Faust
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Faust

4,0


Von Ulf Lepelmeier

Die Geschichte des ewig nach Höherem strebenden Dr. Faustus hat unzählige literarische, musikalische und filmische Adaptionen erfahren. Johann Wolfgang von Goethes zweiteilige Tragödie „Faust", an deren Entstehung der Verfasser mehr als ein halbes Jahrhundert arbeitete, ist die bekannteste und bedeutendste Umsetzung des Stoffes und gilt als Höhepunkt und Quintessenz der gesamten deutschsprachigen Literatur. Regisseur Alexandr Sokurov („Russian Ark") geht nun das Wagnis ein, Goethes Meisterwerk in seine Einzelteile zu zerlegen und sie auf eigenwillige Weise wieder zusammenzusetzen. Das surreal anmutende Historiendrama des russischen Regisseurs erweist sich als äußerst ungewöhnliche Interpretation der traditionellen Faustmär, die den Zuschauer mit ihrer hypnotischen Bildsprache in ihren Bann zieht.

Faust (Johannes Zeiler) sieht in seiner Arbeit als Mediziner keinen Sinn mehr und hadert mit seinem Dasein im Allgemeinen und mit der Wissenschaft, die ihm nicht die erhofften Antworten auf die Fragen dieser Welt liefert, im Besonderen. Unzufrieden und von Geldsorgen geplagt, fasst er den Entschluss, Selbstmord zu begehen. Doch bevor er sich das bereits besorgte Gift einflößen kann, tritt Mephistopheles (Anton Adasinskiy) in der Gestalt eines aufdringlichen Wucherers in sein Leben. Der unförmige Mann bietet Faust schon bald einen Handel an. Der Preis: die Seele des Lebensmüden...

Den nach seiner Uraufführung bei den 68. Filmfestspielen von Venedig frenetisch beklatschten und schließlich mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten „Faust" sieht Regisseur Sokurov als Abschluss seiner Tetralogie über die Droge „Macht" an. Deren verheerende Verführungskunst und zerstörerische Kraft standen schon im Zentrum von „Moloch", „Taurus" und „Die Sonne", in denen er Adolf Hitlers letzte Tage, Wladimir Lenins Verzweiflung und das Eingeständnis der Fehlbarkeit von Gottkaiser Hirohito in den Blick nahm. Mit seiner Interpretation des Faust-Mythos vollendet Sokurov sein filmisches Viergestirn über das maßlose Streben nach Macht auf beeindruckende Weise und lässt auf seine freien Porträts realer Protagonisten aus der Geschichte die symbolisch aufgeladene, zeitlose Urgeschichte über das ewig strebende und nie zufriedenzustellende Individuum.

Mit der ehrwürdigen Goethe-Vorlage geht Alexandr Sokurov trotz seiner Entscheidung, in deutscher Sprache zu drehen, keineswegs zimperlich um und eröffnet neue Lesarten. Er folgt zwar grob dem Verlauf des ersten Teils der Tragödie, doch geht die dramaturgische Struktur im Detail völlig verloren. So findet sich nur der Beginn der Liebes- und Leidensgeschichte Gretchens (Isolda Dychauk) in Sokurovs Drama wieder, dafür verwendet der Regisseur auch einzelne Elemente aus Goethes zweitem Teil, wie etwa die Erschaffung des Humunculus und das Aufsteigen in die Himmelssphären. Zudem fließt ein derber Humor in das teils ins Surreale umschlagende Historiendrama ein und einige der bekannten Figuren erfahren eine klare Umdeutung. Dabei setzt der Filmemacher auf einen deutsch-österreichischen Cast um die Kraft der Lyrik Goethes nicht zu zerstören, selbst wenn nur einzelne der klassischen Verse erklingen. Gerade im symbolschwangeren Finale, in dem Gretchens Schicksal angedeutet und Faust zum alleinigen Schuldigen gemacht wird, traut sich Sokurov viel. Der Teufel soll aus der Welt vertrieben werden und doch ist klar, dass er den Menschen auf ewig heimsuchen und in Versuchung führen wird. Verantwortlich ist dafür letztlich die Menschheit, die sich nicht von der Sucht nach Macht befreien kann.

Mephistopheles in der Gestalt des teuflischen Geldverleihers wird von Anton Adasinskiy herrlich weltfremd verkörpert. Ganz anders als in Gustaf Gründgens‘ berühmter Mephisto-Interpretation ist Adasinskys Teufel kein geschickter, allmächtiger Schmeichler mit imposantem Äußeren, sondern ein unförmiges Wesen, das kurzatmig mit krummem Rücken neben dem stattlichen Dr. Faust herhinkt. Fassbinder-Muse Hanna Schygulla („Die Ehe der Maria Braun") tänzelt immer wieder wie in Trance durch das Bühnenbild und darf Faust letztlich nur eine Warnung vor ihrem angetrauten Teufelsgatten mit auf den von Verlockungen gepflasterten Weg geben. Der Protagonist wird vom charismatischen Johannes Zeiler („Die Vermessung der Welt") als von seinem unerfüllten Verlangen Getriebener dargestellt, der seine Worte meist mit einer nachdenklichen, fiebrigen Beiläufigkeit von sich gibt. Sein Dr. Faustus ist ein Rationalist, ein Zyniker, der auf Übernatürliches nichts gibt, während seine Umwelt zwar den Glauben an Gott verloren zu haben scheint und sich unter der Geisel böser Kräfte wähnt.

Georg Friedrich („Mein bester Feind") stellt Fausts Famulus Wagner hingegen als geistig zu beschränkten Gesellen da. Mit ihrem schlichten Vokabular und der volkstümlichen Sprechweise erscheint seine Wagnerfigur vom buchgläubigen, engstirnigen Wissenschaftler der Faust-Tragödie so weit entfernt, dass man ihm die Erschaffung des Humunculus überhaupt nicht mehr zutraut. Mit Isolda Dychauk („Borgia") wurde für die Rolle des Gretchens hingegen ein Glücksgriff getan, denn sie strahlt mit jedem Augenaufschlag und mit jeder Geste die passende Naivität und Unschuld aus. Die Szenen des aufflackernden Verlangens, mit den in gleißendes Licht getauchten Nahaufnahmen der ersten scheuen Blicke und Berührungen zwischen Faust und Gretchen gehören zu den eindrucksvollsten Momenten in Sokurovs Film und benötigen keine Dialoge.

Mit den an den Stil alter flämischer Meister erinnernden Bildkompositionen, die mit ihrem ins Gelb- und Grünliche tendierenden Farbstich einen weltfremden und schmutzigen Charakter bekommen, schaffen Sokurov und sein Kameramann Bruno Delbonnel („Die fabelhafte Welt der Amelie") eine einmalig entrückte Filmsprache, die oft einen skurrilen Eindruck hinterlässt, was durch die zahlreichen obskuren Kamerawinkel noch verstärkt wird. Die Faustische Welt wird zu einem unwirklichen Ort stilisiert, der von obszönen Menschen und flüchtig auftauchenden mystischen Schreckgestalten bevölkert wird. Nur in den kurzen Momenten, in denen das gleißende Licht die Körper der beiden tragisch Liebenden einhüllt, scheint die ewig fließende Kamera zur Ruhe zu kommen. In der Lichtsetzung und mit dem exaltierten Spiel der Darsteller, das an den Stil der Stummfilmzeit anknüpft, erweist Sokurow Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust" von 1926 Reverenz. Dazu erschafft Komponist Andrey Sigle aus sich überlagernden Dialogen, anschwellenden Geräuschen und Anklängen an die Musik von Richard Wagner und Gustav Mahler vielschichtige Klangwogen, die das düstere Märchen sphärisch durchfluten.

Fazit: Sokurovs „Faust" ist eigenwilliges und durchaus anstrengendes Arthouse-Kino, das mit seiner eindrucksvollen formalen Gestaltung und der kühnen Neuinterpretation der traditionsreichen Faust-Geschichte beeindruckt.

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