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Das Kind
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Das Kind
Von Andreas Günther
Der deutsche Psychothriller-Autor Sebastian Fitzek sorgt seit 2006 mit solch großem Erfolg für nervenaufreibende Spannung in den Lesesesseln, dass zahlreiche Produzenten Film-Optionen auf seine Romane erwarben. Inszeniert von TV-Regisseur und -Schauspieler Zsolt Bács kommt mit „Das Kind" nun die erste Fitzek-Verfilmung ins Kino. Die Bestseller-Adaption bietet elektrisierende Bilder, rasantes Tempo und zwei Hollywood-Schauspieler aus der dritten Reihe: Eric Roberts („The Dark Knight") – älterer Bruder von „Pretty Woman" Julia Roberts – und Sunny Mab-rey („Snakes on a Plane") geben der in englischer Sprache gedrehten deutschen Produktion zwar internationales Flair, eingefleischte Anhänger der Romane dürften dennoch Fitzeks effizienten Spannungsaufbau vermissen. Die Filmversion des Thrillers ist nämlich trotz der Mitwirkung des Starautors am Drehbuch erzählerisch wirr geraten.

Staranwalt Robert Stern (Eric Roberts), spezialisiert auf schwierige Strafprozesse, nimmt sich auf Bitten der Krankenschwester Carina Freitag (Sunny Mabrey) eines ungewöhnlichen Mandanten mit einem noch ungewöhnlicheren Fall an: Der zehnjährige Simon Sachs (Christian Traeumer), der wegen eines Hirntumors nur noch kurze Zeit zu leben hat und von grauenvollen Visionen heimgesucht wird, behauptet, 15 Jahre zuvor, also fünf Jahre vor seiner Geburt, mehrere Menschen ermordet zu haben, die allesamt Verbrecher gewesen sein sollen. Während Carina Simon für die Reinkarnation eines Serienkillers hält, glaubt Stern, dass das Kind an Wahnvorstellungen leidet. Doch dann erhält der Anwalt die Videonachricht eines geheimnisvollen Unbekannten. Dieser droht, Sterns Exfrau Sophie (Yvonne Maria Schäfer) zu töten und ihm den Aufenthaltsort seines totgeglaubten Sohnes Felix vorzuenthalten, wenn er nicht Simons Fall übernimmt. In Zusammenarbeit mit dem zwielichtigen Andi Borchert (Ben Becker), Carina und Simon kommt Stern einem skrupellosen Pädophilen-Ring und einem selbsterklärten Rächer auf die Spur...

Nach den Überraschungserfolgen von „Tattoo" und „Anatomie" schlummerte der Serienkillerfilm heimischer Machart für mehr als eine Dekade vor sich hin. „Das Kind" ist nun so etwas wie die Auferstehung des Genres, um nicht zu sagen: seine Reinkarnation. Wie so viele Killerfilme vor ihm, ist auch „Das Kind" stilistisch an „Sieben" orientiert, David Finchers inzwischen auch schon 17 Jahre alten modernen Klassiker des Genres. Dabei setzt Kameramann Kim Howland („Ripleys Game") aber durchaus eigene Akzente: Mit cleveren Farbeffekten erzeugt er nicht nur eine düstere, meist in schmutziges Braun getauchte Atmosphäre, sondern schafft auch eine einleuchtende optische Unterscheidung verschiedener Realitätsebenen. Zumindest ansatzweise gelingt das Verschwimmen von Wirklichkeit und Halluzination, hier liegt eine Ahnung von jenen expressionistischen Albtraumwelten in der Luft, mit denen das deutsche Kino in Klassikern wie „Das Cabinet des Dr. Caligari" und „Nosferatu" einst Weltruhm erlangte. Auch Simons Jenseits-Phantasie, von den Cuttern Lena Bieniek und Bernd Schriever grandios geschnitten, hat einen ganz eigenen Reiz – formal werden immer wieder beachtliche Akzente gesetzt.

Was der ersten Verfilmung eines Romans von Sebastian Fitzek jedoch eklatant fehlt, ist das Vertrauen der Macher in die eigene Geschichte. Fast pausenlos wird die Netzhaut mit Schockmomenten, blutigen Axtmorden und mumifizierten Leichen attackiert, während rasant schnell der nächste Wendepunkt der Handlung naht. Fast glaubt man, dass Regisseur Zsolt Bács sich noch im Fernsehen wähnte und Angst hatte, der Zuschauer würde wegzappen, wenn nicht jede Sekunde ein Schädel gespalten wird. Bei all der plakativen Gewalt erinnert man sich wehmütig an die Subtilität, mit der Fitzek das Grauen in seinem Roman qualvoll langsam enthüllt. Davon ist der Film weit entfernt, aber das ist nicht das einzige Problem.

Bei all der Hektik und Gewalt bleibt keine Zeit, eine Beziehung zu den Hauptfiguren aufzubauen, die doch in der Buchvorlage so genau konturiert sind. Was Robert Stern und Carina Freitag miteinander verbindet, bleibt zum Beispiel völlig unklar. Fitzeks Geschichte wird derart kompliziert aufbereitet, dass auch Kenner des Romans kaum mitkommen. Ein regelrechtes Ärgernis ist zudem eine Szene im Bordell, die im Roman nicht vorkommt und in der – mit einem zehnjährigen Jungen als neugierigem Betrachter der nackten käuflichen Damen – in unappetitlichem Voyeurismus geschwelgt wird.

Wie trotz eines relativ vorhersehbaren Plots ein spannender Film entstehen kann, bewies im gleichen Genre etwa Mathieu Kassovitz mit „Die purpurnen Flüsse". Er konnte sich nicht zuletzt auf das packende Zusammenspiel von Jean Reno und Vincent Cassel verlassen, doch so eine Dynamik stellt sich hier nicht ein. Dafür hätte Bács seinen Stars ebenso viel Entfaltungsmöglichkeiten geben müssen wie manchen Nebendarstellern. Besonders der junge Christian Traeumer ist mit seinem melancholischen Blick ein großartiger Simon, ebenso überzeugt Ben Becker („Comedian Harmonists", „Sass – Die Meisterdiebe") als Andi Borchert. Die Idee, den in erster Linie als Komiker bekannten Dieter Hallervorden („Didi – Der Doppelgänger") einen pädophilen Bildungsbürger spielen zu lassen, ist dann aller-dings doch etwas befremdlich.

Fazit: Eine effektorientierte Regie und ein überladenes Drehbuch bieten viel plakativen Thrill, können der hochspannenden Romanvorlage von Sebastian Fitzek aber nicht gerecht werden.
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