns Zischler („München", „Hilde") gesprochenen Erzählers sowie von vertonten Auszügen aus Tagebucheinträgen, Briefen und Betrachtungen von Rainer Maria Rilke (1875-1926), entfaltet sich das Leben Otto Modersohns anhand von dessen eigener Kunst, ergänzt durch fremde Werke und Zeitzeugnisse wie etwa Fotographien aus dem damaligen Alltagsleben. Dies sind gute Voraussetzungen, um sich behutsam in eine vergangene Welt zu begeben, zumal der Individualismus Modersohns und die erstaunlich tolerante Beziehung zu seiner leider erst posthum gefeierten Künstlergattin leichte Anknüpfungspunkte für unsere Gegenwart darstellen. Insbesondere die angenehme Stimme Zischlers passt bestens zum Geschehen. Mittels der Simultaneität der Zeichensysteme entstehen Stimmungsbilder, die etwa in einem kommentierten Bildband schlicht unmöglich wären. Ein Missgriff ist hingegen die sehr repetitive und zu laut abgemischte Musik Therese Strassers, die sich an der Minimal Music eines Philip Glass („The Hours") orientiert, dabei jedoch an diese Qualität nie heranreicht.

    Angesichts der übrigen Leistungen ist die misslungene Musik aber ein nicht allzu schwer ins Gewicht fallender Fauxpas. Formal ist „So weit und groß" ansonsten grundsolide. Durch die begrenzte Anzahl an Quellen herrscht gelegentlich eine gewisse Eindimensionalität, etwas mehr Kontextualisierung oder andere (heutige) Perspektiven hätten geholfen, dies zu vermeiden, freilich auf Kosten des strengen Konzepts. Kunstinteressierte können hier aber auf unterhaltsame Weise Neues erfahren oder ihr Wissen vertiefen.
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